Multimedia für Kulturforum Görlitzer Synagoge

Multimedia für Kulturforum Görlitzer SynagogeGörlitz, 6. April 2020. Wer künftig das Kulturforum Görlitzer Synagoge besucht, wird multimedial auf Spurensuche durch die jüdische Geschichte der Stadt gehen können. Mit Blick auf die für Ende 2020 geplante Wiedereröffnung des Sakralbaus entstehen dazu eine audiovisuelle Führung durch ausgewählte Teile der Synagoge sowie zwei Filme. Einer davon widmet sich namhaften jüdischen Persönlichkeiten, die in Görlitz zur Welt kamen oder in der Stadt wirkten und die durch ihr Lebenswerk oder Schicksal bekannt geworden sind.

Das Synagogengebäude auf der Otto-Müller-Straße in Görlitz

Archivbild: © Görlitzer Anzeiger

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Besucher können mit technischer Hilfe übertünchte Spuren suchen

Besucher können mit technischer Hilfe übertünchte Spuren suchen

Empore der restaurierten Neuen Synagoge zu Görlitz, die zum Kulturforum werden soll

Archivbild: © Görlitzer Anzeiger

Mit dem Audioguide soll es möglich werden, die ehemalige Synagoge, die als Bauwerk erhalten geblieben ist, während die jüdische Bevölkerung größtenteils inhaftiert oder umgebracht wurde oder im glücklichsten Falle fliehen konnte, zu entdecken. Somit ist das im Jahr 1911 als "Neue Synagoge" – als Ersatz für die von nun an alte Görlitzer Synagoge – eröffnete Haus nicht nur Denkmal jüdisch-religiösen Lebens, sondern auch deutsch-jüdischer Geschichte

Über das Menü auf den Multimedia-Geräten lassen sich thematische Bereiche aufrufen, etwa zur Baugeschichte, zu jüdischer Bildsymbolik und zu synagogaler Musik. Zudem können sich die Besucher des Hauses mit Biografien von Mitgliedern der praktisch ausgelöschten Görlitzer Synagogengemeinde vertraut machen (heute existiert ein Verein namens Jüdische Gemeinde Görlitz/Zgorzelec und Umgebung e.V.). "Über den Kontrast zwischen historischen Fotos und dem heute Sichtbaren sollen Zeitschichten erkennbar werden", heißt es in einer Mitteilung – Zeitschichten, die zuvor perfekt ausradiert wurden.

Die Komplett-Sanierung des Hauses hat die Spuren der Zeit fast vollständig ausgemerzt: Von der fast wundersamen Rettung durch die Görlitzer Feuerwehr, die das von Görlitzern während des Novemberpogroms 1938 angezündete, brennende Haus löschte, so dass nur leichte Schäden blieben, über den Kauf durch die Stadt Görlitz im Jahr 1963 bis hin zum bis 1991 andauernden Verfall. Seinen Charakter als erzählendes Denkmal jedenfalls hat das Haus verloren, ob ein elekronischer Führer da etwas retten kann?

Der audiovisuelle Rundgang wird in Deutsch, Englisch, Polnisch und Tschechisch angeboten. Für Schüler ab der sechsten Klasse ist eine spezielle Führung vorgesehen, die sich am Lehrplan orientiert und in vereinfachter Sprache produziert wird.

Fördermittel und Beteiligte

Und wieder Fördermittel im Spiel: Das Vorhaben wird durch eine Förderung aus dem Kooperationsprogramm INTERREG Polen–Sachsen 2014-2020 möglich. Dazu hatte die Stadt Görlitz 2019 einen Fördervertrag innerhalb des Projektes "Lernen und Verstehen – Zukunft durch Erinnerung" unterzeichnet. Lead-Partner ist dabei die polnische Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur (Fundacja Pamiȩć, Edukacja Kultura). zu den Partner gehören zudem der Meetingpoint Music Messiaen e.V., das Internationale Begegnungszentrum St. Marienthal, der Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V., die Stadt und die Landgemeinde Zgorzelec.

Nach einer beschränkten Ausschreibung mit Teilnahmewettbewerb erteilte die Stadt Görlitz der Ausstellungsagentur musealis GmbH und der orpheo Deutschland GmbH, beide unter gleicher Anschrift in Weimar ansässig, am 2. März 2020 den Zuschlag. Als Bietergemeinschaft sollen die Unternehmen den multimedialen Audioguide und die zwei Filme produzieren. Der Auftragswert beläuft sich auf rund 92.000 Euro, wobei 85 Prozent der Sachkosten über das INTERREG-Programm bezuschusst werden. Der Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V. Verein liefert die Inhalte sowohl für die audiovisuelle Führung als auch für die beiden Filme. Ziel bei der Entwicklung dieser didaktischen Elemente ist es, die ursprüngliche Bestimmung der Görlitzer Synagoge und die hohe baulich-künstlerische Qualität des national bedeutsamen Denkmals zu veranschaulichen.

Die Stadt Görlitz kauft bei der orpheo Deutschland GmbH 30 moderne Multimediageräte mit großem Display, von denen sich die Besucher führen lassen können. Fünf der Geräte haben Tasten und Braille-Markierungen für die Bildbeschreibung für Sehbehinderte. Schwerhörige können die Inhalte als Text-Version lesen.

Kurzfilme

Die beiden Filme von jeweils etwa 10 bis 15 Minuten Spieldauer sollen auf einem großen Bildschirm im früheren Sitzungszimmer der Synagoge gezeigt werden. In der ersten Produktion soll es um die Geschichte der Juden in Görlitz gehen, wobei sich der Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart spannt – von der Gründung der jüdischen Gemeinde in Görlitz im Jahr 1850 und den Bau der Neuen Synagoge über die Brandstiftung 1938 und die Vernachlässigung unter den Sozialisten der "DDR". Auch die langjährige Wiederherstellung der Synagoge und die mühsame Suche nach Nutzungsideen sollen vorkommen.

Der andere Streifen zeigt fünf jüdische Persönlichkeiten, die aus Görlitz stammen, dort lebten oder wirkten: den Mäzen Martin Ephraim (1860 bis 1944), den Schriftsteller und Rechtsanwalt Paul Mühsam (1876 bis 1960 – "Träume, Freund, enttäuschen nie"), die österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin Mira Lobe (1913 bis 1995), den Gründer des Pharma-Konzern Teva, Günther Friedländer (1902 bis 1975) sowie den Autohändler und späteren LDPD-Politiker Artur Schlesinger (1890 bis 1981), der in Görlitz den Nationalsozialismus überlebte.

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  • Erstellt am 06.04.2020 - 15:13Uhr | Zuletzt geändert am 06.04.2020 - 17:12Uhr
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