Komm, spiel mit mir!

Komm, spiel mit mir!Görlitz, 19. Januar 2019. Von Thomas Beier. Wenn man so als digitaler Nomade durch sein Berufsleben zieht, erntet man schon mal kritische Blicke wegen des "vielen Herumspielens" am Handy oder gar die Frage, ob man etwa internetsüchtig sei. Offen gesagt, ich habe aufgegeben, Erklärungen dazu abzugeben, zumal ich ja ebenfalls nicht verstehe, weshalb Leute auf der Straße gebannt auf ihr Handy starren, als ob dort ständig existenzentscheidende Nachrichten auflaufen würden. Oder spielen die wirklich? Keine Ahnung, denn digitale oder Internet-Spiele haben mich nie interessiert, man hat ja eh schon ständig genügend Bildschirme vor Augen.
Abbildung: Zu den – aus heutiger Sicht rein analogen – Spieleklassikern zählt Mensch ärgere dich nicht

Gesellschaftsspiele verbinden Tradition und Moderne, sie bleiben wichtig

Gesellschaftsspiele verbinden Tradition und Moderne, sie bleiben wichtig

An Schach als Kombinations- und Strategiespiel sollten Kinder möglichst frühzeitig herangeführt werden

Das Thema "Spielen" kam wieder auf den Tisch, als mir eine Familie erzählte, fast das ganze Wochenende lang mit den Kinder gespielt zu haben, vor allem Stadt-Land-Fluss, aber – jetzt kommt's! – in einer Variante, die sowohl offline wie online funktioniert. Und ich musste lernen: Was mir völlig neu war, ist längst verbreitet. Bei der Recherche zu solchen Hybridspielen, die sowohl althergebracht-analoge und digital-internetgebundene Komponenten haben, bin ich auf eine Studie gestoßen, die sich nicht nur mit dem Wert und Nutzen des Spielens beschäftigt, sondern auch die Trends, denen Gesellschaftsspiele für Kinder und Erwachsene folgen, offenlegt, die beliebtesten Spiele nach Altersgruppen nennt und einen Indikator für die Spielfreudigkeit in den einzelnen Bundesländern liefert.

Wo stehen Gesellschaftsspiele besonders hoch im Kurs – und wo nicht?

Ausgewertet wurde unter anderem, woher auf einer Preisvergleich-Plattform in der Zeit von April bis Oktober 2018 die Kaufinteressenten für Gesellschaftsspiele kamen. In Mittel- und Norddeutschland wie auch in Brandenburg und im Saarland wohnen demnach wohl die größten Spielmuffel, es sei denn, sie sind mit Spielen eingedeckt und haben kein Interesse an Innovationen. Besonders hohes Interesse am Kauf von Gesellschaftsspielen für Erwachsene und Kinder gibt es hingegen in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, die es zusammen auf 52 Prozent der Gesamtnachfrage bringen. Nun war meine Neugier geweckt: Warum gibt es diese extremen Unterschiede zwischen den Bundesländern, was das Interesse an den Spielen und damit wohl am Spiel an sich betrifft?

Wird vielleicht am meisten gespielt, wo es noch stark traditionelle Familien gibt, also vielleicht in vor allem katholisch geprägten Bundesländern? Da schau her, eine gute Korrelation, ist doch der katholische Bevölkerungsanteil in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen besonders hoch; ebenso der Anteil an Christen überhaupt. Anders gesagt: In diesen Ländern gibt es, abgesehen von den Muslimen, einen besonders kleinen Anteil an Konfessionslosen oder Andersgläubigen. Gestört wird dieses eigentlich klare Bild nur von Rheinland-Pfalz und besonders dem Saarland, das zwar mit 82 Prozent den aller höchsten Anteil von Kirchensteuerzahlern hat, bei der Spielenachfrage aber nur ein Prozent auf die Waagschale bringt.

