Das Leben in Görlitz kann man ausprobieren

Das Leben in Görlitz kann man ausprobierenGörlitz, 9. März 2019. Wer als "Zugereister" oder "Neu-Görlitzer" nach Görlitz kommt, erlebt – soweit kann man das sicher verallgemeinern – ein Wechselbad der Gefühle: Da sind einerseits unglaublich offene, freundliche Menschen, denen man in Unternehmen, bei Dienstleistern und in der Verwaltung begegnet, andererseits Arztpraxen, die Patienten ablehnen, Arbeitgeber, die zwar Fachleute suchen, aber nicht verstehen, dass ein Bewerbungsprozess auch eine Angelegenheit gegenseitiger Wertschätzung ist, unabhängig davon, wie er ausgeht. Wie die Stadt Görlitz mehr Zuzug erreichen kann, gehört zu den Fragestellungen eines ersten Europastadt-Gesprächs "Stadt auf Probe – Potenziale der Kreativwirtschaft für die Stadtentwicklung" am 20. März 2019.
Abbildung: Görlitz war schon in der "DDR" ein Aufruf, die Koffer zu packen – inzwischen aber, um nach Görlitz zu ziehen

Fragen über Fragen

Wie kann eine Stadt wie Görlitz langfristig junge und gut ausgebildete Menschen gewinnen und dem demografischen Wandel trotzen? Welches Potenzial kommt dabei der Kreativwirtschaft zu? Welche neuen Anforderungen ergeben sich für die Stadtentwicklung, soll eine Kommune attraktiv sein für Kreative? Derlei Fragestellungen sollen beim Europastadt-Gespräch, zu dem das Interdisziplinäre Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) einlädt, auf den Tisch kommen. In der Ankündigung heißt es: "Der Kreativwirtschaft wird für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung ein besonderes Potenzial zugesprochen. Die Branche macht es jungen und gut ausgebildeten Menschen möglich, sich zu verwirklichen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zugleich kann sie das Stadtleben bereichern. Kleinere Städte gewinnen damit wiederum an Anziehungskraft für junge, kreative Menschen."

Das IZS-Forschungsprojekt "Stadt auf Probe – Wohnen und Arbeiten in Görlitz" rückt genau diese Zielgruppe in den Fokus und ermöglicht es noch bis Juni 2020, Görlitz als Wohn- und Arbeitsort kennenzulernen. Viele der Teilnehmer sind in der Kreativwirtschaft tätig, was neue GFragen aufwirft: Ergeben sich damit besondere Anforderungen an die Stadtentwicklung? Welche sind das? Und wie können Mittelstädte wie Görlitz attraktiv für die Kreativwirtschaft sein? Im Europastadt-Gespräch sollen Erwartungen und erste Erfahrungen aus dem Projekt vorgestellt werden.

Impulsstatements geben Maciej Pilny von der Politechnika Wrocławska (im schicken Englisch Wrocław University of Science and Technology), Danilo Kuscher vom Kühlhaus Görlitz e.V. und Axel Krüger von der Krüger & Altmann Personal- und Kommunikationsberatung GbR. Die Veranstaltung wird simultan deutsch-polnisch übersetzt.

Die Europastadt-Gespräche, deren Reihe nun startet, sollen "der offenen Debatte zu Themen der Stadtentwicklung und des Stadtumbaus in den Städten Görlitz und Zgorzelec sowie darüber hinaus" dienen. Zweck ist es, aktuelle Forschungserkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis vorzustellen und zu diskutieren sowie Schlussfolgerungen für die Entwicklung vor Ort zu ziehen.

Hingehen!
Mittwoch, 20. März 2019, von 17 bis ca. 18.30 Uhr,
Saal der KommWohnen Service GmbH, Konsulstraße 65, 02826 Görlitz
Programmflyer zum Download
Interessierte sind herzlich eingeladen, mit Experten ins Gespräch zu kommen!

Aber vorher anmelden!
Bis zum 17. März 2019 an izs-goerlitz@ioer.de


Kommentar:

Wer glaubt, allein Industriearbeitsplätze wären für den lokalen Arbeitsmarkt entscheidend, irrt: Deutschlandweit beschäftigt die Kreativwirtschaft mehr Leute als beispielsweise die gesamte Autoindustrie. Zugleich bietet die Kreativwirtschaft meist mehr Möglichkeiten, Familie und Beruf flexibel unter den Hut zu bringen als wenn man auf Schicht muss.

Der Standort Görlitz ist für Leute, die vor allem unter Einsatz ihrer Kreativität Geld verdienen wollen, Segen und Fluch zugleich: Einesteils ist der Acker weitgehend unbestellt und es finden sich um wahrsten Sinne des Wortes Freiräume. Das reicht aber nicht, denn es mangelt im weitesten Sinne an Infrastruktur, ohne die sich Kreativwirtschaft nur schwer etablieren kann. Zu dieser Infrastruktur zählen spezialisierte Händler (Beispiel Künstlerbedarf samst Umfeld an Kursen, die von Freischaffenden gehalten werden), spezialisierte Verleiher (beispielsweise für Filmproduktionen), die großen Medienhäuser (beispielsweise des Rundfunks) und eine künstlerisch ausgerichtete Hochschule. Der wichtigste Mangel, auf den hochfliegende Ideen und Konzepte treffen, ist in der insgesamt strukturschwachen Region der an zahlungsbereiter Nachfrage, von Mäzenen ganz zu schweigen. Sicher kann man vieles online ersetzen, doch nicht ersetzbar ist das mit der genannten Infrastruktur verbundene Beziehungsgeflecht, in dem sich im Laufe der Zeit eine vertrauensvolle und damit unkomplizierte Zusammenarbeit einspielt.

