Gendersprache: So nicht!

Gendersprache: So nicht!Görlitz, 28. Juni 2022. Von Thomas Beier. Gestern ist wieder eine dieser von "Gendersprache" durchzogenen Pressemitteilungen hereingeflattert, eine Ankündigung von Terminen eines Festivals. Warum der Görlitzer Anzeiger das nicht veröffentlicht hat mehrere Gründe, die erklärt werden wollen.

Abb.: Das Foto zeigt zwei Löw:innen im Schlaf – wie absurd! Es zeigt Löwe und Löwin, wobei das bereits aus dem Bild hervorgeht, ergo: zwei Löwen. Angesichts der aufklärenden Abbildung noch ein derbes altes Sprichwort als Schocker für zarte Seelen: Sie lagen beide Arsch und Arsch und furzten den Radetzky-Marsch! Hier zu hören in der "Goldenen Sonne" zu Schneeberg

Foto: fotogerd34, Pixabay License

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Pressemitteilungen und Sprachhygiene

Im konkreten Fall sprechen für uns zwei Gründe gegen die Veröffentlichung auf unseren Plattformen. Der erste hat zum Hintergrund, dass wir rund um die Uhr arbeiten könnten, damit Veranstalter Werbekosten für ihre Ankündigungen einsparen. Das geht natürlich nicht. Besonders ärgerlich ist das, wenn manchmal ellenlange Listen von Sponsoren und Förderstellen mitgeschickt werden. Bitteschön, dann kann man auch einen Werbeetat einplanen.

Gelegentlich kommt dann auch noch ein Anruf, man möge die Veranstaltung doch bitte bewerben, doch das Entsetzen ist regelmäßig groß, wenn man etwa auf einen Werbebutton oder eine Anzeige – hier ein Beispiel – verweist. Was nicht bezahlt werden soll, ist nichts wert – und das tun wir uns nicht an.

Deshalb beschränken wir uns bei Ankündigungen auf aus Redaktionssicht interessante Termine. Eigentlich hätte das Festival deswegen diese erste Hürde genommen, jedoch war in den Pressetext eine weitere Hürde eingebaut: die leidige Gendersprache. Sollen wir nun auch noch Aufwand treiben, um diesen Sprachunfug zu korrigieren? Nein, es gibt besseres zu tun.

Weshalb Gendersprache diskriminierend ist

Davon abgesehen, das Wortgebilde wie Künster:innen, Künstler_innen oder Künstler*innen jegliche Sprachästhetik beim Lesen und Hören vermissen lassen, spricht vieles gegen eine überzogene Geschlechtsbetonung. Will man vielleicht betonen, dass neben den üblichen Künstlerinnen diesmal auch Künstler dabei sind, dann ist es sicherlich angebracht, von Künstlerinnen und Künstlern zu sprechen, aber ansonsten gilt: Stellvertretend für eine Gruppe ist ein Künstler ein Mensch, der selbstverständlich unterschiedlichen Geschlechts sein kann. Bezogen auf eine konkrete Person hingegen ist die geschlechtsspezifische Bezeichnung naheliegend: Pablo, der Künstler, Maria, die Künstlerin. Punkt.

Die Betonung des biologisch weiblichen Geschlechts führt zu neuer Ausgrenzung, denn sie sagt in letzter Konsequenz aus, dass es Menschen und Frauen gibt. Heinrich Lübke, der von 1959 bis 1969 Bundespräsident war, wird fälschlicherweise ein Zitat nachgesagt, mit dem er 1962 in Afrika eine Rede begonnen haben soll: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger, ..." Was damals als Witz galt, lebt in gewisser Weise in der Gendersprache wieder auf, wenn ständig eine Eigenheit einer Personengruppe – hier eben das weibliche Geschlecht – betont wird.

Und genau dagegen wenden wir uns in jeder Form: Wenn wir von Menschen sprechen, dass spielen Aussehen und Geschlecht, Sprache und kulturelle Prägung, Status und Bildungsstand keine Rolle, es sei denn, es ist sinnvoll, Merkmale in einem bestimmten Kontext zu betonen.

