Knapp 150 Neugierige wollen Leben in Görlitz testen

Görlitz, 8. Dezember 2018. Von Heike Hensel. Für das Projekt "Stadt auf Probe – Wohnen und Arbeiten in Görlitz" sind bis zum Fristende 149 Bewerbungen eingegangen. Anfang 2019 kommen die ersten der ausgewählten Familien oder Einzelpersonen nach Görlitz. Bis Juni 2020 können insgesamt 54 Haushalte jeweils vier Wochen lang testen, ob für sie ein Umzug an die Neiße in Frage kommen könnte. Neben drei Probewohnungen stehen den Teilnehmenden auch Arbeitsräume zur Verfügung.
Abbildung: Görlitz-City glänzt mit einem fast ungestörten Stadtbild

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Görlitz lockt international

"Das Interesse, am Projekt teilzunehmen, war erfreulich groß. Innerhalb von sechs Wochen haben uns 149 Bewerbungen und weit mehr Anfragen zu dem Projekt erreicht", resümiert Professor Robert Knippschild vom Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) in Görlitz, der das Projekt leitet. Besonders groß ist das Interesse bei Menschen aus Berlin: 49 Bewerbungen (33 %) gingen aus der Hauptstadt ein. Aus nahezu allen Bundesländern erreichten das Projekt-Team Bewerbungen. Auch viele Sachsen interessieren sich für das Probe-Leben in Görlitz. Aus dem Freistaat gingen 25 Bewerbungen (17 %) ein. Bewerbungen aus dem Ausland kamen aus Polen, Tschechien, der Schweiz, Ungarn, Bulgarien, Griechenland, der Ukraine, Großbritannien und den USA. 103 Personen und damit mehr als zwei Drittel der Bewerberinnen und Bewerber (69 %) leben aktuell in einer Großstadt. Die anderen 46 (31 %) kommen aus Klein- und Mittelstädten oder Landgemeinden.

Neues Zuhause? Neue Kontakte?

Das Alter der Bewerberinnen und Bewerber ist breit gefächert. Insbesondere das Ziel, jüngere Personen im erwerbsfähigen Alter für das Projekt zu gewinnen, wurde damit erreicht. Mehr als die Hälfte der Interessierten sucht auch tatsächlich nach einem neuen Wohnort. Diese Motivation für ihre Bewerbung gaben 93 Personen (62 %) an. 134 Personen (90 %) interessieren sich für die Stadt Görlitz und möchten sie deshalb gern vier Wochen lang kennenlernen. 91 Personen (61 %) erhoffen sich von dem Probeaufenthalt, neue Netzwerke zu erschließen. Dieses Anliegen kommt den am Projekt beteiligten Görlitzer Initiativen entgegen. Auch diese hoffen, durch das Projekt ihre Netzwerke weiterzuentwickeln. Die Initiativen KoLABORacja e.V., Kühlhaus Görlitz e.V. und Wildwuchs e.V. stellen Büroräume, Werkstattarbeitsplätze und einen Ausstellungsraum zur Verfügung. Die Probewohnungen stellt die KommWohnen Service GmbH bereit.

Auch die Stadt Görlitz unterstützt und begleitet das Projekt. Sie vermittelt Kontakte und möchte so das Einleben in der Stadt erleichtern. Darüber hinaus steht den Teilnehmenden für ihre Zeit in Görlitz ein Ansprechpartner zur Seite, der ihnen bei Fragen zum Arbeiten in Görlitz weiterhilft und zum Beispiel branchenspezifische Kontakte vermittelt.

