Im Gedärm der erzenen Berge

Im Gedärm der erzenen BergeErzgebirge, 5. Juli 2006. Von Thomas Beier. Der sächsische Erzbergbau hat im späten Mittelalter, im Frühkapitalismus und in der sozialistischen Vergangenheit dem Erzgebirge Phasen der wirtschaftlichen Blüte und des Wohlstands gebracht. Heute steht die Sanierung der Unter- und Übertage-Anlagen im Mittelpunkt. Unsere Bildergalerie am Ende des Beitrags zeigt eine kleine Auswahl erzgebirgischer Mineralien.

Foto: © BeierMedia.de

Anzeige

Eine Einführung in die historischen Hintergründe

Das Erzgebirge liefert seit nunmehr fast tausend Jahren ein Beispiel, wie es die Menschen immer wieder verstanden, sich neue Erwerbsmöglichkeiten aufzubauen. Auf diese Weise das Erzgebirge zu einer Region geworden, in der sich auf einzigartige Weise Menschen, Montanindustrie und echte Volkskunst verbinden. Die örtlichen Museen - besonders in Schneeberg und in Schwarzenberg (Links siehe unten) - geben beredtes Zeugnis davon.

Die Wurzeln des sächsischen Erzbergbaus reichen zurück in das 12. Jahrhundert. Da erhob sich erstmals das „große Bergkgeschrey“, als man bei Christiansdorf zufällig Silber gefunden hatte. Erst ca. 200 Jahre zuvor hatte die neuzeitliche Besiedlung des als Miriquidi bekannten Gebietes sehr zögerlich begonnen, die Slawen fürchteten offenbar den "dunklen Wald" - so die Bedeutung des Wortes. Jedoch schon im 14. Jahrhundert ebbte der "Silberrausch" deutlich ab. Um 1471 flackerte durch neue Silberfunde im oberen Gebirge bei Schneeberg ein neues „Bergkgeschrey“ auf. Dieses erwies sich als weit mächtiger als das erste und zog die unterschiedlichsten Menschen ins Gebirge. Einen Eindruck jener Zeit vermittelt der Bergaltar von Hans Hesse – ein Cranach-Schüler – in der St. Annenkirche zu Annaberg.

Je nach Fortschritt der Abbau- und vor allem der Verhüttungsindustrie wurden andere Minerale und Erze - vor allem ab Mitte des 16. Jahrhunderts - interessant. Kobalt als Farbstoff, Wismut als Legierungsmittel für die Lettern des aufkommenden Buchdrucks, für den Glockenguss und als Schminke sowie Ocker und Eisenerz sind neben Zinn Beispiele. Eine besondere Bedeutung erlangte das Nickel mit der in Schneeberg gemachten Erfindung des Neusilbers, einer Legierung aus Kupfer, Zink und Nickel, die besonders für Bestecke verwendet wurde.

Das vorerst letzte "Bergkgeschrey" löste ab 1946 die zunächst rein sowjetische Aktiengesellschaft WISMUT aus, der es aber nicht um dieses Element, sondern um das in der Pechblende enthaltene Uran ging. Uranerz war bei den Bergleuten der vergangenen Jahrhunderte nicht beliebt, denn wo es gefunden wurde, da war kein Silber. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Element Uran erstmals in Berlin nachgewiesen, benannt nach dem ebenfalls gerade entdeckten Planeten. Es wurde zunächst als Porzellan- und Glasfarbe verwendet. Aus den Rückständen der Joachimsthaler Uranerzaufbereitung (heute Jachymov) erzeugten die Curies das erste Radium. Die heilende und lindernde Wirkung radioaktiven Wassers wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannt. Während nach dem ersten Weltkrieg die Bedeutung des Erzbergbaus rasch abnahm, blühte das Radiumbad Oberschlema auf.

Unmittelbar mit dem Ende des zweiten Weltkrieges auch im pazifischen Raum setzte eine ungeahnte Entwicklung ein: Das atomare Wettrüsten. Bereits ab Herbst 1945 wurden die erzgebirgischen Lagerstätten von sowjetischen Spezialisten untersucht. Uran war strategischer Rohstoff geworden. Heiligabend 1946 gelang den Sowjets bei Moskau die erste Kettenreaktion, die einen gewaltigen Bedarf an Natururan auslöste. Bereits ab Anfang 1946 gab es Dienstverpflichtungen zur WISMUT, die legendären "wilden Jahre", in denen die Uranförderung im Erzgebirge alles, Recht und Gesetz aber fast nichts bedeuteten, begannen.

Nachdem einige Abbaugebiete wie um Johanngeorgenstadt bereits in den fünfziger Jahren ausgebeutet waren (verbunden mit dem weitestgehenden Abriss der Altstadt), konzentrierte sich der Abbau zunehmend um Schlema und Hartenstein sowie Königstein im Elbsandsteingebirge. Bis Mitte der fünfziger Jahre wurde der Abbau weitgehend mechanisiert, doch wurde stets auch schwer körperlich gearbeitet. So waren Kistentransporte für das Erz nicht ungewöhnlich.

