Zum Tag der Sachsen: Spätes Geschenk eines Besatzers?

Schwarzenberg/Erzgebirge, 30. August 2013. Im Erzgebirgsstädtchen Schwarzenberg, wo alle in der Vorbereitung auf den Tag der Sachsen 2013 einen Traasch*) haben, do gieht wos im - zu Hochdeutsch besser: Da fährt was rum, das Blicke auf sich zieht und Fragen aufwirft. Der Görlitzer Anzeiger hat recherchiert und - konfrontiert mit einer Mauer des Schweigens - nur wenig herausgefunden über das Objekt der Begierde: Ein russischer ZIM-12, Vorläufer des Ostblock-Staatswagens "Tschaika" (die Möwe).

Anzeige

Die Besonderheit im Festumzug zum Tag der Sachsen

Thema: Tag der Sachsen

Tag der Sachsen

Der Tag der Sachsen is das größte Volks- und Heimatfest in Sachsen. Es wird jährlich in einer anderen Stadt ausgerichtet.

Die Aufregung begann damit, dass der Beier, Jörg - Holzgestalter, Galerist und Wirt des Etablissements "Zur Freien Republik Schwarzenberg" - eines Tages mit einem Auto angebraust kam, dessen Herstellerwerk eher an den Produzenten eines berühmten Cocktails erinnert: Sawod imenij Molotowa - die renommierte russische Autoschmiede "Molotow-Werk", kurz SIM oder ZIM.

Beier, der sich dafür engagiert, dass die Geschichte der nach dem Zweiten Weltkrieg unbesetzten Amtshauptmannschaft Schwarzenberg (das einzige Gebiet Deutschlands, in dem die Bürger die Nazis selbst entmachteten und begannen, eine von den Besatzungstruppen unabhängige basisdemokratisch orientierte Verwaltung aufzubauen) im Alltag der Schwarzenberger lebendig bleibt, antwortet auf Fragen nach dem woher des meist von hohen sowjetischen Parteifunktionären genutzten Luxuswagens (fünf Sitze plus zwei Sitze für die Bodyguards) erstaunlich einsilbig.

Was weiß Beier?

Immer wieder endet die Erzählung an der Stelle, als ein mit Goldkettchen behängter kräftiger Mann ihm die Autoschlüssel in die Hand drückt: "Mehr kann ich dazu nicht sagen!" Es kostet die halbe Nacht, bis Jörg Beier endlich drei Buchstaben über die Lippen bringt: "KGB." Jetzt ist das Eis gebrochen, und es sprudelt ein Meer von Fakten aus dem Mann, dass es eine Mühe ist, diese miteinander in Verbindung zu bringen.

Wenn das, was sich daraus zusammenreimen lässt, stimmt, hat sich mit der Übergabe des Autos das Vermächtnis eines Rotarmisten und späteren KGB-Offiziers erfüllt. Aber der Reihe nach.

Die Rote Armee kommt


Am 26. Juni 1945 rückt auf Bitten der Schwarzenberger Selbstverwaltung die Rote Armee in Schwarzenberg ein - anders war die katastrophale Versorgungslage nicht in den Griff zu bekommen. Außerdem versteckten sich noch immer marodierende Wehrmachtseinheiten in den Erzgebirgswäldern.

Auf einem der Panje-Wagen kam ein junger Oberleutnant - nennen wir ihn Wladimir Sergejewitsch - in das fast unzerstörte, aber ausgehungerte Erzgebirgsidyll. Vermutlich war er im späteren Werk II des Schwarzenberger Waschgerätewerkes, der sogenannten Kutscher-Fabrik, einquartiert.

Seine genaue Aufgabe ist bis heute unklar, die einen sagen, er war einer der ersten Uran-Fahnder (aus dem Erzgebirge, einem Schacht bei Johanngeorgenstadt, kam das Uran für die erste sowjetische Atombombe), andere meinen, Wladimir Sergejewitsch sollte das Schwarzenberger Selbstverwaltungsexperiment als mögliches Vorbild für ganz Deutschland auswerten. Unbestritten scheint jedoch, dass Wladimir Sergejewitsch für den NKGB (Volkskommissariat für Staatssicherheit) arbeitete, das damals dem NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) unterstellt war.