Andererseits macht es das übersichtliche Görlitz einfach, Kontakt zu anderen Kreativen zu finden und sich zu vernetzen. Ein Netzwerk allerdings, in dem alle das Selbe wollen (gewöhnlich nämlich Aufträge), nützt wenig. Wenn sich das IZS dieser Situation stellt und Kreativwirtschaft nach Görlitz locken will, dann ist das sehr tapfer und mit guten Erfolgswünschen zu begleiten.

Was mir persönlich ausgesprochen sauer aufstößt ist jedoch der Anspruch, "junge und gut ausgebildete Menschen gewinnen" zu wollen und dem "demografischen Wandel trotzen" zu wollen. Dem demokratischen Wandel trotzen zu wollen erinnert mich an den Fels in der Brandung, der der Brandung ziemlich egal ist – viel interessanter (und übrigens kreativer) wäre es, die Brandung zu nutzen.

Ich möchte eine These aufstellen: Wir brauchen keine "jungen und gut ausgebildete Menschen" und möchte damit die Fragestellung, wie eine Stadt wie Görlitz langfristig junge und gut ausgebildete Menschen gewinnen kann, kritisieren. Entgegen der oft zitierten Ansicht, es gebe keine dummen Fragen, gibt es diese doch, denn mit seiner Fragestellung gibt der Fragende einen Einblick in seinen Bildungsstand und seine Denkmuster. Wer die falschen Fragen stellt, bekommt die falschen Antworten (das kann man wunderbar mit seinem Steuerberater ausprobieren).

Als erstes gehört das Wort "langfristig" gestrichen, ein Wort, mit dem sich Akteure gern der Ergebnisverantwortung entziehen. Wenn die Wirtschaftsstruktur in Görlitz verändert oder bereichert werden soll, muss schnell gehandelt werden, dauern wird es nämlich eh zu lange. "Junge und gut ausgebildete Menschen" klingt mir nach Hochschulabsolventen mit kühnen Projekten, die ihre erste Bauchlandung noch vor sich haben oder sich von Förderprojekt zu Förderprojekt durchhangeln. Was überhaupt heißt "jung"? Jung sein heißt für mich, im Kopf flexibel zu sein und bereit zu sein, Ideen auszuprobieren, also ein Scheitern in Kauf nehmen zu können. Dabei gilt: Jüngere können ein Scheitern leichter ausgleichen als Ältere, was nun aber kein Freibrief ist. Und flexibles Denken ist keine Eigenschaft, die nur junge Leute haben – im Gegenteil, mir begegnen in der Berufspraxis immer wieder Ideen unerfahrener Unternehmensgründer, die mich an Helmut Schmidts Empfehlung für Leute mit Visionen erinnern, weil sie die eigentlich erfolgskritischen Aspekte mangels eigener unternehmerischer Erfahrung überhaupt nicht im Blickfeld haben. Flexibles Denken setzt die Fähigkeit voraus, zielorientiert und doch zielflexibel Chancen und Risiken sehr schnell zu bewerten und in Handlungen umzusetzen und nicht etwa, wie bei einem Brainstorming sich mit jeder "könnte doch"-Variante zu befassen.

Eine gute Ausbildung ist wichtig, nur: Ein junger Mensch kann gar nicht gut genug ausgebildet sein, lebenslanges Lernen beschränkt sich doch nicht darauf, sein Wissen zu aktualisieren, sondern auch aus anderen Fachgebieten dazuzulernen und dieses Wissen einem Glasperlenspiel gleich zu verbinden und zu nutzen. Ich glaube fest an Volksweisheiten und denke, man kann mit Hilfe weniger Sprichworte sein Leben erfolgreich gestalten. Ein chinesisches Sprichwort hat sich für mich bestätigt: "Lerne, nach und nach kannst Du tun, was Du willst." Gemeint ist damit, dass man sein Wollen immer besser an das anpassen kann, was nachgefragt wird, und sich nicht zu Tätigkeiten zwingen muss, nur um Geld zu verdienen. Vielleicht veranstalte ich mal ein Seminar darüber.

Unter'm Strich brauchen wir in Görlitz einen Zuzug von Vertretern der Kreativwirtschaft, die von ihrem Einkommen leben können. Ausbildung und Alter sind dabei völlig egal, gerade im Kreativbereich hat man in einem Alter, in dem andere in Vorruhestand oder Rente gehen, durchaus noch Schaffensjahrzehnte vor sich. Wer also Lust auf Leben und Schaffen in der Oberlausitz hat, sollte eine der Beratungsstellen für Kultur- und Kreativschaffende nutzen (Ansprechpartnerin bei Kreatives Sachsen ist die versierte Beraterin Claudia Muntschick).

Eins möchte ich der "Kreativwirtschaft" zum Schluss noch mit auf den Weg geben: Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der sich selbst als "kreativ" bezeichnete und wirklich kreativ gewesen wäre.

Trotzdem ein schönes Wochenende wünscht

Ihr Thomas Beier

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Kreative

Von Bernd Meiche am 09.03.2019 - 16:10Uhr
Der Kommentar ist im wesentlichen richtig.

Hinzu kommt, das wichtige Grundlagen fehlen: Ohne eine umfassende schnelle Internet-Verfügbarkeit wird es kaum möglich sein, "Kreative"-Netzwerker anzulocken.

Wenn ich mir die Verfügbarkeit von LTE oder schnellen DSL-Leitungen ansehe, wird ein gravierender Mangel in Görlitz deutlich. Die LTE-Abdeckung von Telekom/Vodafon ist lächerlich.

Ohne Basics kein Erfolg. Freundliche Grüße.

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