Impulse für Görlitz – viele Bewerbungen von Kreativen

Der Aufruf zur Bewerbung für das Projekt "Stadt auf Probe" richtete sich im September vor allem an Selbstständige und Freischaffende aus der Kreativwirtschaft, Menschen also, die ortsungebunden arbeiten und leichter einen vierwöchigen Aufenthalt in Görlitz realisieren können. "Diese Zielgruppe haben wir auch erreicht. Das breite berufliche Spektrum, aus dem die Bewerbungen kommen, kann für Görlitz viele neue Impulse bringen", ist sich Robert Knippschild sicher. Beworben haben sich nicht nur zahlreiche Kunst- und Kulturschaffende aus verschiedenen Sparten der bildenden Kunst, sondern auch Autorinnen und Autoren und einige Selbstständige aus dem IT- und Marketingbereich bzw. aus dem Bildungssektor.

Inzwischen hat das Projekt-Team die Bewerbungen gesichtet und diejenigen Haushalte ausgewählt, die in der ersten Jahreshälfte 2019 das Leben in Görlitz testen werden. Insgesamt wird es 18 jeweils vierwöchige Durchläufe des Erprobens geben. Pro Durchlauf können drei Haushalte parallel in Görlitz zu Gast sein. "Die ersten Zusagen der ausgewählten Bewerberinnen und Bewerber sind bereits eingegangen und wir bereiten nun intensiv den Start im Januar vor", erläutert Projektleiter Robert Knippschild.

Dazu zählt unter anderem die Begleitforschung. Während des vierwöchigen Aufenthaltes werden die Teilnehmenden durch das IZS wissenschaftlich befragt. Ziel der Studie ist es zu erfahren, welche Anforderungen sie an einen Wohn- und Arbeitsstandort in einer Mittelstadt wie Görlitz haben und wie sie die Gegebenheiten in Görlitz beurteilen. Aus diesen Informationen wird das Team um Professor Robert Knippschild Handlungsempfehlungen für die Stadtentwicklung in Görlitz und in vergleichbaren Städten ableiten.

Weitere Informationen zum Projekt:
http://stadt-auf-probe.ioer.eu/

Das Projekt wird im Rahmen der „Nationalen Stadtentwicklungspolitik“ vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI)/Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gefördert. Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), vertreten durch das in Görlitz ansässige Interdisziplinäre Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS), setzt das Projekt gemeinsam mit den Partnern KommWohnen Service GmbH, dem Amt für Stadtentwicklung der Stadt Görlitz sowie den Görlitzer Initiativen KoLABORacja e.V., Kühlhaus e.V. und Wildwuchs e.V. um. Weitere lokale Initiativen und Netzwerke unterstützen das Vorhaben.

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Dipl.-Journalistin Heike Hensel, Autorin des Beitrags, verantwortet beim IÖR die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.



Kommentar:

Die Aufmerksamkeit für das Probewohnen in Görlitz hat einen wohl ungewollten Nebeneffekt: Auch Senioren sind auf das Projekt aufmerksam geworden und möchten zur Probe wohnen – allerdings sind sie nicht die Zielgruppe des Probewohnens. Und das ist sicherlich auch richtig so: Die Attraktivität der Neißestadt für Senioren steht außer Zweifel, sie können sich die Stadt während eines Kurzurlaubs ansehen und oft genug gibt es Referenzen, die über Erfahrungen nach dem Umzug nach Görlitz berichten.

Für Senioren verbinden sich mit dem Umzug nach Görlitz andere Prioritäten. Während es für sie immer wieder um die altenfreundliche Infrastruktur und relativ niedrige Mieten geht, stehen für jüngere Leute und Familien Erwerbsmöglichkeiten, Kindereinrichtungen und die soziale Vernetzung im Vordergrund.

Es bleibt zu konstatieren: Attraktiv ist Görlitz für Senioren wie auch für junge Leute und Familien, weil es die unterschiedlichen Erwartungshaltungen durchaus bedienen kann – und zugleich enorme Freiräume bietet, sich in das soziale, kulturelle und politische Leben der Neißestadt einzubringen, meint

Ihr Thomas Beier


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  • Quelle: Heike Hensel | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 07.12.2018 - 23:48Uhr | Zuletzt geändert am 21.06.2019 - 12:20Uhr
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