Karriere beim KGB

Belegt ist, dass der junge Offizier nach seinem Aufenthalt im Erzgebirge schnell Karriere machte und im Jahr 1954 im Rang eines Generals für den KGB (Kurz: Komitee für Staatssicherheit) in der berüchtigten Moskauer Lubjanka arbeitete. Nach Gründung der DDR war Wladimir Sergejewitsch jedoch erst noch einige Jahre in Dresden. Dort war später auch der heutige russische Staatspräsident Wladimir Wladimirowitsch Putin stationiert, möglicherweise ein Baustein im Rätsel um das Auto.

Was verbindet den General mit Schwarzenberg?

"So richtig reden will ja keiner", sagt Beier. Aber ganz offenbar muss dieser Wladimir Sergejewitsch eine besondere Bindung an Schwarzenberg gehabt haben. War es die Mentalität der Erzgebirger, die in ihrer Heimatliebe der russischen ganz ähnlich ist? Oder hat Wladimir Sergejewitsch gar einige seiner Gene erfolgreich im Erzgebirge hinterlassen?

"Alles Spekulation", kommentiert Künstler & Kneiper Beier, hat aber etwas Wissendes in seinem Blick. Nach einer ganzen Weile kommen weitere Informationen: Der 1958 gebaute ZIM-12, entwickelt auf Basis eines US-amerikanischen Packards, soll der Dienstwagen von Wladimir Sergejewitsch gewesen sein. Und der Mann mit der Goldkette hatte bei der Fahrzeugübergabe gesagt, der Vorbesitzer sei seit acht Jahren tot. Es könnte sich dabei also durchaus um den legendären Wladimir Sergejewitsch handeln.

Der Kreml stimmt zu


"Vielleicht wollte er aus Dankbarkeit oder aus irgendeiner Gefühlsduselei heraus, dass sein alter Dienstwagen nach Schwarzenberg kommt", sinniert der Beier, Jörg. Der erste Kontakt sei per E-Mail entstanden, jemand hatte ihm mitgeteilt, er wolle das Vermächtnis seines Vaters erfüllen und ihm, Jörg Beier, als Hüter der Freien Republik Schwarzenberg, das Auto zukommen lassen. Höchste Stellen aus dem innersten Zirkel des Kremls hätten ihre Zustimmung erteilt.

Höchste Stellen? Gab es in Dresden direkte oder indirekte Berührungspunkte zwischen den KGB-Leuten Wladimir Wladimirowitsch und Wladimir Sergejewitsch? "Das weiß kein Mensch", wehrt Beier weitere Fragen ab.

Im Festumzug zum Tag der Sachsen dabei


Wer den großen Festumzug zum Tag der Sachsen in Schwarzenberg verfolgt, dem wird vielleicht das schwarze Auto, das aussieht wie ein alter kubanischer Straßenkreuzer, auffallen.

Versehen mit der Standarte der Freien Republik Schwarzenberg wird der geheimnisumwobene Nobelschlitten durch die Bergstadt rollen (Beier rechnet mit einem Liter Kraftstoff je Kilometer) und die schöne russische Ex-Spionin Chokolada wird die Schwarzenberger und ihre Gäste teilhaben lassen an der russischen Art zu feiern.

*) Lern endlich Erzgebirgisch!
www.fichtendeutsch.de


Mehr:
http://www.freie-republik-schwarzenberg.de

Der Görlitzer Anzeiger berichtete am 5. August 2013:
Tag der Sachsen: Schwarzenberg vor dem großen Ansturm


Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Neuer Schwarzenberg-Film

Von Ernst am 31.08.2013 - 09:04Uhr
Der Joe hat mit viel professionellem Aufwand einen neuen Spielfilm über die Freie Republik Schwarzenberg gedreht, der zum Tag der Kneipe in Beier´s Kunst & Kneipe (im Marktgäßchen) aufgeführt wird.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: FRS | Fotos: BeierMedia.de
  • Erstellt am 30.08.2013 - 12:36Uhr | Zuletzt geändert am 21.10.2013 - 00:48Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige