Jetzt kommt Jazz!

Görlitz-Zgorzelec. Die 14. Jazztage Görlitz stehen der Stadt vom 3. bis 7. Juni 2009 ins Haus. Ein engagierter Verein - der Kulturzuschlag e.V. - hat im Laufe der Jahre die Quadratur des Kreises geschafft: Die Bevölkerung einer Stadt und einer Region für gute Jazzmusik aufzuschließen und zu begeistern. Mit dem diesjährigen Jazzfestival vereint Görlitz die Jazzwelten diesseits und jenseits der Neiße. Das lässt aufhorchen: Auch Jazz aus Polen ist eine Qualitätsmarke.

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Blonde Stimme setzt i-Punkt auf das Jazztage-Programm

Mit der dänischen Sängerin Caecilie Norby konnte Kulturzuschlag e.V. für die 14. Jazztage Görlitz buchstäblich in letzter Sekunde einen wirklich großen Namen der europäischen Jazzszene verpflichten. Nach dem Engagement weiterer privater Spender waren zunächst die finanziellen, dann auch die künstlerischen Hürden genommen worden. Im Quartett zusammen mit Lars Danielsson, einem der kreativsten schwedischen Bassisten, steht Caecilie Norby - auch die "blonde Stimme" genannt - am Freitagabend (5. Juni) auf der Fischmarktbühne.

Stlistische Vielfalt ist angesagt


Die Jazztage Görlitz vereinen zwölf Bands mit Musikern aus acht Ländern in sieben verschiedenen Veranstaltungen. In beeindruckender stilistischer Vielfalt sind ‚feine Trios’ ebenso zu erleben wie vielköpfige Formationen. Von Jazz-Chorälen bis Funk reicht das Spektrum, dessen Auftakt bereits am 16. Mai mit einem Sonderkonzert im Pückler-Schloss Bad Muskau erklang.

Wie die Jazzwelle über Ufer tritt

Sächsisch-polnische Bands sind das Signal für Jazz ohne Grenzen. "Jazz ohne Grenzen" galt früh schon als Motto der Jazztage Görlitz, war aber noch nicht mit Leben erfüllt. Medienvertreter hatten oft nur ein verständnisvolles Nicken: Nicht neu, nicht überraschend, nicht innovativ. Klar, dass ein Jazzfestival an der polnischen Grenze sich mit Künstlern der Szene zwischen Posen (Poznań) und Krakau (Kraków) schmücken wollte.

Polen steht ja seit den 1950er Jahren für international erfolgreichen Jazz. Klangvolle Namen wie Michal Urbaniak, Tomasz Stanko, Zbigniew Namyslowski oder Czesław Niemen glänzen in Fachliteratur wie in den Erinnerungen der etwas reiferen Fans. Viele von diesen Künstlern haben eine weltweite Karriere gemacht und warum sollte man sie nicht holen können? Der wohlfeile Ratschlag erwies sich jedoch als Fehldiagnose.

In der Praxis geriet der musikalisch-kulturelle Brückenschlag viel komplizierter und ebenso schwierig planbar wie ein Jazz-Live-Konzert. Zgorzelec hat kein quirliges Klubleben und auch im weiten Land rundum wohnen die Jazzer nicht gerade Tür an Tür. Dazu die noch immer existierenden Sprachbarrieren. So beharrlich, wie es Feierabend-Organisatoren nun mal können, knüpfte der Kulturzuschlag e.V. seine Fäden über die Neiße: Ein europäisch geförderter Nachwuchs-Workshop 2003, Akzente im
Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung von Görlitz 2002-2004, Besuche polnischer Konzerte und, wenn möglich, polnische Bands auf Görlitzer Bühnen. Die zwei- bis dreisprachigen Programmhefte brachten selten mehr als einige Dutzend Besucher aus dem östlichen Nachbarland.
Doch die Vereinsmitglieder waren unbekümmert in mehrfacher Mission unterwegs: Bands erleben und akquirieren - Jazzfans finden und einladen. Schließlich wollte man auch Kollegen entdecken und gemeinsame Bandprojekte gründen. Denn mehrere Vereinsmitglieder sind leidenschaftliche Freizeitmusiker.

Etwa zeitgleich eroberte das Internet das Musikgeschäft und auf MySpace oder Youtube präsentierten sich plötzlich auch unbekannte Musiker weltweit. Das World Wide Web wurde zum Kletternetz für den Grenzübertritt hin zur aktuellen polnischen Jazz-Szene. Quasi von Link zu Link klickerten sich die Hobby-Programmredakteure vom Kulturzuschlag zu künftigen Partnern an Oder und Weichsel.

Ein Erfolg mit Symbolkraft war 2008 das Booking des amerikanischen Starsaxophonisten Bill Evans. Der polnische Drummer Krysztof Zawatzky hatte seinem Musikerkollegen die Tür nach Görlitz geöffnet und dessen Auftritt bei den Jazztagen als den einzigen in Deutschland arrangiert. Görlitz wurde zur westlichsten Station von Evans Polen-Tournee!

Vielleicht markieren die Vierzehnten nun einen Durchbruch in der Entwicklung der Jazztage: Görlitz als Bühne zwischen den Jazzwelten beiderseits der Neiße. Mit Plakaten wird das "Festival mit kleinem Budget und großem Ambiente", so das freundliche Understatement der Veranstalter, Besucher locken - unterstützt durch binationale Kulturinstitutionen und Vereine. Nicht Geld, sondern die Weitergabe der Informationen kann der Veranstalter erwarten, aber das ist wertvoll.

Profilierte polnische Musiker bieten die 14. Jazztage reichlich. Moderner Fusionsound aus Krakau (Kraków), Electric-Jazz aus Breslau (Wrocław), Rock- und Funkelemente - drei von zwölf Bands kommen aus Polen und sind bereits über Grenzen populär. Zwei junge sächsisch-polnische Teams setzen ein besonderes Signal. Sie zeigen, wie ein swingender Brückenschlag zwischen den europäischen Nachbarn gelingt. Dass dies nun dort passiert, wo vor reichlich zwei Jahrzehnten noch eine streng gesicherte Grenze solch alltägliches Miteinander blockierte und trotz "Brudervölkern" freies Reisen nicht möglich war, lässt nicht nur Jazzfreunde der Region hoffen.

Karten kaufen!
Touristbüro i-vent am Obermarkt, Görlitz.

Mehr:
http://www.jazztage-goerlitz.de

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  • Quelle: /red | Erstveröffentlichung01.06.2009 - 12:57 Uhr
  • Erstellt am 01.06.2009 - 09:22Uhr | Zuletzt geändert am 09.06.2009 - 04:11Uhr
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