Relevanz im Internet kann man kaufen

Relevanz im Internet kann man kaufenGörlitz, 20. Januar 2021. Von Thomas Beier. Wer heutzutage den Schritt in die Selbständigkeit wagt, kommt – vielleicht von Hausierern abgesehen – um das Internet im Grunde nicht herum. Doch wo früher eine Webseite oder ein Webshop reichte, sieht sich der moderne Jungunternehmer in der zunehmend digitalisierten Gegenwart ziemlich komplexen Herausforderungen gegenübergestellt.

Symbolfoto: Alexander Bahena, Pixabay License

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Die Zeit für den Markteinstieg ist immer knapp

Zunächst steht vor jedem Unternehmensgründer die Herausforderung, binnen bestimmter Frist nicht nur den berühmten Break-Even-Point, ab dem die Einnahmen die Ausgaben übersteigen, zu erreichen, sondern einen so hohen Überschuss zu erzielen, dass nicht nur er, sondern auch etwa das Finanzamt und damit Vater Staat, die Krankenkasse und bei gewerblichen sowie bestimmten freiberuflichen Gründungen über kurz oder lang die jeweilige Kammer gut davon leben können, von Steuerberatern und anderen Dienstleistern ganz abgesehen.

Mit anderen Worten geht es darum, möglichst schnell eine "kritische Masse" an Kunden zu akquirieren, die ausreichend zuverlässig ihre erworbenen Leistungen bezahlen. Schon die Wortwahl zeigt, dass dieser Vorgang nicht selbstverständlich und schon gar nicht ein sogenannter Selbstläufer ist. Bereits an dieser Stelle scheitern jene Unternehmensgründer, die von einem “automatisierten Geschäft” träumen, also mit Hilfe einer Online Plattform ein Einkommen ohne großes eigenes Zutun zu generieren. Es ist nun einmal Grundprinzip in der Wirtschaft, nur Leistung zu honorieren.

Auf den ersten Plätzen gefunden werden – alles andere zählt kaum

Aber selbst, wer Leistungen erbringen möchte, für die es im jeweiligen Markt Kunden gibt, muss oft genug wieder aufgeben, weil er seine potentiellen Kunden gar nicht erst erreicht. Das ist der Hintergrund dafür, weshalb Unternehmen viel Geld investieren, um im Internet, wo heutzutage gewöhnlich nach Anbietern gesucht wird, bei entsprechenden Anfragen in den Google-Suchergebnissen möglichst weit oben aufzutauchen. Das kann jeder bei sich selbst nachvollziehen: Wohl niemand durchsucht die Liste der Suchergebnisse minutenlang nach weiteren Anbietern, wenn schon die ersten Suchergebnisse erfolgversprechend sind.

In sozialen Netzwerken relevant sein

Doch auch diese Suchmaschinenoptimierung (Search Engine Optimization, kurz SEO) ist nur ein Teilaspekt vor allem dann, wenn die Zielgruppen im Sinne möglicher Bedarfsträger und damit Kunden bevorzugt in den sozialen Netzwerken des Internets anzutreffen sind. Hier kommt es darauf an,von den Algorithmen als bedeutsam oder relevant erkannt zu werden: Wer viel Zuspruch und viele Interaktionen erfährt, wird bevorzugt auch weiteren Nutzern – sprich Netzwerkteilnehmern – zugänglich gemacht.

Das Problem: Der Weg dorthin ist lang und der Aufbau entsprechender Relevanz kann Jahre dauern – wenn der erwünschte und notwendige Erfolg überhaupt jemals eintritt, denn der ist trotz allem denkbaren erheblichen Engagements des Seiteninhabers keineswegs sicher. Schließlich kann im Grunde niemand vollständig nachvollziehen, welche Prioritäten die Algorithmen setzen, hinzu kommt, dass diese immer wieder geändert werden. Vor diesem Hintergrund sind Dienstleister entstanden, bei denen man etwa YouTube Klicks kaufen kann. Offenbar verfügen solche Anbieter über tausende Profile oder zumindest Zugang dazu, wobei unklar ist,ob hier technische Lösungen im Spiel sind oder sich tatsächlich Menschen etwa in Entwicklungsländern mit den Klicks ein Zubrot verdienen.

Das Geschäft mit den Klicks beschränkt sich nicht auf YouTube, wofür übrigens auch Abonnenten, Likes, Follower und die Anzahl der Teilungen feilgeboten werden. Ebenso ist im Grunde das ganze bewertungsrelevante Portfolio für die wichtigen sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram, Pinterest, TikTok, Soundcloud, Spotify und andere mehr verfügbar. Natürlich führen solche gekauften Interessenbekundungen zu einer Verzerrung der Bewertungsprofile und wer das nutzt, setzt darauf, dass sich die Algorithmen dadurch so manipulieren lassen, dass das eigene Webangebot besser positionert und damit mehr echten Besuchern angezeigt wird.

Recht und Moral

Ist das legal? Rechtlich würdigen kann das der Görlitzer Anzeiger nicht, bedenkt man aber, dass Influencer ihr Geld über ihre Klickzahlen, Likes und Follower verdienen, riecht es bei gekauften Anzahlen nach unlauterem Wettbewerb. Schon Ende Juli 2019 analysierte t-online, ein Angebot der Ströer Content Group, genüsslich das Instagram-Profil einer bekannten Influencerin.

Und wie ist es andererseits rechtlich und moralisch zu würdigen, wenn jemand Klicks kauft, um infolge ganz real mehr anderen Nutzern angezeigt zu werden? Letztendlich basiert auch die Werbung, die bestimmte soziale Netzwerken selbst anbieten, auf diesem Prinzip: Man legt ein Bugdet fest und das Netzwerk verspricht, wie viele weitere Nutzer man erreicht. Wer sich jedoch lieber – etwa aus Preisgründen – externer Anbieter bedienen will, dem ist zumindest ein Blick in die Nutzungsbedingungen der Plattform, auf der man seinen Erfolg steigern möchte, zu empfehlen, um gegebenenfalls einer Abstrafung oder Account-Löschung durch den Netzwerkbetreiber zu entgehen. Das droht, falls der Bewertungslieferant gar zu grobschlächtig und damit auch für die Algorithmen erkennbar vorgeht.

Auffällig wird die Angelegenheit für aufmerkame Nutzer, wenn auf einer Social Media Seite kaum Follower vermerkt sind, aber extrem viele Klicks angezeigt werden. Außerdem machen Seiten stutzig, die sehr viele Klicks, aber nur sehr wenige Kommentare ausweisen. Merke: Auch Tricksen will gekonnt sein.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: XANDER_DEZ / Alexander Bahena, Pixabay License
  • Erstellt am 20.01.2021 - 10:24Uhr | Zuletzt geändert am 20.01.2021 - 11:10Uhr
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