Industrie in der Görlitzer Südstadt als Gesprächsthema

Industrie in der Görlitzer Südstadt als GesprächsthemaGörlitz, 6. November 2019. Die Herbstausgabe des Görlitzer Industrie-Salongesprächs widmet sich den Industriebetrieben, die einst in der Görlitzer Südstadt beheimatet waren. Zählt man diese auf, entsteht der Eindruck, die ganze Südstadt sei ein einziges Gewerbegebiet gewesen. Der Industriesalon am 15. November rückt die Südstadt-Betriebe in den Mittelpunkt.

Hier an der Fichtestraße waren bis 1991 die Geschäftsleitung und der Vertrieb des Feinoptischen Werkes Görlitz untergebracht

Archivbild 2015: © Görlitzer Anzeiger

Anzeige

Zu Industriegeschichte der "DDR" gehört die politische Komponente

Zu Industriegeschichte der "DDR" gehört die politische Komponente

Teilansicht des Hauptwerkes der Feinoptik an der Arndtstraße, gesehen von der Fichtestraße. Im Gebäude links, das inzwischen abgerissen ist, war unter anderem die Rationalisierungsmittel-Konstruktion untergebracht. Betriebsmittel wurden in einem ebenfalls abgerissenen Wohnhaus auf der Cottbuser Straße, wo sich auch der Werkzeugbau befand, konstruiert. Vorn rechts im Bild das alte Meyer-Optik-Gebäude Fichtestraße 2 aus dem Jahr 1923, das später das Finanzamt beherbergte und heute gewerblich genutzt wird.

Archivbild 2015: © Görlitzer Anzeiger

Viele Görlitzer erinnern sich noch an den VEB KEMA Fabrik für Keramikmaschinen Görlitz und den VEB Feinoptisches Werk Görlitz, zuletzt ein betrieb des Kombinates Carl Zeiss Jena, das wegen der Markenrechte im Westen nur als Jenoptik auftreten konnte. Das Unternehmen Carl Zeiss Jena, dort 1846 begründet, war zum Ende des Zweiten Weltkrieges im amerikanischen Besatzungsgebiet. Als sich die US-Army aus Thüringen zurückzog, nahm sie 77 Ingenieure und Wissenschaftler mit. Die Zeiss-Mitarbeiter bauten – zunächst mit Unterstützung des Jenar Werkes – in Oberkochen ein neues Werk auf. Die Zusammenarbeit zwischen Jena und Oberkochen endete 1953, der weltweite Streit um die Markenrechte dauerte bis 1989. Hervorgegangen war das Feinoptische Werk aus der Meyer-Optik, Entwickler und Hersteller berühmter Fotoobjektive. Deren klangvolle Namen wie das Primoplan, das Trioplan oder die Telemegore standen bei Fotografen für einzigartige Eigenschaften: Im Gegensatz zu den Objektiven aus Jena, wie das gern als Adlerauge bezeichnete Tessar, das Triotar oder das Pancolar waren die Görlitzer Objektive keine absoluten Scharfzeichner, die mit ihnen angefertigten Fotografien geben dem Licht eine besondere Wirkung.

Zur Industriegeschichte der Südstadt gehören auch der KEMA-Vorläufer, die Richard Raupach Maschinenfabrik und Eisengießerei Görlitz GmbH, die Ephraim Eisenwarenhandlung, Mattke & Sydow Schokoladen, die Brauerei an der Neiße, Siemens, der Maschinenbau auf der Lutherstrasse, Rudolf Pawlikowskis 1909 gegründete Kosmos-Maschinenfabrik – hier wurde maßgeblich am Kohlenstaubmotor, dem RuPa-Motor, gearbeitet, nachdem Rudolf Diesel aufgeben musste – und die Arnade Kofferfabrik. Vielfach spannend zeichnet sich die Unternehmensgeschichte von Betrieben in der Görlitzer Südstadt durch die verschiedenen Epochen.

Die Erinnerungen an den Untergang des "DDR"-Staatsgebildes sind vielfach verbunden mit der Schließung von Betrieben als Begleitmusik zur Einführung der D-Mark, darunter auch 1991 das zur GmbH gewordene Feinoptische Werk. In den Industrie-Salongesprächen berichten ehemalige Betriebs- und Kombinatsdirektoren von den Entwicklungen ab 1990 und aus dem Arbeitsalltag in den ehemaligen Betrieben von Görlitz. Die Industrie-Salongespräche sehen sich als offenes Forum für alle Interessenten der Industriekultur. Insbesondere vor dem Hintergrund des Industriekulturjahres 2020 im Freistaat Sachsen stehen interessante Termine in der Stadt Görlitz und im Landkreis an, die aufgegriffen werden sollen.

