Görlitz und seine Villa

Görlitz und seine VillaGörlitz, 22. November 2020. Von Thomas Beier. In Görlitz, der schönen Stadt an der Lausitzer Neiße, hält sich im Zusammenhang mit ihrer urkundlichen Ersterwähnung, die im kommenden Jahr 1.050 Jahre zurückliegen wird, ein hartnäckiger Irrglaube: Weil in der Urkunde Heinrichs IV. der Ort als "villa gorelic" bezeichnet wurde glauben viele, das erste Bauwerk hier sei eine Villa gewesen. Vielleicht legen ja deshalb manche Görlitzer so viel Wert auf den Erhalt von Villen? Mitnichten. Da sind andere Interessen im Spiel.

Einst ließ Oberbürgermeister Demiani Teile der Görlitzer Stadtbefestigung niederreißen und schuf so Voraussetzungen für die Blüte der Stadt, wofür er noch heute gelobt wird. Seine "Verordnung zur Herstellung von Straßen und Plätzen" galt als die beste ihrer Art in Deutschland. Zum Glück wurde er nicht von Kleingeistern ausgebremst. Im Bild die Straßenflucht am Postplatz hin zum Parkhaus und den beiden Häusern. Die Architektur des C&A-Gebäudes mit der Fenstergestaltung im ersten Stock erinnert an das früher hier befindliche Café Posteck

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Links im Bild das Parkhaus, das erweitert werden soll, in der Mitte die beiden unbewohnten Häuser, die womöglich der Parkhauserweiterung und einer Zufahrt weichen sollen

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Thema: Kaufhaus Görlitz

Kaufhaus Görlitz

Das 1913 eröffnete Görlitzer Warenhaus wird umfassend saniert. Dazu gehören die Wiederherstellung des usprünglichen Aussehens, ergänzt um moderne Haustechnik die Verknüpfung zu einem Marktcenter, mehr Parkplätze und bessere Bedingungen. für die Logistik. Für die beiden letztgenannten Punkte müssen zwei sogenannte Stadtvillen weichen.

Eigentlich waren die Diskussionen um den möglichen Abriss zweier Häuser am Postplatz für den Görlitzer Anzeiger kein Thema. Niemand wurde bestochen, niemand erpresst, Denkmalbehörde und Stadtrat sind im Spiel. Im Spiel sind freilich auch andere Interessen, die deutlich werden, wenn die Stadtratsfraktion der Linkspartei die heutige Sonntagsruhe nutzt, um eine Pressemitteilung zu versenden. Auch Jüngere werden wissen: Das ist genau jene Partei, die mit planmäßigem Verfall – Ruinen schaffen ohne Waffen, nannten das die Bürger – ums Haar auch der Görlitzer Altstadt den Garaus gemacht hätte, wäre sie nicht von Demokraten entmachtet worden.

Die linke Denkhaltung zeigt sich bei Jana Lübeck, Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, die in der Pressemitteilung fragt: "Sollen größenwahnsinnige Investoren die Stadtentwicklung beherrschen?" Zugleich beklagt Fraktionsgeschäftsführer Mathias Fröck: "Eine funktionierende Leerstandsnutzung wurde am Postplatz 6 beendet, dies können wir nicht hinnehmen. Auch kann es nicht sein, dass bereits ein Parkhaus geplant wird, dessen Nutzen völlig unklar ist. Bisher warten wir noch auf das städtische Verkehrskonzept, mit dessen Erstellung die Verwaltung Anfang des Jahres beauftragt wurde." Mit anderen Worten: Die Linken wollen nicht hinnehmen, dass ein Eigentümer in seinem Haus keine "Wächter" mehr haben möchte. Und ein Parkhaus mit der nötigen Kapazität für ein Einkaufszentrum hat nur sehr bedingt mit einem städtischen Verkehrskonzept zu tun, weil sich die Kunden nicht nach einem Konzept richten werden, sondern ihre Einkäufe ins – vielleicht schon elektrisch angetriebene Auto – verstauen wollen.

Für den Hintergrund muss man ein wenig ausholen. Das Gebäude Postplatz 6 war ein sogenanntes Wächterhaus. Grundgedanke von Wächterhäusern ist, dass der weitere Verfall gestoppt und Vadalismus vermieden werden, wenn der Eigentümer eines leerstehenden Hauses bestimmten Nutzungen durch die sogenannten Wächter zustimmt – Spötter würden jetzt übrigens von "Erpressung" sprechen. Beim Freiraum Zittau beispielsweise klappt das prima und solche Freiräume sind durchaus etwas Wertvolles, was etwa ein soziokulturelles Zentrum mit seinen Strukturen so nicht leisten kann. Und dennoch: Ein Wächterhaus ist immer ein Zustand auf Zeit, bis der Eigentümer selbst etwas unternimmt oder ein neuer Eigentümer eben etwas anderes vorhat, als die Wächter möchten.

