Fidelio bis zum Zusammenbruch

Fidelio bis zum ZusammenbruchCottbus / Chosebuz, 3. Juli 2014. Die Idee ist großartig, großartig auch die Ideen zur Umsetzung: Fidelio, Beethovens einzige und Freiheitsoper, open air im Gefängnishof vor der Fassade des Zuchthauses Cottbus. Beobachtungen und Gedanken zur Premiere vom 28. Juni.

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Genial: Bühne und Zuchthaus verschmelzen

Genial: Bühne und Zuchthaus verschmelzen

Fidelio ist in der Stadt - das Staatstheater Cottbus wandert in den Knast und spielt am historischen Ort.

Von Thomas Beier. Die Fidelio-Premiere des Staatstheaters Cottbus war in erster Linie eine tiefe Genugtuung für jene, die als politische Gefangene des SED-Regimes hier einsaßen - verurteilt wegen versuchter Republikflucht, Fluchthilfe, staatsfeindlicher Hetze oder ganz und gar konstruierten Gründen, wenn sich nichts Belastendes finden ließ, aber ein abschreckendes Beispiel gebraucht wurde.

Entsprechend war der Termin ein "Muss" für die Prominenz, mehr Herzensangelegenheit als political correctness. Aber wo gibt es das sonst in der Welt, dass ehemalige Gefangene ihren Knast kaufen und zu einer künstlerisch-kulturellen Lehranstalt der Menschenrechte, des Umgangs mit Recht und Unrecht, der Zivilcourage, der Freiheit machen? Das ist eine der Blüten, wie sie die Friedliche Revolution in der DDR trieb.

Gesichtet wurden der Brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn und - zur Eröffnung des Abends auf der Bühne - der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski, der - einst selbst Insasse in Cottbus – heute Vorsitzender des Menschenrechtszentrums Cottbus e.V. ist. Sylvia Wähling, Geschäftsführerin des Menschenrechtszentrums, lenkte die Aufmerksamkeit auf die "Damen in Weiß", eine Menschenrechtsbewegung auf Kuba. Zwei der Protagonistinnen waren zugegen, berichteten, wie sie auf Kuba friedlich gegen die Diktatur demonstrieren, und konnten zu künstlichen Gladiolen eine Spende von knapp 6.000 Euro im Köfferchen entgegennehmen.

Dann Fidelio. Die längsseits vor der Haftanstalt aufgebaute Bühne greift immer mehr Raum: Während die Oper ihren Lauf nimmt und manchmal arg an der Operette entlang schlittert, versehen abseits des Bühnengeschehens die Wachmannschaften ihren Dienst.
Später rollt ein originaler Gefangenentransporter, ein Barkas mit aufmontierten winzigen Zellen, durch die Schleuse des Zuchthauses ein. Dann stürmen die Mannschaften aus dem Torhaus. Alarm? Eine Flucht?

Im zweiten Akt verbindet sich die Bühne tatsächlich mit dem Zuchthaus. An den Fenstergittern der nun beleuchteten Zellen verfolgen die Gefangenen das Geschehen. Im Finale wird das Zuchthaus zur Projektionswand für die Züge der Ausreisenden und den Mauerfall. Zum Schluss erleben die Besucher, wie das Zuchthaus einstürzt – eine animierte Eins zu Eins Projektion auf die Fassade macht es möglich.

Fidelio ist Beethoven, Fidelio ist Freiheitsoper – und hat einen Konstruktionsfehler: Der Minister lässt den unschuldig gefangenen Freund frei und entmachtet den bösen Gouverneur des Gefängnisses. Nein, die Parallele funktioniert nicht, denn auch Stasi-Minister Mielke beteuerte zum Schluss vor der Volkskammer, doch alle zu lieben.

Die Lektion von Cottbus sieht anders aus: Die Mächtigen dürfen nie vergessen, dass der Widerstand des Volkes sich letztlich nicht brechen lässt. Dass Menschenrechte nicht Spielball der Politik und auch nicht hehren Zielen unterzuordnen sind. Dass man nicht vergessen muss, um vorwärts zu schauen.

Fidelio im ehemaligen Zuchthaus Cottbus gibt es noch bis zum 12. Juli 2014.
Prädikat: Unbedingt hingehen!

Nachsatz:

In Cottbus kursiert, dass im mitten in der Stadt gelegenen, doch kaum wahrnehmbaren Zuchthaus nur einige wenige Kleinkriminelle eingesessen hätten. Die haben es doch verdient, sagt sich da das Bürgerlein. Es liegt nahe, wer solche Gerüchte streut.

Anders war es: In überbelegten Zellen hausten aus unterschiedlichsten Gründen, die aus SED-Sicht politischer Art waren, zu bis zu viereinhalb Jahren verurteilte Strafgefangene. Sie waren zur Schichtarbeit verpflichtet, arbeiteten als Billigarbeitskräfte im Akkord an Teilen für die Praktica-Kameras des VEB PENTACON und für den VEB Sprela-Werke Spremberg. Wer die Norm nicht schaffte, wurde bestraft.

Genossen, so war der Sozialismus, einen besseren gibt es nicht.


Mehr erfahren im Görlitzer Anzeiger!
24. Juni 2014: Zum Freiheits- und Demokratiefest: Fidelio im Knast
18. Juni 2014: Menschenrechtszentrum Cottbus erweitert Ausstellung
16. Juni 2014: Zuchthaus Cottbus stellt Zellenszene nach

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Zuchthaus Cottbus

Von Uwe-Carsten Günnrl am 03.07.2014 - 10:42Uhr
Super Artikel, top recherchiert.

Uwe-Carsten Günnel, ehemaliger Häftling des Zuchthauses Cottbus.

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  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier | Fotos: Privat
  • Erstellt am 02.07.2014 - 22:25Uhr | Zuletzt geändert am 20.07.2014 - 08:51Uhr
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