Zum Industrie-Salongespräch am 15. November 2019 kommt Reiner Appelt, einst Haupttechnologe im Feinoptischen Werk Görlitz. Er will seine neusten Publikation über die frühere optische Industrie in Görlitz vorstellen.

Hingehen!
Freitag, 15. November 2019, Einlass 18.30 Uhr, Beginn 19 Uhr, Ende 20.30 Uhr,
Informationsstelle Industriekultur Görlitz, Industriesalon, Jakobstraße 5a, Ebene 1, 02826 Görlitz:
Görlitzer Industrie-Salongespräche Herbstausgabe 2019

Der Eintritt kostet fünf Euro, Tickets gibt es im Vorverkauf bei der Volkshochschule Görlitz sowie an der Abendkasse.


Nachsatz:
Heute werden wieder Meyer-Optik Objektive mit den alten klangvollen Namen gebaut, leider nicht in Görlitz. Die Tradition der Görlitzer optischen Industrie werden noch vom OPTIK-Labor Dr.-Ing. Wolf-Dieter Prenzel weitergeführt.


Kommentar:

Wenn die Verantwortungsträger aus den Volkeigenen Betrieben der "DDR" aus dem Arbeitsalltag plaudern, mögen sie bitte der Rolle der SED nicht vergessen. Die war offenbar so attraktiv, dass einer, der später als Geschäftsstellenleiter einer Selbstverwaltungsorganisation der Wirtschaft wieder auftauchte, noch in den späten Achtzigern, als diese Partei das Land bereits kaputtgewirtschaftet hatte, noch eintrat. Das wird seine Gründe gehabt haben.

Mein Berufsleben startete 1986 im Feinoptischen Werk, das damals etwas umständlich VEB PENTACON Feinoptisches Werk Görlitz Betrieb des Kombinates VEB Carl Zeiss Jena hieß. Einen meiner ersten Arbeitsaufträge erhielt ich tatsächlich direkt vom legendären Generaldirektor des Kombinates Wolfgang Biermann – das motivierte. Was ich damals nicht wusste: Dieser Prof. Dr. Dr. Biermann, der sich gern als Freund der Arbeiter zeigte und ebenso gern die ihm unterstellten Führungskräfte attackierte und bloßstellte, hatte das Wendemanöver vom NSDAP-Mitglied ins Zentralkomitee der SED geschafft. Einmal im Leben darf jeder seinen Mantel drehen, wenn es dabei nicht nur um die aktuelle Windrichtung geht.

Zum meinem Berufsleben, das als Betriebsmittelkonstrukteur begann, gehörten anfangs über viele Wochen hinweg regelmäßige Gespräche bei meinen Hauptabteilungsleiter, deren Ziel es war, mich in die SED zu werben, mich zur Mitarbeit an sogenannten Landesverteidigungsobjekten (LVO) – also der Produktion von Rüstungsgütern – zu gewinnen und zum Eintritt in die "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" zu bewegen. Das war aussichtslos, mein Verhältnis zum Partei- und Stasistaat war bereits ausreichend gestört, erst Monate zuvor hatte ich an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt, bekannt als besonders rote Schule, ein Forschungsstudium mit Möglichkeit zur Promotion abgelehnt, weil die SED-Mitgliedschaft zur Voraussetzung gemacht wurde. Von uns vier Studenten, die darauf angesprochen wurden, hat übrigens keiner diese Bedingung akzeptiert; allerdings haben wir mit Interesse zur Kenntnis genommen, dass der damalige FDJ-Sekretär der Schule , der gegen die Schwerter-zu-Pflugscharen-Bewegung vorging, mit einer kleinen Namensänderung an der heutigen TU Chemnitz eine Professur innehat und Institutsleiter ist.

Zurück nach Görlitz: Die Aussprachen mit mir, die mich zu einer "ordentlichen Haltung" bewegen sollten, endeten erst, als ich dreimal "Nein!" brüllte. Ich bekam den Hinweis zu hören, ich würde mein Leben lang nicht mehr hinter dem Reißbrett hervorkommen, was sich zum Glück wie die anderen Vorhersagen der Genossen nicht bewahrheitete.

Man muss ja nicht ständig im Bodensatz rühren, aber manchmal sorgt das in paradoxer Weise für Klarheit,

meint Ihr Thomas Beier

Teilen Teilen
Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red / Kommentar: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 06.11.2019 - 08:16Uhr | Zuletzt geändert am 06.11.2019 - 10:58Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige