Ottilie und Otto Normalverbraucher in der Klemme

Ottilie und Otto Normalverbraucher in der KlemmeGörlitz, 10. Januar 2022. Von Thomas Beier. Einesteils wird in einzelnen Städten endlich ein öffentlicher Dialog zwischen Impfbedenkenträgern und Verantwortungsträgern geführt. Das täuscht aber darüber hinweg, dass der Frust vieler, die demonstrieren, so tief sitzt, dass er zum Persönlichkeitsmerkmal geworden ist und nun angesichts der Anti-Pandemiemaßnahmen nur ein weiteres Ventil gefunden hat.

Abb: Orientierung zu finden in der Informationsflut kann nur, wer sich an solidem Wissen und Grundwerten orientiert
Symbolfoto: Sam Wiliams, Pixabay License
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Über die wirtschaftlich-soziale und die gesellschaftliche Spaltung

Tatsächlich kommt nun auf einen Schlag vieles zusammen nach den insgesamt stabilen Merkel-Jahren. Ein ganz wesentlicher aktueller Punkt sind für viele die explodierten Energiepreise, am spürbarsten zunächst an der Tankstelle, in aus heutiger Sicht geradezu irrwitziger Weise nach der Ökosteuer wieder einmal beaufschlagt durch nun die Kohlendioxidbepreisung.

Wenn die Angabe auf Kohlendioxid und damit die Verteuerung von fossilen Energieträgern eine Lenkungswirkung in Richtung zu weniger Verbrauch und damit Kohlendioxidausstoß erreicht werden sollte, dann haben die Marktpreise – die aufgrund schwindender Ressourcen von ganz allein weiter steigen – das längst erreicht und die Kohlendioxidbepreisung gehört abgeschafft.

Gekniffen sind die Geringverdiener und immer mehr die untere Mittelschicht

Um beim Kraftfahrer zu bleiben: Wer kann schon angesichts der Treibstoffkosten noch auf Fahrten verzichten? Manche Ausflüge und Besuche anderenorts sind bei vielen schon der Teuerung zum Opfer gefallen. Natürlich kneift es wieder diejenigen, die am unteren Ende der Einkommensskala zu finden sind, die auf ihr Fahrzeug angewiesen sind, um zu ihrem Geringverdiener-Job zu gelangen.

Viele Politiker betonen gern, aus einfachen Verhältnissen zu stammen. Wenn dann aber aus diesen Reihen ein Bundeslandwirtschaftsminister sich gegen "Dumpingpreise bei Lebensmitteln" ausspricht, ignoriert er zwei Fakten: Viele sind auf preiswerte Lebensmittel angewiesen und ein "Amt für Preise" hat es – außerhalb seines Erfahrungshorizontes – in der Planwirtschaft der "DDR" gegeben – bitte nicht noch einmal!

Nein, wenn Lebensmittel kostendeckend hergestellt werden soll, beginnt die Kette beim Erzeuger. So lange Landwirte um jeden Preis verkaufen (müssen), werden Tierwohl, Umwelt und Lebensmittelqualität leiden. Die auf Effizienz getrimmte Agrarindustrie allerdings hat wohl wenig Interesse, sich diesen Themen zuzuwenden, was kleinere Landwirtschaftsunternehmen kaputt macht.

Mieterfreundlich? Ist das nicht

Ein anderer Bereich, der frustriert, ist eine angeblich mieterfreundliche Politik, in der die Vermieter per se als raffgierig gelten. Dabei erzeugt doch erst die Politik den Aufwand, der letztlich beim Mieter oder dem Eigentümer einer selbstgenutzten Immobilie hängenbleibt, etwa in Form immer detaillierterer Bestimmungen wie die nun schrittweise einsetzende Verpflichtung, Mietern eine monatliche Heizkostenerfassung, künftig über eine fernablesbare Verbrauchsabrechnung, bereitzustellen.

Doch der Ärger beginnt schon bei der sogenannten energetischen Sanierung. Viele Mieter fassen sich an den Kopf, wenn die Modernsierungskosten auf die Miete umgelegt werden, die Nebenkosten dann aber zusätzlich in die Höhe gehen, weil bei der Planung nicht alle Aspekte – wie etwa der Wärmeeintrag durch die Sonne – eingeflossen sind. Paradox ist auch, wenn in hochgedämmten Häusern für den Sommer Klimaanlagen installiert werden müssen, weil die Hitze nachts nicht mehr ausreichend abgegeben werden kann.

