Worte entscheiden

Worte entscheidenGörlitz, 3. Juli 2021. Von Thomas Beier. Sprache entwickelt sich, wird zuweilen jedoch auch künstlich verformt, wenn man etwa an die unselige Gendersprache denkt. Manche Leute scheinen ihre Hauptkompetenz darin zu sehen, möglichst viele Wörter in einem Text durch die leidige Genderei zu verunglimpfen. Mancher stößt sich jedoch auch an Fachbegriffen, vor allem, wenn sie aus dem angelsächsischen Sprachraum kommen.

Abb.: Die gleiche Sprache und doch nicht – ganz selbstverständlich wurde ab 1990 erwartet, dass sich die Beitrittsdeutschen sprachlich an die alte Bundesrepublik anpassen

Symbolfoto: Manfred Antranias Zimmer, Pixabay License (Bild bearbeitet)

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Ohne moderne Fachsprache nützen Qualifikation und Erfahrungen wenig

Erst gestern war im bei mir bis zur Einführung des Gendersprechs beliebten Deutschlandfunk etwas von Raucher innen zu hören, doch wer nun etwa an strapazierte Raucherbronchien oder geteerte Lungenflügel dachte, lag falsch: Irgendjemand wollte lediglich betonen, dass es neben männlichen Rauchern auch weibliche, also Raucherinnen, gibt – ein Umstand, der im Grunde allen Mitteleuropäern völlig unabhängig vom Schulabschluss geläufig ist. Ständig zu betonen, dass auch Frauen Menschen sind, grenzt an Rassismus.

Begriffswelten kennen

Um die vermaledeite Gendersprache soll es heute jedoch nicht gehen, wenn in diesem Beitrag "entscheidende Worte" in den Fokus gerückt werden, etwas anderes ist gemeint. Darum geht es: Wer als Unternehmer oder Verkäufer etwas verkaufen möchte, muss nicht nur die Denke seiner Kunden verstehen, sondern auch deren Begriffswelt beherrschen. Das Gleiche gilt für Arbeitnehmer, die sich in einer bestimmten Branche bewerben. Klassisches Beispiel ist das Marketing: Wer die vielen englischen Fachbegriffe nicht beherrscht oder nicht mag, sollte sich besser ein anderes Tätigkeitsfeld suchen.

Damit es nicht verwechselt wird: Bei den "entscheidenden Worten" geht es nicht um die gewiefte Verkäufersprache, die mit hirngerechten Begriffen und Satzstrukturen die Aussichten auf einen Vertragsabschluss mit einem Kunden steigern kann, sondern um für viele ungewohnte Fachbegriffe. Tatsächlich empfinden viele diese als Modeworte oder sogar Wichtigmacherei, dennoch sind sie – häufig Anglizismen – in den betreffenden Branchen längst Alltag und wer sie nicht beherrscht, hat das Nachsehen.

Kommunikation anpassen

Klassische Stärken im Arbeitsleben wie Begabung, Wissen und Erfahrung zählen wenig, wenn man begrifflich nicht mithalten kann. Auffällig wurde das, als im Kollegenkreis unlängst Fragen des Produktdesigns diskutiert wurden, insbesondere, wo es auf diesem Gebiet erfolgversprechende Entwicklungsansätze geben könnte. Und die gibt es zuhauf, wenn man etwa Erkenntnisse aus der Organisationsentwicklung auf Designlösungen überträgt, ein Prozess übrigens, in dem weniger “kreative” Designer gefragt sind, sondern vielmehr Leute, die mit den dahinterstehenden Prinzipien vertraut sind.

Dass man hervorragende Lösungen jedoch nur dann gut verkaufen kann, wenn die eigene Kommunikation sprachlich angepasst wird, zeigt – um es konkret zu machen – die Webseite eines Unternehmens, das Spitzenleistungen im Medizinprodukte Design erbringt.

Webseiten Sprachanalyse

Schaut man sich die oben verlinkte Webseite des Unternehmens näher an, fällt der Sprachgebrauch oder genauer gesagt der Wortgebrauch auf. Dazu einige Beispiele:


    • Useability
      Zu Deutsch die Gebrauchsfähigkeit oder Handhabbarkeit, in diesem Fall medizinischer Instrumente und Geräte. Doch der deutsche Begriff beschreibt unter Umständen nur unzureichend, worum es geht: So müssen Medizingeräte etwa auch unter höchstem Stress sicher und eindeutig bedienbar sein.

    • UX
      Das ist die User Experience, die Nutzererfahrung. Was nützt das beste chirurgische Instrument, wenn es dem Operateur nicht gut in der Hand liegt oder ein Arzt meint, das leistungsähnliche Gerät der Konkurrenz sei irgendwie sympathischer?

    • Personas
      Eine Persona ist ein beispielhafter Vertreter einer Zielgruppe, mit dem Annahmen über Kunden, Anwender oder Entscheider verbunden werden. Dazu gehören etwa Qualifikationen, aber auch bestimmte Persönlichkeitskonstellationen, wie sie zuweilen branchentypisch auftreten. Im Zeitalter der Individualisierung wird das Denken in Zielgruppen immer stärker von unterschiedlichen Personas abgelöst.

    • Mock-up
      Damit bezeichnet man ein Modell, das eine ersten Eindruck von einer Entwicklung, auch von Teilfunktionen, vermittelt, aber deutlich vom Prototypen abzugrenzen ist. Auch hier würde eine deutsche Bezeichnung – etwa Vorführmodell – nicht den Kern der Bedeutung treffen.

Wie der Webseiten-Text zeigt, bedeutet Sprachentwicklung im Wissensbereich, dass immer spezialisiertere Begriffe verwendet werden, die letztendlich nur von Insidern in einem bestimmten Kontext richtig und umfassend interpretiert werden können. Wer hier den Anschluss verpasst, gehört trotz vielleicht hervorragender persönlicher Eignung nicht dazu – eine Erfahrung übrigens, die viele aus der "DDR" stammende Experten ab 1990 machen mussten, wenn sie sich nicht flexibel an westdeutsche Sprachmuster und Verhaltensrituale anpassten.

Test:
Beim Görlitzer Anzeiger etwa haben wir mit Personas und einem Mock-up die Useability und damit die UX verbessert. Alles klar?

Interessante Downloads zum deutsch-deutschen Sprachverhältnis:

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Antranias / Manfred Antranias Zimmer, Pixabay License
  • Erstellt am 03.07.2021 - 09:24Uhr | Zuletzt geändert am 03.07.2021 - 10:23Uhr
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