Coronakrise: Bitte nicht drängeln!

Coronakrise: Bitte nicht drängeln!Görlitz, 16. April 2020. Von Thomas Beier. Gestern hat Bundeskanzlerin Merkel die Katze aus dem Sack gelassen und mit klug gewählten Worten einen ersten Entwurf für einen Weg aus der Coronakrise, genauer gesagt aus dem Lockdown der Bundesrepublik, vorgestellt. Unterm Strich ergeben sich nun für manche Erleichterungen in Bezug auf die verordneten Beschränkungen, für andere wird die Situation nicht einfacher; viele vermissen die tägliche Arbeit und soziale Kontakte, haben wirtschaftliche Bedenken.

Wann endlich darf der Erwin der Heidi wieder an die Schultern fassen? Viele suchen nach Wegen, ihre Stimmung zu heben

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Strategie und Umgang damit: ein differenziertes Bild

Thema: Coronavirus

Coronavirus

Infektionen mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) verlaufen pandemisch. Lebensgefahr besteht bei einer Erkrankung an Covid-19 vor allem für Immungeschwächte und Ältere. Vielfältige Maßnahmen sollen die Ausbreitung verlangsamen, um medizinische Kapazitäten nicht zu überlasten sowie Zeit zur Entwicklung eines Medikamentes und eines Impfstoffs zu gewinnen. Im Blickpunkt stehen auch die Wirtschaft und soziale Auswirkungen.

Mit dem behutsamen Ausstiegsszenario haben die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung einen nachvollziehbaren Kompromiss gefunden und dennoch erscheint dieser Artikel in der Rubrik "Gesellschaft" und nicht unter "Politik": Die Politik hat eine Art Leitlinie vorgegeben, diese jedoch umzusetzen im Spannungsfeld von Engagement und Geduld, von Nachteile erleiden und Hilfe annehmen, das ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

Auch in der Coronakrise zeigt sich der Vorteil des Förderalismus: Es geht eben nicht darum, bundesweit bis ins Detail konform vorzugehen, sondern situationsgerecht. Zugleich erlaubt diese vorgehen die Analyse von best practise Beispielen, wovon alle profitieren.

Schaut man dem Volk aufs Maul, zeigen sich Reserven in der Kommunikation, zum Beispiel beim verordneten Verzicht auf Gottesdienste. Der wird auch von Leuten beanstandet, die, wenn sie schon mal eine Kirche betreten, diese eher als Museum denn als Gotteshaus wahrnehmen. Weshalb also keine Gottesdienste? Weil man dann ein Tor öffnen würde, durch das auch andere Zusammenkünfte einklagen würden, sofern eben nur die viel zitierten Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten würden; es würde schnell eine Phalanx entstehen, die vom Kongressveranstalter über Veranstaltungsagenturen bis hin zu Vereinen reicht – und das soll angesichts des mit den Zusammenkünften verbundenen Risikos vermieden werden. Der Grundstrategie, die Beschränkungen langsam zu lockern und dabei das dadurch potenziell steigende Infektionsrisiko möglichst gering zu halten ist vergleichbar dem Weg übers Eis, bei dem nur eine schmale Spur dürftig gestreut ist.

Allein zu Hause

Wie gehen die Bürger mit den Ausgangsbeschränkungen um? Telefoniert man ein wenig herum und fragt, wie die Situation beim Gesprächspartner und bei seinen Bekannten ist, ergibt sich ein höchst differenziertes Bild. Vorallem scheint sich die Situation der Menschen und ihr Umgang damit zu unterscheiden nach
    • dem Bildungsgrad,
    • der Wohnsituation,
    • der familiären Situation.

Was ist gemeint? Der Bildungsgrad hat offenbar großen Einfluss darauf, die mit der Situation unter den Bedingungen der Beschränkungen insgesamt umgegangen wird, vor allem, wenn die gewohnte Arbeit nicht ausgeübt werden kann. Mancher nutzt die gewonnene Zeit für das, was immer liegengeblieben ist: Endlich die Bücher lesen, für die bisher nicht Zeit war, noch einmal den Film gucken, der in der Jugend so begeistert hat, die digitale Bildersammlung zu sortieren, vielleicht auch die wichtigsten Stationen seines Lebens aufzuschreiben oder sich Gedanken zu machen, wie man den Rest seines Lebens gestalten möchte, was noch erreicht werden soll.

Vielfältige Interessen zahlen sich aus. Mancher entdeckt die Kunst für sich als Möglichkeit, sich mitzuteilen, oder ungewöhnliche Bastelarbeiten, die Knder weg vom Bildschirm locken. Warum nicht eine Theater- oder Märchenszene in eine Streichholzschachtel einbauen oder die Illustrationen zu einem Märchen malen und das wiederum mit dem gesprochenen Text zu einem Video verarbeiten? Es gibt so viele Möglichkeiten, die Zeit nicht nur zu vertreiben, sondern zu nutzen. Natürlich ist das einfacher gesagt als getan. Wessen Bücherregal sehr übersichtlich ist, wessen Kulturzugang sich auf einen großen Bildschirm beschränkt, der wird sich schwerer tun, mit der gewonnenen Zeit umzugehen. Einige toben sich jetzt ganz besonders in den sozialen Netzwerken aus und geben ihrer Verunsicherung Ausdruck, indem sie Vorwürfe und falsche Tatsachen verbreiten. Auch das ist ein Ergebnis der Telefonate: Mancher fällt in Lethargie, andere setzen sich über die Ausgangsbeschränkungen hinweg und veranstalten Spieleabende, wieder andere leiden schwer darunter, nicht unter Menschen sein zu können, in mancher Familie entladen sich jetzt die Spannungen, die vor dem Coronavirus im betriebsamen Alltag mit seiner Betriebsamkeit überspielt wurden, manchen erfasst Zukunftsangst – wobei: Oft wird nur wiedergegeben, dass es so sein soll, beeinflusst vom gebetsartigen Teilen von Mutmaßungen in den sozialen Netzwerken, was die zweifellos vorhandenen Probleme in der Wahrnehmung zusätzlich verstärkt.