Des Rätsels Lösung liegt in den Bevölkerungszahlen (Stand Ende 2017, Quelle: de.statista.com): Nordrhein-Westfalen mit fast 18 Millionen, Bayern mit fast 13 Millionen und Baden-Württemberg mit rund 11 Millionen sind nun einmal die bevölkerungsreichsten Bundesländer, das Saarland dagegen bringt es auf nicht mal eine Million Einwohner. Stellt man angesichts dieser Erkenntnis nun die Verteilung der Spiele-Nachfragen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, zeigt sich ein ganz anderes Bild: Während Sachsen und Thüringen bei der Spielenachfrage pro Kopf eher im Mittelfeld liegen, bildet Sachsen-Anhalt mit Abstand das Nachfrage-Schlusslicht. Besonders viele Spiele hingegen werden in Hamburg und Berlin geordert.

Von der Wichtigkeit des Spielens

Zugegeben: Viel interessanter ist, wozu Spiele nützlich sind – für Kinder wie auch für Erwachsene, wohlgemerkt. Zu spielen ist eine Form des schnellen und unangestregten Lernens: Man macht – quasi im geschützten Raum – pausenlos Erfahrungen ohne die im realen Leben möglichen dramatischen Konsequenzen, die man jedoch im Gegensatz zum im Unterricht vermittelten Wissen nicht ablehnen kann. Gerade bei Erwachsenen, die neuem Wissen oftmals kritisch gegenüberstehen (oder Dank negativer Schul- und Weiterbildungserfahrungen Lernen als Last empfinden), setzen wir auf die Führungskräfteentwicklung mit Spielen und schalten so kognitive Vorurteile und Schranken aus.

Während Kinder beim Spielen ihr natürliches Verhalten weiterentwickeln – zum Beispiel mit der Akzeptanz von Regeln, der Ausprägung von Geduld und Konsequenz wie auch von Lösungskreativität und Zielstrebigkeit – gibt es bei Erwachsenen einen weiteren Aspekt: Im Spiel zeigt sich nicht nur das Temperament, sondern auch der Charakter, für den jeder nun mal selbst verantwortlich ist. Wer im Spiel anfängt, zu tricksen und zu betrügen oder neue ihn begünstigende Spielregeln zu erfinden, wird das wohl auch im richtigen Leben machen. So gesehen müssten viele Einstellungsgespräche und Assessment Center, auf die sich die Teilnehmer oft gründlich vorbereiten, viel besser durch "Einstellungsspiele" ersetzt werden. Der Erkenntnisgewinn über einen Menschen aus einer Runde Mensch ärgere dich nicht kann enorm sein – eine Erfahrung, die wohl schon jeder einmal gemacht hat.

Ein persönliches Fazit

An die Spielklassiker wie Mensch ärgere dich nicht und Schach sollte jedes Kind möglichst frühzeitig herangeführt werden, unterstützen sie doch die Entwicklung des Gehirns und die der Motorik. Außerdem sind das Spiele, die wie bestimmte Kartenspiele lebenslang begleiten und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Einen Bogen um reine Computer- oder Handyspiele werde ich weiterhin machen, allerdings nicht um solche Spiele, die digitale Anteile integrieren – das beginnt doch schon, wenn man beim Kreuzworträtsel Google zu Rate zieht. Interessant ist übrigens, dass die realen Escape-Räume, in denen eine Spielergruppe einen Ausgang finden muss, mittlerweile ihr Pendant in der Spielewelt finden; naturgemäß sind das Spiele mit Rätselcharakter.

Während viele Spiele in der digitalen Welt seit jeher von einem Solospieler alleine gespielt werden können, ist der aus meiner Sicht erfreuliche Trend zu Solospielen bei Brettspielen eher neu. Aber Gesellschaftsspiele sind das dann nicht mehr, oder? Ich jedenfalls bevorzuge den Spieleabend in Gemeinschaft. Wem es auch so geht, der spielt laut Studie je nach Altersgruppe besonders gern die Spiele Kakerlakak, Uno Extreme und Klartext. Und noch ein Tipp: Mit Spielen kann man verhindern, dass eine Party in Langeweile versandet, andererseits aber einander fremde Gäste schnell zusammenbringen.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Mensch ärgere dich nicht: crookoo / Michael Zimmermann, Foto Schachfiguren: sinepax, beide Pixabay Lizenz CC0 Public Domain
  • Zuletzt geändert am 19.01.2019 - 11:46 Uhr
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