Skulptur Projekte Münster

Skulptur Projekte MünsterMünster | Görlitz, 2. Juni 2017. Skulptur Projekte Münster – noch nie gehört? Dann wird es Zeit. Während sich Görlitz noch vom Kulturschock der "Görlitzer ART"*), einer Ausstellung junger und etablierter Künstler aus Breslau (Wrocław) und Niederschlesien (Dolny Śląsk) erholt, steht das westfälische Münster in den Startlöchern zur fünften Auflage seiner Skulpturprojekte. Hundert Tage lang – bis zum 1. Oktober 2017 – ist dann öffentliche Kunst in Münster und der Nachbarstadt Marl zu erleben.

Unausweichliche Konfrontation der Öffentlichkeit mit moderner Kunst

Unausweichliche Konfrontation der Öffentlichkeit mit moderner Kunst

Am Domplatz in Münster nicht zu übersehen: Die Stadt bereitet sich auf die Skulptur Projekte vor.

Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" - das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

Die Besonderheit der Ausstellung Skulptur Projekte Münster (SPM) ist, dass sie nur alle zehn Jahre zu erleben ist (Erstauflage 1977, richtig gerechnet). Die unausweichliche Konfrontation der Öffentlichkeit mit moderner Kunst begann in Münster wie im Görlitz des Jahres 2016/17, nur eben schon 1977. Doch während in Münster diese Konfrontation – behutsam gesagt: Aufklärung – erklärtes Ziel war, wollte Görlitz nur ein "Schaufenster" der polnischen europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2016. Dennoch: Auch wegen des Begleitprogramms, vor allem der Einzelausstellungen der Künstler, wurde auch in der niederschlesischen Metropole an der Neiße die Kunstdiskussion befeuert und es bleibt zu wünschen, dass die Görlitzer ART als Initialzündung für weitere Kunstprojekte im öffentlichen Raum der deutsch-polnischen Doppelstadt erweist.

Aufklärung ist keine einfache Sache. Das zeigte sich in Münster beispielsweise 1985, als Katharina Fritsch eine lebensgroße gelbe Putzreplik der Madonna von Lourdes auf der Straße zeigte - eine Provokation für die katholisch geprägte Stadt Münster. Die betenden Hände der Skulptur wurden zerschlagen.

Das macht die Skulptur Projekte Münster besonders

Anliegen der Skulptur Projekte ist es, nicht nur mit Kunst, sondern auch für Kunst eine Öffentlichkeit zu schaffen. Das unterscheidet die SPM von vielen anderen Projekten im öffentlichen Raum, bei denen es meist vor allem um die soziale und wirtschaftliche Stadtentwicklung geht. Auch der Veranstaltungsrhythmus von zehn Jahren diffrenziert die Skulptur Projekte Münster von anderen großen Ausstellungen, selbst international gesehen.

Ihr Renommée beziehen die SPM aus kuratorischer Sorgfalt, zugleich aber einer großen Freiheit. Die daraus resultierende öffentliche Wirkung ist enorm. Die Stadt Münster als Ausstellungsort, seit 2017 gemeinsam mit Marl**), hat sich zu einem erfahrenem Kooperationspartner entwickelt, was einen kompromisslosen Umgang mit moderner Kunst ermöglicht.

*) "Görlitzer ART" war ein gemeinsames Projekt der Städte Görlitz und Breslau, organisiert im Zuge der Kulturhauptstadt Europas Breslau 2016, kuratiert durch die Breslauer Eugeniusz-Geppert-Akademie der schönen Künste und koordiniert durch die städtische Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH.

**) Marl gehört mit 85.000 Einwohnern sowohl zum Regierungsbezirk Münster als auch zur Metropolregion Rhein-Ruhr. Anders als die kontinuierlich gewachsene Kaufmannsstadt Münster mit aktuell 300.000 Einwohnern (Tendenz steigend) entstand Marl durch den
Zusammenschluss ehemaliger Dörfer mit Siedlungen von Bergarbeitern und Angestellten der Chemieindustrie. Von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre hinein vollzog sich dabei ein derartiger Bevölkerungszuwachs, dass man zwischenzeitlich davon ausging, Marl werde sich zur Großstadt entwickeln.
Als Reaktion auf diese Prognosen und um das fehlende historische Zentrum zu kompensieren, errichtete die Stadt in den 1960er und 1970er Jahren ein modernes Rathaus auf der grünen Wiese, mit Wohnhochhäusern und dem Einkaufszentrum Marler Stern. Das von den holländischen Architekten Johannes Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema 1957 entworfene und von 1960 bis 1967 errichtete Gebäudeensemble steht als innovatives Beispiel deutscher Nachkriegsmoderne heute unter Denkmalschutz und repräsentiert somit eine Epoche, die man in der nach historischem Vorbild wiederaufgebauten Stadt Münster nahezu vergeblich sucht. Kurz: Die nach dem Zweiten Weltkrieg von beiden Städten gewählten Identitäten, Wiederaufbau und Kontinuität in Münster, radikaler Neubeginn in Marl, könnten unterschiedlicher nicht sein.
Kunst im öffentlichen Raum spielt dabei aus unterschiedlichen Gründen in beiden Städten eine entscheidende Rolle. Grob vereinfacht lässt sich die Entwicklung in Marl als integraler Bestandteil zur Vermittlung eines humanistischen, modernen Weltbildes begreifen, während die ersten Skulptur Projekte in Münster erst eine Dekade später nach wie vor im Konflikt mit und in Opposition zu der konservativen Stadtgesellschaft entstanden.

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Münster

Von Randolph Braumann am 04.06.2017 - 07:16Uhr
Dank für die Grüße aus Münster (geschrieben an jenem Tag, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde).

Fröhliche Pfingsten wünscht Old Randy aus dem Oberlausitzer Sechsstädtebund-Land!

Heute Abend bin ich TV-mäßig bei euch: Schwanensee.

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  • Quelle: TEB | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 02.06.2017 - 00:37 Uhr
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