Im Jahre 1954 wurden von der Sowjetunion die letzten Betriebe an die DDR zurück gegeben. Die DDR hatte von den 10 Mrd. US-Dollar Reparationsleistungen, die von der sowjetischen Besatzungszone an die UdSSR zu zahlen waren, zu dieser Zeit 4,3 Mrd. erbracht. Die WISMUT wurde zu einer paritätischen Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft, kurz SDAG WISMUT. Alleiniger Abnehmer des Uranerzkonzentrates, des "yellow cake", blieb die Sowjetunion, allerdings nun auf Basis von Handelsbeziehungen. Mit der militärischen Entspannung zu Ende der achtziger Jahre ging der Uranbedarf zurück, zugleich verschlechterten sich die Abbaubedingungen für den größten europäischen Uranproduzenten immer mehr. So entstanden schon in der "DDR" erste Auslaufkonzeptionen.

Jedoch nur dem Glücksumstand der deutschen Wiedervereinigung ist es zu danken, dass die Altlasten des ehemaligen sächsischen Erzbergbaus heute in vorbildlicher Weise saniert werden. Der Freistaat Sachsen wendet dafür erhebliche Mittel auf.
Noch zu Beginn der neunziger Jahre ging man beispielsweise davon aus, dass bis zur Renaturierung der Halden in Oberschlema noch Jahrzehnte vergehen würden. Der Stand heute? Im Jahr 2006 würde der ortsfremde Besucher des Kurbetriebes von Bad Schlema die Halden von den Gebirgszügen des Erzgebirges kaum unterscheiden können.

Geblieben sind im Erzgebirge das bergmännische Brauchtum und die bergmännische Volkskunst, mit der die Zeiten zwischen den „Bergkgeschreys“ überbrückt wurden und die als Zubrot diente.
Den Spuren des Bergbaus begegnet der Tourist in Form vieler Besucherbergwerke, der Kenner hingegen freut sich über das Wissen um Huthäuser, Stollen, Schächte, kaum noch erkennbare Halden und Mineralienfundstellen.

Und noch etwas: Der Name WISMUT hat im Erzgebirge noch immer einen Klang, wenn auch einen neuen. In der Vorwendezeit war die WISMUT ein Staat im Staate, mit hervorragenden Verdienstmöglichkeiten, Talonware, dem berühmten „Wismutfusel“ (dem akzisefreien Trinkbranntwein, übrigens weit besser als sein Ruf), mit eigener Staatsicherheit und eigener Gewerkschaft, eigener Handelsorganisation (HO-Wismut) und eigenem Gesundheitswesen, eigenem Feriendienst, vorzeitiger PKW-Belieferung etc. pp. – und eben mit der Aura des streng Geheimen.

Heute ist die WISMUT GmbH ein Sanierungsträger, der die Karten auf den Tisch legt. Transparenz wird groß geschrieben. Nur eins ist geblieben und haftet allen sächsischen Kumpeln - nicht ohne Stolz - an: "Ich bin Bergmann - wer ist mehr?"

Literaturtipps:


    • Martin Viertel:
      "Sankt Urban" (Roman),
      Verlag Neues Leben, Berlin, 1969, ISBN: 3776613491

    • "Sonnensucher" – Filmerzählung von Karl Georg Egel / Paul Wiens
      Verfilmt von der DEFA 1957/58, Regie: Konrad Wolf

    • Eine Abriss des Altbergbaus und der WISMUT-Zeit findet sich im Buch „Seilfahrt“,
      bereits im Jahre 1990 herausgegeben von der SDAG Wismut,
      erschienen im Doris Bode Verlag, ISBN 3-925094-40-7

    • Ralf Engeln:
      "Uransklaven oder Sonnensucher? Die sowjetische Aktiengesellschaft Wismut in der SBZ/DDR 1946-1953.", Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen A, Darstellungen 19. Essen: Klartext Verlag, 2001. ISBN 3-88474-988-9

    • Werner Schiffner
      "Agricola und die Wismut"
      Ein Zeitbogen vom Bergkgeschrey auf Sylber zum Berggetöse ums Uran im Erzgebirge
      Sachsenbuch 1994, ISBN 3910148956

    • Gine Elsner, Karl Heinz Karbe:
      "Von Jachymov nach Haigerloch"
      Der Weg des Urans für die Bombe. Zugleich eine Geschichte des Joachimsthaler Lungenkrebses.
      VSA 1999, ISBN 3879757283

    • Rainer Karlsch, Zbynek Zeman:
      "Urangeheimnisse: Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik 1933 - 1960"
      Der dramatische Wettlauf der USA und der UdSSR um die Uranressourcen im Erzgebirge.
      ISBN: 3-86153-276-X

    • Johannes Decker:
      "Uranjäger" (Roman)
      Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg, ISBN:3-931770-47-8

Museen und Historisches (Auswahl):



Die andere Seite des Erzgebirges:



Erzgebirgische Mineralien:

Galerie Galerie
Buntkupferkies auf Kalkspat Konkretion Brauneisenstein Schwefelkies Weißnickelkies Zinkblende Weißnickelkies Strahlstein Bleiglanz Kalkspat Schwerspat (Baryt) und Biotit Kupferkies und Bleiglanz Strahlstein (Aktinolith)
Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 05.07.2006 - 23:07Uhr | Zuletzt geändert am 23.06.2022 - 18:00Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige