Görlitz zeigt Kreuz

Görlitz zeigt KreuzGörlitz, 26. September 2015. Von Thomas Beier. Oft kommt Kunst zu voller Blüte, wenn sie zur politischen Kunst wird. Hierzu zählt das heute entdeckte Gräberfeld auf dem zentral gelegenen Görlitzer Wilhelmsplatz, das vor allem an die namenlosen Fluchtopfer erinnert. Mal sehen, ob die Verwaltung den Arsch in der Hose hat, die Kreuze vorerst stehen zu lassen.

Bildquelle: Joachim Trauboth

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Die beschädigte Gesellschaft

Die beschädigte Gesellschaft

Görlitzer Einwohner gedenken der umgekommenen Flüchtlinge.

Bildquelle: Joachim Trauboth

Thema: Asyl in Görlitz und Umgebung

Asyl in Görlitz und Umgebung

Flüchtlinge aufzunehmen gebietet nicht nur das Grundgesetz, sondern muss gerade für Deutsche, von denen viele im Zuge des Zweiten Weltkriegs Flucht und Vertreibung selbst erlebten, eine Selbstverständlichkeit sein. Dennoch: Unproblematisch ist das Zusammenleben mit jenen, die Asyl begehren, nicht immer. Doch wer will unterscheiden zwischen "guter Flüchtling" und "schlechter Flüchtling"? Im Zweifel für den Angeklagten, dieser Rechtsgrundsatz muss auch gegenüber dem einzelnen Flüchtling gelten.

Zunächst jedoch an großes Dankeschön an Joachim Trauboth, der sich im Willkommensbündnis Görlitz (Update 2021: Link zur nicht mehr existierenden Webseite entfernt) engagiert und von dem wir die Bilder übernommen haben.

Gerade in Görlitz, das wie kaum eine andere Stadt von den vom Zweiten Weltkrieg ausgelösten Flüchtlingsbewegungen und Vertreibungen geprägt ist, sollte man doch auf Verständnis für Flucht und die damit verbundenen Schwierigkeiten treffen. Historische Wahrheit ist, dass die umgesiedelten Sudentendeutschen oft nicht willkommen waren. In Erinnerung daran sollten wir es heute besser machen. Es geht um Menschen in Not, da ist es doch völlig egal, woher sie kommen.

"Wir ahnen nicht einmal, welches Leid die Verstorbenen auf ihrer Flucht erfahren haben. An den symbolischen Gräbern auf dem Wilhelmsplatz kann man ihrer Gedenken. Ich danke denen, die diese Erinnerungsstätte geschaffen haben. Görlitz ist weltoffen!", schreibt Joachim Trauboth auf seiner facebook Seite. Hinzuzufügen ist da nichts.

Aber schon sind sie da, die Stimmen, die von der "Beschädigung des Rasens" sprechen. Beschädigt ist aber nicht der Rasen, sondern unsere Gesellschaft, in der die Fremdenfeindlichkeit an die Salontüren klopft.

Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Glauben

Von Bruckhoff am 29.09.2015 - 15:42Uhr
Da die Flüchtlinge meist Muslime sind, ist es vielleicht keine gute Idee, den verstorbenen Menschen mit einem Kreuz zu gedenken?

Wenn ich historische Bilder von Vertriebenen im 2. Weltkrieg sehe, sehe ich alte Menschen, Frauen und Kinder. Wenn ich heutige Bilder sehe, sehe ich meist (offiziellen Aussage zufolge 80% männlich) junge Männer.
Sie holen die Familien noch nach - fragt sich für mich, wie? Zu Fuß zurück, Frau und Kinder holen, die "er" im Kriegsgebiet oder in unmenschlichen Auffanglagern der angrenzenden Ländern, zurückgelassen hat?

Vor Krieg und Elend flüchten ist rein menschlich, das würden auch diejenigen tun, die heute noch unverständlich den Kopf schütteln. Aber Glaube und falsche Vorstellungen können viel zerstören und bitte nicht die (Massenmedien) Masche herausholen "guter Flüchtling - böser Deutscher", das nervt und entspricht nicht der Wahrheit. Man muss immer zwei Seiten sehen.

Bunte Republik Deutschland

Anmerkung der Redaktion:
Der Vergleich zum 2. Weltkrieg hinkt, weil die "kreigsdienstverwendungsfähigen" Männer eingezogen waren und entspechend nur die Alten, Frauen und Kinder fliehen konnten (gemeint sind sicher die vor der Roten Armee Fliehenden und nicht, wie benannt, die Vertriebenen). Dass heutzutage viele junge Männer unter den Flüchtlingen sind, hat mehrere Ursachen, u.a.: Gerade sie müssen sich den kämpfenden Gruppierungen entziehen, sie haben die besten Chancen, durchzukommen.

Görlitz zeigt Kreuz

Von Joachim Trauboth am 27.09.2015 - 11:31Uhr
Lieber Görlitzer Anzeiger,

herzlichen Dank für diesen Beitrag. Ich bin froh, dass es Euch gibt. Ihr seid das einzige Görlitzer Medium, dass in der Frage des Asyls "klare Kante" zeigt. Eure "Kante" orientiert sich an der Richtschnur der humanistischen Grundwerte, ohne die unsere Gesellschaft verrohen und letztlich untergehen würde. In unserer Stadt ist das leider nicht mehr selbstverständlich.

Was die Kreuze betrifft: Ich habe sie Samstag morgens beim Brötchenholen gesehen, habe sie fotografiert und mich von ihnen "bewegen" lassen. Vor allem war ich aber dankbar, dass sich junge Menschen (Linksjugend - nach eigener Aussage) nachts auf den Weg gemacht haben, um die Kreuze zu setzen. Ich habe nicht mehr gemacht, als die Kreuze zu fotografieren und in Facebook dieser Aktion meinen Respekt zu zollen. Dafür kassiere ich mal wieder Häme und Spott der "rechten" Facebookgemeinschaft. Selbiges geht mir, wie immer, am Gesäß vorbei.

Nun sind die Kreuze über Nacht verschwunden. Was bleibt ist die Blamage derer, die sich in Görlitz darüber aufregen, dass verstorbener Kinder, Frauen und Männer gedacht wird. Menschen auf der Flucht, die nicht mehr wollten, als angstrfrei und in Frieden ihr Leben zu leben.

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  • Quelle: Thomas Beier | Bildquelle: Joachim Trauboth
  • Erstellt am 26.09.2015 - 11:29Uhr | Zuletzt geändert am 23.04.2021 - 06:23Uhr
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