Verstärkt werden die Probleme ganz real, wenn Familien auf engem Raum leben müssen und zusätzlich vielleicht einzelne Familienmitglieder (oder die gesamte Familie) mit der Situation nicht zurechtkommen. Wer hingegen ganz allein lebt, kann der Einsamkeit in diesen Tagen eben nur sehr begrenzt entfliehen. Im Gegensatz zu jenen, die sich wie eingesperrt fühlen, dürfte so manchem Eigenheimbesitzer mit Grundstück der Luxus seiner Wohnsituation jetzt erneut bewusst werden.

Hilfe ist geboten

Für wen sich die Situation im Kopf zu einer ganz persönlichen Coronakrise entwickelt, ob nun ganz privat oder als Selbständiger, sollte sich nach Hilfe umsehen. Manche scheuen den Gang zum Arzt – unter psychischen Belastungen zu leiden, das empfinden viele noch immer als Makel. Doch schon ein Telefonat kann ausreichen, um besser über die nächsten Tage zu kommen. Diese Erfahrung hat auch die staatlich geprüfte und zugelassene Psychotherapeutische Heilpraktikerin Sabine Iris Simon gemacht, wie sie auf ihrer Webseite schildert: Die Menschen suchen jemanden zum Gedankenaustausch. "Allerdings hilft es nicht, sich gegenseitig in Unsicherheiten, Bedenken und Ängsten zu bestärken. Es geht immer darum, mit fachlich-professioneller Unterstützung den Umgang mit der gegebenen Situation besser zu ermöglichen und einen ganz persönlichen Weg aus der Krise zu finden", so Simon. Wenn sich die Heilpraktikerin bei denen, die mit ihr in Kontakt sind, mit ihrem "Hallo Du, alles im grünen Bereich bei Dir?" meldet, dann erlebt sie immer wieder, wie froh die Menschen über dieses Gesprächsangebot sind.

Wenn die Sprache die Wahrnehmung bestimmt

Am Telefon des Görlitzer Anzeigers hat sich gezeigt, wie Worte wirken, mit denen bewusst oder unbewusst die realen Verhältnisse verzerrt werden. "Man darf ja nicht hinausgehen!", war zu hören, was nicht stimmt: Natürlich darf man hinaus, zu den triftigen Gründen dafür zählen nicht nur die notwendigen Besorgungen, sondern eben auch Bewegung an frischer Luft. Selbst Gespräche sind möglich, wenn man sich an die Abstandsregeln hält und keine Gruppen bildet.

Es ist nicht gut, wenn Sprache benutzt wird, um die nicht einfache Situation zusätzlich zu dramatisieren. Eine Zeitung berichtete vor Tagen von einer Gruppe von Senioren, die die Abstandsregel nicht einhielt, weshalb die Polizei einschritt. Zitiert wurde einer der Senioren sinngemäß mit den Worten: "Wir wurden behandelt wie Kriminelle!" Folge: Schon bildet sich bei vielen der Eindruck, die Polizei gehe zu ungnädig, zu hart vor. Doch bei näherer Betrachtung stellt sich die Situation ganz anders dar. Freilich hat die Polizei angesichts der Beschränkungen während der Coronapandemie die Aufgabe, Menschenansammlungen zu unterbinden. Muss sie aus diesem Grund aktiv werden, dann ist es schon deshalb sinnvoll, die Personalien festzustellen, damit mögliche Infektionswege nachvollzogen werden können. Wer sich dabei wie ein Krimineller behandelt fühlt sollte besser überlegen, wie er selbst zu dieser Situation beigetragen hat.

Worauf man achten sollte

Komplexe Situationen, wie sie die Corona-Pandemie hervorbringt, erlauben nur schrittweise Orientierung, um dann Entscheidungen fallen. Die können widersprüchlich oder sogar wenig sinnvoll erscheinen. Hier ist nicht das aus vielfältigen "alternativen" Quellen genährte Misstrauen gefragt, sondern Vertrauen in Wissenschaft und Regierung – oder glaubt wirklich jemand, eine Regierung, der in bestimmten Kreisen gern der Vorrang der Wirtschaft vor sozialen Erwartungen vorgeworfen wird, hat ein Interesse, die Wirtschaft und damit das Wohlergehen der Bürger, die von der Wirtschaft als Konsumenten gebraucht werden, zu schädigen?

Man muss zugestehen, dass eine Regierung bei der Frage des Wohlergehens der Menschen über einen weit größeren Blickwinkel verfügt als jeder Einzelne oder so manche Interessengruppe. Ja, Vertrauen zu haben und damit staatliche Vorgaben zu akzeptieren, auch wenn man sie nicht ganz durchblickt, erfordert Mut. Bitte bleiben Sie mutig!

Mehr:
In einem Gastkommentar in der Schweizer Mittelländischen Zeitung vom 7. April 2020 hat Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt medizinische Fakten, moralische Fragen und politische Entscheidungen zur Corona-Pandemie gut verständlich und kritisch zusammengefasst.

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  • Quelle: red | Foto: PixelAnarchy, Pixabay License
  • Erstellt am 16.04.2020 - 07:48Uhr | Zuletzt geändert am 16.04.2020 - 10:30Uhr
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