Neuer Veranstaltungsort bereits etabliert

Neuer Veranstaltungsort bereits etabliertGörlitz, 21. Oktober 2021. Veranstaltungen leben nicht nur von ihren Inhalten, sondern auch von ihren Veranstaltungsorten. Und manchmal ist die Symbiose perfekt: Etwa wenn das Synagogal Ensemble Berlin im Kulturforum Görlitzer Synagoge auftritt, am 31. Oktober 2021 um 16 Uhr im Kuppelsaal, als einer der Höhepunkte des Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Das von Regina Yantian gegründete und geleitete Ensemble will jüdische Liturgien und kantorale Musik aus vergangenen Jahrhunderten zugänglich machen.

Abb.: Das Buch "Die Neue Görlitzer Synagoge" (ISBN: 978-3-95565-463-4) ist 2021 bei Hentrich & Hentrich Berlin/Leipzig erschienen – "...ein opulent gestaltetes und großzügig illustriertes Buch voller bewegender Geschichten...", wird Dr. Marius Winzeler, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, auf der Webseite des Verlags zitiert.

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Zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland"

Zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland"

Der prächtige Kuppelsaal ist Zeugnis der einstigen Bedeutung der Jüdischen Gemeinde in Görlitz

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Thema: Jüdisch

Jüdisch

Juden hatten und haben einen großartigen Anteil an der Entwicklung Deutschlands in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Leben ist undenkbar ohne die Erinnerung an die Zeit, als es in Deutschland ausreichte, Jude zu sein, um verhaftet, deportiert und umgebracht zu werden, wenn man nicht rechtzeitig geflohen war.

Zur Aufführung gebracht werden Werke der barocker Synagogalmusik über Kompositionen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Moderne und israelischer Chormusik. Das aktuelle Programm folgt dem Motto "200 Jahre Synagogalmusik in Süddeutschland". Mit dem Solisten Kantor Gabriel Loewenheim werden Werke von Heinrich Schalit, Louis Lewandowski und Emanuel Kirschner erklingen.

Die Neue Synagoge in Görlitz wurde von 1909 bis 1911 errichtet und nach Jahrzehnten des Vefalls und notdürftiger Sicherung restauriert und im Juli 2021 als "Kulturforum Görlitzer Synagoge" wiedereröffnet, wobei die hinter dem Thoraschrein des Kuppeksaals gelegene Wochentagssynagoge auch für religiöse Zwecke von der Jüdischen Gemeinde Görlitz/Zgorzelec und Umgebung e.V. genutzt wird. Die kulturelle Nutzung des Hauses, das auch über Seminarräume verfügt, verantwortet die Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH. Seit der Wiedereröffnung waren beispielsweise bereits Joachim Gauck, Fritz Pleitgen, Bettina Wegner und Giora Feidmann zu Gast.

Mehr:
Veranstaltungen im Kulturforum Görlitzer Synagoge mit Link zum Ticketkauf für den Auftritt des Synagogal Ensembles Berlin 31. Oktober 2021.



Kommentar:

Die wie der größte Teil der Görlitzer Altstadt im "real existierenden Sozialismus", wie die linken Führer ihr Gesellschaftssystem ungewollt ironisch nannten, verfallene Neue Synagoge ist nun wieder auferstanden – die nicht von irgendwelchen abstrakten Nazis, sondern auch mit Hilfe von Görlitzer Mitbürgern ausgelöschte Jüdische Gemeinde der Stadt nicht. Dass sich jüdisches Leben in Görlitz heute nicht nur als Erinnerung findet, ist ganz wesentlich der noch jungen Jüdischen Gemeinde Görlitz/Zgorzelec und Umgebung e.V. und ihrem Vorsitzenden, dem Kantor Alex Jacobowitz, zu verdanken.

Das eröffnet freilich ein Spannungsfeld, das jenseits von formalrechtlichen Fragen liegt: Gläubige Juden in der Stadt und eine Synagoge, die in ihrem eigentlichen Sinne keine mehr ist? Vielleicht kann man sich dem Problem mit einer Parallele besser nähern: Die von Sozialismus und Kommunismus faselnden Machthaber in der Sowjetunion machten teils aus Kirchen Ställe, doch selbstverständlich blieben die auf diese Weise entweihten Gebäude in den Augen der christlichen Bevölkerung Kirchen – bis die christlichen Traditionen weitgehend erloschen und erst nach dem Ende des roten Reiches eine Rückbesinnung einsetzte.

Wie sich die Görlitzer Synagoge als Gotteshaus entwickeln wird, ist kaum vorherzusagen. Die aktuelle Lösung, die im Haus befindliche kleine Wochentagssynagoge religiös nutzen zu dürfen, wird von der kleinen Jüdischen Gemeinde vor Ort sehr geschätzt und wohl niemand wäre so vermessen, den großen Bau in jüdischem Eigentum haben zu wollen. Die künftige Entwicklung des Hauses ist sicherlich eng an die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde vor Ort gebunden. Das ist ein spannender Prozess: Übt die sanierte Synagoge und das sich in ihr und womöglich in der Stadt entfaltende kulturelle und religiöse Leben eine so starke Anziehungskraft aus, dass sich wieder mehr Juden in Görlitz niederlassen? Warum sollen aus Osteuropa und den früheren Republiken der Sowjetunion stammende Juden nach Israel auswandern, wenn Görlitz sie mit offenen Armen empfängt?

Bei aller Spekulation: Die aktuelle Lösung der Mitbenutzung zur Andacht und zum Gebet ist vernünftig, auch wenn die Schlüsselgewalt bei der Stadt beziehungsweise ihrer Kulturservicegesellschaft liegt. Mit der Wiedereröffnung Synagoge ist ein Anfang gemacht, jüdisches Leben in Görlitz wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen. Immerhin haben die Deutschen den Optimismus jüdischer Liberaler, ein völlig selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, in den Jahren des Ersten Weltkriegs bis zur NS-Diktatur schwer enttäuscht, wie man in der bei De Gruyter Oldenbourg im Jahr 2018 erschienenen Monografie von Anna Ullrich »Von "jüdischem Optimismus" und "unausbleiblicher Enttäuschung" – Erwartungsmanagement deutsch-jüdischer Vereine und gesellschaftlicher Antisemitismus 1914-1938« (ISBN: 978-3-11-052913-5) detailliert nachlesen kann.

Doch was wäre das Volk der Juden ohne seinen Optimismus? Denken wir positiv, meint Ihr

Thomas Beier

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  • Quelle: red / Kommentar: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 21.10.2021 - 08:27Uhr | Zuletzt geändert am 22.10.2021 - 00:56Uhr
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