Gendersprache ist Formalismus

Warum aber ist der Trend entstanden, die selbstverständliche biologische Vielfalt des Menschen gerade in Bezug auf das Geschlecht ständig zu betonen, noch dazu auf eine sehr formale Weise? Vielleicht ist es ein Ablasshandel wie die Blumen zut Tasse Kaffee mit einem Stück Kuchen, mit denen etwa Schichtarbeiterinnen am Fließband in der "DDR" zum Internationalen Frauentag beglückt wurden. Dazu muss man wissen: Fließbandarbeit war auch in der "DDR" eine verschärfte Form von Ausbeutung zum Zwecke der sozialistischen Planerfüllung, an der eine Geste nichts änderte – und dennoch haben sich die Frauen auf und über diesen zelebrierten Frauentag gefreut.

Andererseits erlebten diese Frauen, die im heutigen Sinne keineswegs gleichgestellt waren, eine Gleichstellung auf anderem Wege, indem versucht wurde, ihrer Lebenssituation mit besonderen Maßnahmen gerecht zu werden. Sogenannte Frauenförderpläne sorgten für Weiterbildung und berufliche Entwicklung, der oft belächelte vorgeschriebene Frauenruheraum hatte mehr als Symbolwert und der monatliche Hausarbeitstag wurde gern genutzt und nicht etwa als diskriminierend empfunden. Kehrseite der Medaille: Schichtarbeiterinnen konnten ihre Kleinkinder in die Wochenkrippe geben, was als fortschrittlich propagiert wurde, aber im Grunde nur der Verfügbarkeit der Arbeitskraft diente und menschenfeindlich war.

Gendersprache ist eine formale Angelegenheit, die keine Verbesserung in Bezug auf Gleichstellung mit sich bringt, aber diktatorische Züge aufweist: Wie anders soll man es werten, dass Abschlussarbeiten von Studenten nicht anerkannt werden, weil der Hinweis, dass wegen der besseren Lesbarkeit auf Gendersprache verzichtet wurde, aber dennoch selbstverständlich alle Geschlechtsformen gemeint seien, als unzureichend gewertet wird? Jene, die über andere Entscheiden, setzen Gendersprache als Machtinstrument ein. Zwar ist sie freiwillig, jedoch handelt sich unter Umständen Nachteile ein, wer sie nicht benutzt.

Andere Dummheiten im Umgang mit Sprache

Statt historische Verantwortung zu übernehmen soll das schlechte Gewissen entlastet werden, wie die Diskussion um die Umbenennung der Haltestelle "Mohrenstraße" in Berlin zeigt. Besser wäre es gewesen, mit einer Tafel die Geschichte des Namens zu erklären und dazu die heutige Sichtweise darauf zu erläutern.

Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass immer mehr kurzsichtige Aktivisten am Werk sind, auch bei der Bewertung des Lebens von Persönlichkeiten aus Kultur und Politik. Es kann doch nicht das Ziel sein, Vergangenheit á la 1984 zu korrigieren! Jede Generation hat mit Widersprüchen zu kämpfen und wo könnte man das besser lernen als aus der Vergangenheit?

Aber schon wird man von der pseudodeutschen Intelligenzja als "Putinversteher" gebrandmarkt, weil der Versuch, dessen Handlungslogik zu verstehen, mit Verständnis dafür haben im Sinne von Zustimmung verwechselt wird.

Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Verzichtswürdige Sprachscheusale

Von Nicole Quint am 29.06.2022 - 07:50Uhr
Das öffentlich-rechtliche Medienangebot FUNK, das sich vor allem an junge Menschen richtet, schrieb jüngst: „Tauben sind Vegetarier:innen.“ Substanzloses Geschwätz und bestenfalls eine kindische Provokation, die eine zu allem entschlossene Beschränktheit der Gender-Gangster entblößt.

Dass eine vermeintlich geschlechtergerechte Sprache die Benachteiligung von Frauen beseitigt, ist empirisch ebenso bewiesen wie Marias unbefleckte Empfängnis. Eindeutig belegt hingegen ist, dass eine Mehrheit das Gendern ablehnt und nicht missioniert werden möchte. Welch Bessermensch wird sich sein Überlegenheitsgefühl wohl von irgendeiner dahergelaufenen Tatsache vermiesen lassen?

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  • Quelle: Thinmas Beier | Foto: Deutsch / fotogerd34, Pixabay License
  • Erstellt am 28.06.2022 - 08:18Uhr | Zuletzt geändert am 28.06.2022 - 10:54Uhr
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