Man könnte glatt meinen, dass unbedarfte "Energieberater", die oft nur ihre Software – und die muss nicht perfekt sein – bedienen können, gar nicht zu optimalen Empfehlungen gelangen können. Wer sich dann auf eine teure energetische Gesamtsanierung eines Altbaus einlässt, muss sich auf Veränderungen gefasst machen, die von hermetisch abgedichteten Räumen und dem dann notwendigen Einbau einer Lüftungsanlage bis zur Schimmelbildung reichen können.

Zurück zu den Wurzeln?

Besonders für Eigenheimbewohner empfehlen sich eigene Überlegungen in Sanierungsfragen. Ein Grundgedanke ist etwa, dass Wärme sich ähnlich verhält wie fließendes Wasser: Sie nimmt den Weg des geringsten Widerstands. Dann ist es doch logisch, den Hebel dort anzusetzen, wo ihr der geringste Widerstand entgegengesetzt wird: Trotz aller Fortschritte sind das noch immer die Fenster. Leider sind Fensterläden, die Häusern oft ein freundliches Gesicht geben, außer Mode, allerdings sind elektrisch gesteuerte hochwertige Außenjalousien wirksamer, wenn es um die Zurückhaltung durch die geschlossenen Fenster entweichender Wärmenenergie geht oder darum, den Eintrag von Licht- und Wärmestrahlung aus dem Sonnenlicht zu regulieren.

Bewohner älterer Einfamilienhäuser, die in den vergangenen Jahrzehnten Schritt für Schritt einen guten Sanierungsstandard erreicht haben, haben es satt, alles wieder infrage stellen zu lassen. Die vor kurzem noch als besonders umweltfreundlich gepriesene Gastherme soll auf einmal umweltunfreundlich sein? Viele reagieren für die Kohlendioxidbepreiser unerwartet: Sie bauen sich wieder Öfen ein, um Holz, Kohle oder Pellets zu verbrennen – eine Reaktion, die in großstädtischen Politikerkreisen so sicherlich nicht ins Kalkül gezogen worden war. Aber freilich: So wie den filterlosen Betrieb älterer Kachelöfen kann man ja auch andere Öfen einfach verbieten: Wieder ein Problem gelöst!

Des Pudels Kern

Heute wird oft über eine Spaltung der Gesellschaft gesprochen. Wer heute demonstriert, um gegen die Vorsichtsmaßnahmen gegenüber einer Viruspandemie zu demonstrieren, trägt womöglich zwei Generationen Frust zur Schau, zumindest im Osten. Folge: Der Vernunft wird kein Gehör mehr geschenkt, hingegen wird eifrig gesammelt, was “Dagegen!” spricht – und sei es noch so verlogen.

Es liegt fern, ostdeutschem Gejammer das Wort zu reden, weil vieles, was angeführt wird, sich in den sogenannten alten Bundesländern durchaus ähnlich abgespielt hat, allerdings selbstverständlicher ertragen wurde, weil man dort den Unveränderlichkeitsanspruch eines immer mehr erstarrenden sozialistischen Systems nicht kannte und selbst zusehen musste, wie man klarkommt, ganz nach dem Motto des armen Richard: "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!"

Was das Selbstverständnis vieler Ostdeutscher heute prägt:


    • Nach der Wiedervereinigung war man endlich nicht mehr Deutscher zweiter Klasse, hinzu kam das Kohl'sche Wohlstandsversprechen. Wer angesichts der Deindustrialisierung in Langzeitarbeitslosigkeit und Vorruhestand rutschte musste feststellen, dass man auch im Arbeitsmarkt zweiter Klasse sein kann und – obwohl es tatsächlich keinem schlechter ging – die große Wohlstandsvision eine solche blieb.
      Spaltung Nummer Eins war jene in Gewinner und Verlierer der deutschen Wiedervereinigung.

