Grünschnäbel ergreifen die Macht

Grünschnäbel ergreifen die MachtMittelherwigsdorf, 6. April 2022. 13 Wahlgänge musste der Görlitzer Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen am vergangenen Wochenende in der Kulturfabrik Meda in Mittelherwigsdorf absolvieren, bis klar war, wer dem neuen Vorstand angehört. Der hat sich mit der Wahl deutlich verjüngt.

Abb.: Das sind die neuen Sprecher des Görlitzer Kreisverbandes der Bündnisgrünen Alexander Hilse und Carolin Renner

Foto Alexander Hilse: Silman Schil Graßelt, Foto Carolin Renner: privat

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Grüne Jugend entert Görlitzer Kreisvorstand der Bündnisgrünen

Thema: Parteien, politische Akteure und Wähler

Parteien, politische Akteure und Wähler

Demokratie lebt von Akteuren, die substantiell zu Meinungsvielfalt beitragen, konsensfähig sind und so handeln, dass möglichst viele einbezogen werden und ein allgemein anerkannter Nutzen für die Gesellschaft entsteht, der über das oft genannte "Zeichen setzen" hinausgeht.

Die neue Doppelspitze des Kreisverbands von Bündnis90/Die Grünen bilden der Alexander Hilse, 21 Jahre alt, und Carolin Renner, die schon 25 ist. Gewählt wurden ebenfalls die 18jährige Helena Schnettler, Hannah Krause, 21, Maxi Israel, 25, und Felix Friedrich, 22, allesamt aus der Grünen Jugendorganisation kommen und nun mit zwei Dritteln die Mehrheit im Kreisvorstand bilden. Kreisschatzmeister ist jetzt Tobias Schlüter, 43, Ebenfalls zu Beisitzern gewählt wurden Ralf Krsanowski, 41, und Mario Kretzschmar, mit 48 Jahren der Methusalem im Vorstand. Insgesamt dominieren Leute aus dem Süden des Landkreises Görlitz den bündnisgrünen Kreisvorstand.

Wahl beinahe unmöglich – Görlitzerin rettet Situation

Aufgrund zahlreicher coronabedingter Absagen war die Mitgliederversammlung zunächst nicht beschlussfähig – es bei 24 anwesenden Mitgliedern eine weitere stimmberechtigte Person. Rettender Engel war Kreisgeschäftsführerin Anja-Christina Carstensen, die der Partei spontan beitrat. Der Aufnahmeantrag wurde digital abgeschickt, der Stadtverbandsvorstand bestätigte satzungskonform die Aufnahme.

Wer sind die Neuen an der Spitze?

Carolin Renner, die Annett Jagiela als Kreissprecherin ablöst, war zum Studium nach Görlitz gekommen, machte hier ihren Bachelor im Studiengang "Kultur und Management", an den sie aktuell das "Management des Sozialen Wandels" als Masterstudium anschließt. Sie hat erfolgreich die Grüne Jugend in Görlitz neu aufgestellt und kandidierte zur letzten Bundestagswahl auf der sächsischen Landesliste der Bündnisgrünen. Bisher war sie Beisitzerin im Stadtverbandsvorstand Görlitz.

Alexander Hilse löst Sylvio Pfeiffer-Prauss als Kreissprecher ab. Hilse war schon als Aktivist in der Fridays for Future Bewegung in Zittau aufgefallen, war, bevor er 2021 von den Bündnisgrünen aufgenommen wurde. Er schließt seinem Studium "Kultur und Management" eine Ausbildung zum Sozialassistenten an. Als Gründer der Initiative "Jugendstadtrat Zittau" und sein Mitwirken im Bürgerbegehren zum Ausbau der Parkschule Zittau weist auch er kommunalpolitische Erfahrung vor.

Wohin soll die Reise gehen?

Der neue Vorstands orientiert sich an den allgemeinen bündnisgrünen Zielsetzungen, eine Mitteilung nennt "den Ausbau und die Elektrifizierung des Nahverkehrs, einen sozialverträglichen Umstieg auf erneuerbare Energien und die Einhaltung des 1,5 Grad-Ziels".