Jetzt ist Prof. Dr. Winfried Stöcker Eigentümer beider Häuser und macht als Mann deutlicher Worte keinen Hehl um seine Pläne: Er möchte das bisherige City-Center mit dem historischen Görlitzer Kaufhaus zu einem Marktzentrum vereinen. Wer sich erinnert: In den Neunzigern, als das Kaufhaus noch Kaufhaus war, hatte man die Technikabteilung in den Kaisersaal des Wilhemstheaters, das später dem City-Center weichen musste, verlagert. Freilich war das damals ein Provisorium, Stöckers Pläne zur baulichen Erweiterung des 1912/13 errichteten Kaufhauses und zu seiner Verbindung mit dem heutigen City-Center hingegen schaffen eine neue Qualität. Die ist zweifelsohne notwendig, um das Projekt insgesamt betriebswirtschaftlich darstellbar zu machen. Das historische Kaufhausgebäude allein ließe sich wohl nicht wirtschaftlich betreiben: Der große, glasgedeckte Innenraum ist luxuriös, aber eben keine Verkaufsfläche, auf der sich der nötige Umsatz erzielen ließe. Und Besucher, die nur mal einen Blick erhaschen wollen, aber nichts kaufen, sind das Ende eines jeden Kaufmanns.

Zum Projekt könnte der Abriss der beiden alten Häuser am Postplatz gehören, um dort eine Zufahrt zu ermöglichen. Obgleich schon heftig degegen protestiert wird, muss Lübeck in der heutigen Mitteilung eingestehen: "Bisher sind dem Stadtrat keine Abrissplanungen oder andere Beschlüsse zu den Häusern am Postplatz vorgelegt worden. Wir warten daher noch ab, was der Eigentürmer Stöcker mit den Häusern vorhat." Andere preschen da vor, schon kursiert eine Online Petition unter dem populistischen Titel "Wir lassen uns nicht erpressen – Postplatz 6 bleibt!", deren von Wunschdenken geprägte Argumentation stellenweise etwas naiv – wie beim Verweis auf das derzeit nicht ausgelastete Parkhaus – und arg gequält – so bei der Forderung nach "Maßnahmen zur Klimaanpassung" – wirkt. So sehr die Wächterhäuser in der Petition, übrigens ausdrücklich als Zwischennutzung, auch gelobt werden – ob dem Alteigentümer gefallen hätte, was die sogenannten Wächter hinterließen?

Vieles, was zu den Häusern am Postplatz als "Dagegen!" argumentiert wird, erweist sich bei näherer Betrachtung als wenig stichhaltig. In der Kneipe wie in der Wirtschaft generell gilt: Wer bestellt, bezahlt – und das heißt, wer bestellen will, muss auch zahlungsfähig und -willig sein. Ob die beiden Häuser weg müssen oder bleiben können, vermag ich nicht zu beurteilen, da sind neben dem Investor die Denkmalbehörde und der Stadtrat gefragt. Sehr wohl beurteilen kann ich jedoch, dass Stöcker in einer Zeit, in der Kaufhäuser in vielen Städten nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können und der Online Handel weiter wächst, mit seinem Engagement für das Marktzentrum ein Glücksfall für Görlitz ist.

Wenn jemand seine Absichten und Konsequenzen offenlegt, dann mit "Erpressung" dagegen zu argumentieren, das trifft nicht den Kern – oder erpresst etwa ein Einzelhändler seinen Kunden, wenn er sagt: "Wenn Du meinen Preis nicht zahlst, bekommst Du die Ware nicht!" Wenn ich richtig informiert bin, hat noch keiner aus dem Umfeld des ehemaligen Wächterhauses das Gespräch mit Stöcker gesucht. Vermutlich ist es jetzt zu spät, nur die linke Fraktion will schnell noch ein wenig Politik mit dem Thema machen und Unruhe schüren.

Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Kaufhaus Görlitz / Villen Postplatz

Von Fam. Sauer am 25.06.2021 - 15:45Uhr
Zumindestens eines der Gebäude, Haus Nr. 5, ist keine Villa, sondern eine Ruine, zudem nur noch zur Hälfte vorhanden, beim Gebäude Nr. 6 ist wohl nur noch die Fassade etwas ansehnlich, der Rest ebenfalls ruinös.

Die Stadt sollte froh sein, einen Investor für das Kaufhaus gefunden zu haben. Warum werden ihm nur Steine in den Weg gelegt?

Überall sterben die Innenstädte und hier wird ein Investor mutwillig verprellt.

Die Stadt stellt sich allem Vernünftigem quer, so viel zu Querdenkern.

Revitalisierung Kaufhaus Görlitz

Von Hans-Jürgen Merta am 05.03.2021 - 19:54Uhr
Herr Professor Dr. Stöcker ist ein Glücksfall für die Region.

Ob im Falle der Revitalisierung des alten Kaufhauses, immer wie so oft bei investiven Entscheidungen, historische Substanz mit verschwinden muß, daran sollten wir wenigsten zweifeln, da ja gerade das historische Umfeld motivierend für zukünftige Investitionen wirkt. Im positiven Sinne, schleifen wir nicht zu viel unsere Werte, sonst besetzen sie andere.

Unterschiedliche Sichtweisen müssen nicht immer im grundsätzlichen Widerspruch stehen. Im Respekt für die schöne Stadt Görlitz und Herrn Prof. Dr. Stöcker. Wird schon was schönes draus werden, streiten und gemeinsam was draus machen, sollte unser aller Anspruch sein.

Hans- Jürgen

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 22.11.2020 - 15:44Uhr | Zuletzt geändert am 01.08.2021 - 14:22Uhr
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