    • Womöglich war das die Grundlage dafür, im Flüchtlings- und Asylbewerberstrom seit 2015 eine weitere Bedrohung zu sehen: Nun wollen auch noch die am Wohlstand, den man selbst vielleicht gar nicht erreicht hat, teilhaben! Abgesehen von Neidgedanken wuchsen auch Sorgen um gewachsene Kultur und Traditionen, die mit Multikulti-Argumenten nicht gemildert werden konnten. So richtig aufgeheizt wurde die Stimmung, als Begrüßungsfeste und Willkommensbündnisse immer neue Anreize für den Weg nach Europa und Deutschland setzten.
      Spaltung Nummer Zwei war jene in Gegner der Migration nach Deutschland und jene, die sich vor allem aus humanitären Gründen für die Migranten engagierten.

    • Zudem beschäftigt viele der Eindruck einer aufgeblasenen Verwaltung, die auf Basis immer detaillierterer, für viele unüberschaubarer Bestimmungen immer stärker in das individuelle Leben von Personen und in Unternehmen eingreift. In der Coronapandemie zeigte sich nun, wie tief das Vertrauen in den Staat und die Verwaltungen beziehungsweise die verantwortlich handelnden Personen gesunken ist.
      Spaltung Nummer Drei ist jene zwischen denen, die dem Staat, Behörden und anerkannten wissenschaftlichen Einrichtungen bei deren Suche nach Lösungen, Wegen dorthin und Kompromissen im oft unberechenbaren Umfeld der Pandemie vertrauen – und jenen, deren einziges Vertrauen jenen gilt, die sich unter Ausnutzung des Pandemiegeschehens profilieren wollen.

Ein Beispiel

Als Unternehmensberater begleiten wir immer wieder Entscheidungsprozesse vor allem in Unternehmen. Dazu gehört es, Wahrnehmungsverzerrungen zu beachten. Was heißt das praktisch, wenn es um die Coronapandemie geht?

In Görlitz etwa kursieren viele Erzählungen, wonach Geimpfte wenige Tage nach der Impfung verstorben seien. Ohne dass es ausgesprochen wird, verknüpft das Gehirn die Fakten und stellt einen scheinbaren kausalen Zusammenhang her: An der Impfung verstorben.

Aber wer ist dann da verstorben? Angeblich oftmals Verwandte von Leuten, von denen man sicher weiß, dass sie existieren. Das macht die Erzählung glaubwürdiger, vergessen wird: Die meisten Erwachsenen haben so etwa 100 bis 150 Bekannte auf dem Schirm, von ehemaligen Mitschülern, über Verwandte und Freunde bis hin zu deren Bekanntenkreis. Mal angenommen, jeder habe davon 100 weitere Bekannte, erreicht man mit Aussagen wie "der Schwager meines Kollegen" durchaus schon rund 15.000 Personen, was zumindest eine Impfkomplikation in diesem Personenkreis wahrscheinlich macht.

Ob es Todesfälle sind? Immerhin sind jene, die meinen, man könne wenige Tage nach einer Coronaimpfung urplötzlich tot umfallen meist zugleich jene, die gern betonen, Menschen seien "mit Covid-19 verstorben", aber doch bitteschön nicht daran. Tatsächlich sind etwa 85 bis 90 Prozent der Coronatoten ursächlich an der Infektion verstorben. Anhand der genannten 15.000 Personen, die zu denen man direkt oder indirekt einen Bezug hat, lässt sich leicht abschätzen, dass davon im Schnitt jährlich etwa 190 sterben. Sind davon 60 Prozent geimpft worden, dürften um die 50 binnen eines halben Jahres nach der Impfung sterben – und zwar eben nicht als Folge der Impfung.

Das kleine Beispiel zeigt, dass das viel beschworene "selber denken" keineswegs zwangsläufig zu besseren Ergebnissen führt. Ein Weg zu begründbaren Ansichten ist hingegen der Dialog. Man sollte entsprechende Gelegenheiten nutzen, um mit Ärzten, Politikern, Verwaltungs- und Presseleuten über das, was einen beschäftigt, zu sprechen. Und vielleicht kann dann so mancher besser nachvollziehen, dass zum Wissen – ohne dies gleich insgesamt infrage zu stellen – immer Irrtum, Unsicherheiten und der gesunde Zweifel gehören. Dann braucht man das aber niemandem vorzuhalten.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Sammy Sander / Sam Williams, Pixabay License
  • Erstellt am 10.01.2022 - 10:32Uhr | Zuletzt geändert am 10.01.2022 - 17:27Uhr
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