Görlitz - a place to go?

Görlitz-Zgorzelec. „Welche Kultur braucht die Kulturstadt?“ war eine von der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete musikalisch umrahmte Diskussion am 16. November 2010 in der ehemaligen Synagoge zu Görlitz überschrieben. Auf dem Podium hatten sich Kultur-Giganten aus Görlitz versammelt.

Wie weiter nach dem Wunden lecken?

Nachdem das Streicher-Trio der Neuen Lausitzer Philharmonie verklungen war, ging es zunächst ans Wunden lecken: Die formal gescheiterte Kulturhauptstadt-Bewerbung, die einst wie ein Ruck durch Görlitz gegangen war, scheint noch immer nicht verarbeitet. Strippenzieher und mögliche Gründe für die Bevorzugung von Essen und den Ruhrpott wurden angeführt.

Für die nahe Zukunft scheint Görlitz formal bestens gerüstet: Für Kultur gebe es hier etwa doppelt so viel Geld wie im Deutschland-Schnitt ähnlicher Städte, war zu erfahren.

Unterm Strich ist das eine Bestandsaufnahme, die nichts nutzt außer zum Beweis, dass sich in Görlitz eine Vielfalt von kulturellen Aktivitäten über den Bestand hinaus aktivieren lässt ... wenn man sie nur lässt. So hatte der vom Duo Baumgart-Solari in Gang gesetzte elitäre Kulturhauptstadtbewerbungsprozess anderen Protagonisten der Stadt wenig Spielraum gelassen. Davon scheint sich sie Szene erst jetzt zu erholen.

Wohlgeordnet

Vielleicht deshalb erging sich das von Dr. Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz und Vorsitzender des Fördervereins Görlitzer Synagoge e.V., gemeinsam mit einem Vertreter von Weiterdenken! moderierte Podium in Statements, die von ganz persönlichen Blickwinkeln bestimmt wurden. Zugegen waren Dr. Michael Wieler, Görlitzer Kulturbürgermeister, in Vertretung der Assistent von Dr. Markus Tacke, Siemens AG, Lutz Thielemann als Geschäftsführer der Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH, Prof. Eckehard Binas, Kulturphilosoph an der Hochschule Zittau-Görlitz und Birgit Beltle von der Yepp Initiative Görlitz-Zgorzelec.

Symptomatisch für Görlitzer Kultur (wenn es denn so etwas spezifisches überhaupt gibt) war die musikalische Begleitung des Abends: Anfang und Ende mit dem Streichertrio der Neuen Lausitzer Philharmonie und zwischendrin drei Acts mit Sell Fish Head, einer Görlitzer Jugendband: Das konservative Görlitz trennt ordentlich zwischen der sogenannten E- und U-Musik, anstelle den Schmelztiegel zu geben. Und so gab es für die Berufsstreicher ordentlichen Beifall und für die sympathischen Jungrocker zuckende Füße und sogar verhaltene Begeisterungsrufe.

Ein erfrischender Wieler

Als überraschend erfrischend erwies sich Dr. Wieler, der über die Aufhebung von Einbahnstraßenregelungen zwecks Förderung der Begegnungskultur sinnierte - tatsächlich mit tiefem Sinn: Wer zuviel ordnet und Zuständigkeiten definiert, normiert die Kreativität und fördert lähmendes Macht- und damit Konkurrenzdenken. Ein gesundes Quäntchen Chaos hingegen organisiert sich selbst.

Auch Wielers Ablehnung von „Kultur als Standortfaktor“ gehört so manchem Plappermaul ins Stammbuch geschrieben. Kultur in Görlitz werde für die Menschen der Stadt gemacht, so Wieler. Wie anders auch sollte Kultur lebendig gehalten werden?
Auch die Kosten der Kultur und deren Finanzierung kamen zur Sprache. Auch hier war es Wieler, der es auf den Punkt brachte: Während in der Wirtschaft die Produktivität der Beschäftigten seit Jahrhunderten steigt, bleibt die Produktivität in der Kultur konstant. Zumindest in der Urproduktion der Kultur, muss hinzugefügt werden, ein Opernsänger kann eben nur in einer Aufführung am Abend auftreten.

Prof. Binas trug den Begriff der „Stubenhocker-Stadt“ in die Runde, ohne ihn als Vorwurf zu benutzen. Diese Diskussion wurde nicht ausgedehnt, sind es doch eine Unmenge sozio-kultureller Faktoren, die eine kulturlahme Masse in Görlitz beeinflussen. Gehofft wird auf die stärkere Nutzung der Brücken, die den West- und den Ostteil der Europastadt verbinden.

Einiges "nicht implantierbar"

Kultur - quantitativ bewertet - hat in Görlitz fruchtbaren Boden, qualitativ zeigen sich Lücken. So habe zeitgenössische Kunst in Görlitz kaum eine Chance, wurde angemerkt. Was richtig ist, aber „das könne man nicht implantieren“, so Wieler.

In der kurzen Zeit des Abends wurde sogar ausgeholt bis in die zu erwartenden Schnitte am Kulturraumgesetz - demonstrieren oder im Hintergrund die Strippen ziehen?

Laut wurde der Ruf nach kulturellen „Lichtfiguren“. Figuren gibt es in der Görlitzer Kulturszene zweifelsohne genug, nur mit der Beleuchtung hapert es halt noch. Gut so, sonst könnte auffallen, dass die Eintrittskarten in den Klub der Görlitzer Kulturvorreiter vorrangig unter Personen verteilt sind, die teils nicht müde werden zu betonen, woher sie kommen und seit wie viel Jahren sie in Görlitz sind - fast, als ob´s a Schand wär.

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Ergebnis: Görlitzer Kultur ist

zu wenig (4.7%)
 
zu einseitig (9.4%)
 
vielfältig (6.3%)
 
hochwertig (1.6%)
 
provinziell (49.5%)
 
zu institutionalisiert (18.8%)
 
ausgewogen (8.9%)
 
mehr als genug (1%)
 
anderes (0%)
 
Nichtrepräsentative Umfrage
Umfrage seit dem 18.11.2010
Teilnahme: 192 Stimmen
Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Görlitzer Kultur

Von Ernst am 23.11.2010 - 13:52Uhr
Ist das jetzt ein Witz, dass in der Umfrage niemand für "hochwertig" klickt?

So schlimm ist es doch nun auch wieder nicht?

Oder doch?

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  • Quelle: red / FRS | Erstveröffentlichung am 18.11.2010 - 00:12 Uhr
  • Zuletzt geändert am 17.11.2010 - 23:29 Uhr
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