Doch da ist noch etwas: Der neue Vorstand der Kreisbündnisgrünen möchte den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Landkreis Görlitz stärken, denn der habe "durch Polarisierung und Polemisierung in der Corona-Debatte spürbar Risse bekommen". "Um unsere freiheitlich-demokratische Ordnung aktiv zu leben ist es unsere Aufgabe, kreative und konstruktive Ideen aus der Bevölkerung sichtbar zu machen und im selben Zug Brücken zwischen Kreis-, Landes- wie Bundespolitik und der Lebensrealität der Bürger:innen zu bauen", so der frischgebackene Kreissprecher Hilse, der damit seine Grundkenntnisse im Politik-Sprech nachweist und viele etwas ratlos zurück lässt: Was sind Bürger:außen?


Kommentar:

Die Wahl des bündisgrünen Kreisvorstands steht für einen Politikwechsel – nicht in der Stoßrichtung bündnisgrüner Politik, sondern beim Alter der Akteure. Viele Ältere können schlecht damit umgehen, wenn sehr junge Leute aktiv Politik machen oder mit ihren Forderungen auf der Straße herumrennen. "Was haben die denn schon geleistet, die haben doch gar keine Erfahrungen!", heißt es dann schnell. Doch sie haben etwas anderes, an dem es Kritikern oft mangelt: Eine verdammt gute Bildung, naja, also Bildungsgrundlage. Wer sich hingegen auf Erfahrungen beruft hat oft weder zu seinen Erfahrungen beigetragen noch diese jemals reflektiert. Welchen Wert also haben Erfahrungen, die man im Verlaufe seines Lebens hier und da zwangsläufig macht?

Völlig berechtigt stellen junge Leute die Frage an die Älteren, wie sie es zulassen konnten, dass der Planet – und ganz besonders in Ostdeutschland – vermüllt und vergiftet wurde. Zur Erinnerung: Der Untergang der ostdeutschen Industrie war ein riesiger Qualitätsgewinn für die Umwelt und erst die bundesdeutsche Gesetzgebung – wie beispielsweise die Technischen Anleitungen zur Behandlung von Siedlungsabfällen – schuf Grundlagen für maßgebliche Umweltentlastungen. Das allerdings ist keine Beruhigung, keineswegs, schaut man etwa auf die hemmungslose Plastikproduktion und das geringe Ansehen von von nachhaltiger Nutzung, das oft mit der Ansicht einhergeht, dass sich jemand etwas Neues nicht leisten könne.

Jedoch hat Jugendlichkeit in der Politik auch ihre Kehrseite: Hier entstehen Politkarrieren von Leuten ohne Bodenhaftung, besonders wenn sich eine frisch hochschulgeprägte und damit vergleichweise schmale Wissenswelt als Sendungsbewusstsein manifestiert, das einer Korrektur aus systemischer Betrachtung und Lebenserfahrung eben nicht unterliegt. Vielleicht ist es genau das, was bei vielen ein tiefes Misstrauen gegenüber bündnisgrünen Eliten und ihrem Fußvolk verankert hat.

So gesehen kann man es nur sportlich nehmen, wenn sehr junge Leute in der Politik nach Verantwortung streben, das ist ja nicht allein bei den Bündnisgrünen so, auch wenn sich im Kreis Görlitz bei einer spärlich besuchten Mitgliederversammlung der Nachwuchsverein fulminant durchgesetzt hat. Ob es ein gutes Zeichen ist, wenn Leute im Alter ab 50 im Kreisvorstand einer Partei nicht vorkommen? Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sicherlich ebenso wenig wir für die Qualität von Politik, meint jedenfalls

Ihr Thomas Beier



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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Junge Politiker

Von Norbert Hanßen am 07.04.2022 - 14:09Uhr
Das Problem ist, wenn man einen Dummen schlau macht, man bekommt ihn nicht wieder dumm.

Jeder Elektriker braucht ein Zeugnis, sonst geht garnichts! Aber Politiker und der Bundeskanzler brauchen keinen Berufsabschluss,das sieht man an ganzen Politik. Am Ende heißt es nur gewählt ist gewählt !

Gruß N. Hanßen

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  • Quelle: red / Kommentar: Thomas Beier, Foto Alexander Hilse: Silman Schil Graßelt, Foto Carolin Renner: privat
  • Erstellt am 06.04.2022 - 07:44Uhr | Zuletzt geändert am 06.04.2022 - 08:20Uhr
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