Lass uns mal spinnen

Lass uns mal spinnenLeipzig | Görlitz, 3. August 2016. Von Thomas Beier. Wenn man über alternative Kultur in Görlitz nachdenkt - wieso eigentlich alternativ? - da kommt man um etwas Spinnerei nicht herum. Womit das Stichwort "Spinnerei" gefallen ist, die "Spinnerei Leipzig" hat den Wandel vom Industriezeitalter in die Kreativwirtschaft vollzogen (Slogan: from cotton to culture) und steht heute für moderne Kunst und Kultur. Der Industriekomplex aus der Gründerzeit, der Galerien, Kunsthandel, Bühnen, nicht zuletzt Künstler und andere Freiberufler, handwerkliche Produktion, Beherberger, Gastronomie, Kino, Vereine und mehr beherbergt, bezieht seinen Charme weniger aus der Sanierung der grundsoliden Backsteinsubstanz als vielmehr aus deren wohlbedachter Konservierung.

Foto: © Görlitzer Anzeiger

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Die Spinnerei Leipzig - ein Vorbild für den alten Görlitzer Schlachthof?

Die Spinnerei Leipzig - ein Vorbild für den alten Görlitzer Schlachthof?

Die Spinnerei Leipzig ist mit ihrer umschließenden Bebauung wie eine eigene Stadt angelegt

Foto: © Görlitzer Anzeiger

Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" – das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

Beim Besuch der alten Leipziger Baumwollspinnerei, 1884 gegründet, einst die größte in ganz Europa und Arbeitgeber für mehr als 1.600 Menschen, steigen mir Gedanken zum ehemaligen Görlitzer Schlachthof hoch. Gewiss ist der kleiner als die Leipziger Spinnerei, die einst eine eigene Industriestadt war, aber dafür auch für Görlitz angemessen. Auch im alten Schlachthof findet sich Gründerzeitbebauung, Räumlichkeiten durchaus vergleichbar denen in der Spinnerei Leipzig.

Wo aber liegt der Entwicklungsengpass in Görlitz? Immerhin haben junge Leute unter Führung des Projektentwicklers IKU seit dem Vorjahr hier aufgeräumt, um Gebäude und Flächen auf eine Nutzung vorzubereiten. Doch die potenziellen Nutzer sprangen ab, wohl vor allem aus zwei Gründen: Zum einen sind es die in die Brüche gehenden Dächer einiger Gebäude, die enorme Folgekosten ahnen lassen, zum anderen erwarten Investoren konkrete und verhandlungsfähige Angebote - ein "alles ist möglich" ist zu weich, um Interesse zu wecken und Entscheidungen vorzubereiten.

Der Görlitzer Bau- und Kulturbürgermeister Dr. Michael Wieler wurde am 27. Juli 2016 in der Görlitzer Lokalausgabe der Sächsischen Zeitung zitiert mit der Aussage, die Stadt Görlitz wolle sich wirtschaftlich bei der Entwicklung des Schlachthof-Areals nicht engagieren. Gut so, denn es ist nicht Aufgabe der Stadt, zu investieren, weil sich die Privatwirtschaft lieber zurückhält.

Aber die Stadt Görlitz sollte Gespür entwickeln für einen Trend, den andere Projektentwickler längst aufgegriffen haben: Die Flucht der Kreativen aus den großen Städten raus aufs Land (allerdings gibt es auch den gegenläufigen Trend). In Quartieren wie dem Prenzlauer Berg in Berlin haben zahlungskräftige Mieter längst die urbane Szene verdrängt, kurz gesagt: Sogar der deutschen Hauptstadt gehen die Szeneviertel aus. Das wiederum ist eine Chance für den ländlichen Raum, zu dem - Verzeihung! - ob seiner Lage auch das abgelegene Görlitz mit seinen ausgeprägten Stadtqualitäten zählt. Was hindert die Stadt Görlitz, der Kreativwirtschaft insgesamt den roten Teppich auszurollen wie schon jetzt der Filmindustrie? Seitens des Bundes sind die Potenziale der Kreativwirtschaft längst erkannt und werden gebündelt in der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung gefördert. Auch die EU bezuschusst die Kultur- und Kreativwirtschaft.

So gesehen muss der Masterplan für den alten Schlachthof in Görlitz über seine bisherige Flächen- und Nutzungsorientierung hinaus weiter gefasst werden: Eigentümer, Projektentwickler, die Verwaltung aus dem deutschen und dem polnischen Stadtteil, die Wirtschaftsförderung und idealerweise Erfahrungsträger aus Leipzig müssen an einen Tisch, um einen "Masterplan Kultur- und Kreativwirtschaft Görlitz-Zgorzelec" zu entwickeln und zwar bitte kurz und knapp, nicht mit so viel Workshop-Senf wie beispielsweise der Masterplan Informations- und Kommunikationstechnologien, Medien und Kreativwirtschaft Berlin Brandenburg 2020 (Download ca. 1,1MB). In einem solchen scharf gefassten Masterplan liegt der wirkungsvollste Punkt für den Ansatz, gleich mehrere brennende Probleme der Stadt ein Stück weit zu lösen: Schlachthof, Wohnungsleerstand, Zuzug jüngerer Einwohner. Die gegenwärtige Kunst- und Kulturszene in Görlitz hat den Boden für ein solches Projekt, das die Stadt im Verhältnis zum PR-Effekt wenig Geld kosten dürfte, gut vorbereitet.

Und hierbei darf sich Görlitz wirklich einmal seiner preußischen Vergangenheit erinnern, wenn es die "Achse Berlin-Görlitz" nutzt, um Kreative anzulocken. Das hat schon früher mit den Pensionären prima geklappt.

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Kommentare Lesermeinungen (1)
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Kreativwirtschaft

Von Prof. Dr. Joachim Schulze am 03.08.2016 - 09:59Uhr
Unsere Stadt Görlitz kann auf ihre Weise sicher ein attraktiver Standort für Kreativwirtschaft sein. Im Unterschied zu den Hot Spots Berlin und Leipzig gibt es hier günstige Mieten - auch für Gewerberäume/Industriebrachen - da die Konkurrenz zu finanzkräftigen Investoren nicht gegeben ist.

Insbesondere der Brautwiesenbogen (Güterbahnhof, Schlachthof, ehemaliges Werk I) bietet hier ein Riesenpotenzial, wenn man alles mal zusammendenkt... Wir haben die Hochschule mit einem passenden Profil an Studiengängen und seit den Neunzigern hat sich doch bereits eine agile Szene von kreativen Leuten (siehe auch Kühlhaus) entwickelt, die schon jetzt in der Lage sind, sich kooperativ zu vernetzten. Die erforderliche "kritische Masse" ist also da - und ich würde mal behaupten, dass in der Kommunalpolitik und bei den Stadtentwicklern die erforderliche Unterstützungsbereitschaft organisierbar ist.

Das Entwicklungsziel Kreativwirtschaft in Görlitz sollten wir also angehen - ich persönlich stehe jedenfalls zur Verfügung.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 03.08.2016 - 06:40Uhr | Zuletzt geändert am 19.01.2021 - 21:24Uhr
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