Stadthalle Görlitz steht zur Diskussion

Stadthalle Görlitz steht zur DiskussionGörlitz, 17. Januar 2022. Die Stadthalle Görlitz bewegt die Gemüter: Wird der frühere Kulturtempel zum Kostengrab, sollte er je wiedereröffnet werden? Freilich liegt die Wiedereröffnung vielen am Herzen – andererseits: Seit nunmehr 16 Jahren geht's auch ohne, Veranstaltungsräume etwa einer Brauerei und ein Messepark sind in die Bresche gesprungen und mittlerweile dort verankert.

Abb.: Blühender Klee ist eine preiswerte und zudem nützliche Lösung, wenn sich die Natur das Stadthallengelände zurückholt. Noch ist das Satire

Foto: © BeierMedia.de

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Thema Stadthallenfinanzierung kocht weiter

Thema: Stadthalle Görlitz

Stadthalle Görlitz

Die Stadthalle Görlitz wurde 1910 als Veranstaltungsort des Schlesischen Musikfestes eröffnet. Hoher Sanierungsbedarf und die ungenügende Selbstfinanzierung führten im Jahr 2005 zur Einstellung des Betriebs und zu Verkaufsbestrebungen seitens der Stadt Görlitz. Die Ende Januar 2010 vom Stadtrat beschlossene Sanierung wurde, ohne dass Arbeiten am Gebäude begonnen hätten, im Oktober 2012 gestoppt, weil Fristen für Fördermittel zu kurz waren. Erst 2018 stellten Bund und Land Geld für eine über die Sicherung hinausgehende Sanierung bereit. Eine große Herausforderung stellen die Betriebskosten für die Stadthalle Görlitz dar.

Wer zusätzlich zum Herzen auch mit dem Verstand – vor allen dem kaufmännischem – denkt, der fragt, woher der von Baubürgermeister Dr. Michael Wieler in der Stadtratssitzung von Mitte Dezember 2021 auf rund eine Million Euro bezifferte jährliche Zuschussbedarf kommen soll. Etwa aus dem chronisch klammen Stadtsäckel, aus dem bereits etliche Einrichtungen, die die Neißestadt lebenswert machen, gepampert werden? Vor diesem Hintergrund hat Raimund Kohli am 12. Januar 2022 die an den Görlitzer Stadtrat gerichtete Petition "Vielfalt bewahren – Görlitzer bei Entscheidung zur Stadthalle beteiligen" auf den Weg gebracht.

Online-Veranstaltung am 25. Januar 2022

Das Kommunatpolitische Netzwerk Motor Görlitz, ein eingetragener Verein, der in der Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne im Görlitzer Stadtrat vertreten ist, hat nun für den 25. Januar 2022 um 19 Uhr zu einer Online-Veranstaltung zur Görlitzer Stadthalle eingeladen. Anlass ist, dass der Stadtrat Görlitz Ende des Monats eine wichtige Vorentscheidung zum Schicksal der Görlitzer Stadthalle treffen soll: Sogar noch vor dem allein verbindlichen Zuwendungsbescheid über weitere Fördermittel "sollen weitere Millionenaufträge ausgelöst werden", wie Axel Krüger, Vorsitzender des Kommunalpolitisches Netzwerk Motor Görlitz, mitteilt.

Folgekosten: Woher nehmen?

Darüber hinaus fragt Krüger, ob die Kosten des späteren Betriebs seitens der Stadt leistbar sind. Immerhin muss die von Baubürgermeister Dr. Wieler genannte eine Million Euro Jahr für Jahr an anderer Stelle eingespart werden, wenn sich nicht überraschend neue Geldhähne auftun. Ob die rasant steigenden Energiekosten bereits eingepreist sind? Die im Raum stehenden Fragen rund um die Stadthalle Görlitz und den Görlitzer Haushalt möchte das Kommunalpolitische Netzwerk Motor Görlitz e.V. gemeinsam mit den Mitgliedern der Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne in der Online übertragenen Diskussion erörtern. Zudem informiert auf der Veranstaltung Raimund Kohli über die von ihm veröffentlichte Stadthallen-Petition.

Nicht verpassen!
Zur Online-Veranstaltung am Dienstag, dem 25. Januar 2022, 19 Uhr, sind alle willkommen, die am "Wie weiter?" bei der Stadthalle Görlitz interessiert sind. Den Link zur Teilnahme gibt es auf der Website www.motor-goerlitz.de. Wer den Besuch dieser Webseite mit seinem Gewissen überhaupt nicht vereinbaren kann, nutzt den direkten Link, um die Diskussion zu verfolgen.



Kommentar:

Neid ist menschlich, vor allem wenn man auf Städte schaut, die ihre Stadthalle nicht nur für Veranstaltungen nutzen, sondern zudem engagiert vermarkten. Die eventuell für das Jahr 2024 avisierte Wiedereröffnung der Stadthalle Görlitz – fast eine Generation nach ihrer Schließung – käme einem Neustart gleich und das im riskanten Umfeld von nicht gerade hoher Kaufkraft, eingespielten Wettbewerbern und – auf Deutschland bezogen – Randlage. Wer das anders einschätzt, kann sicherlich gern mit seinem Privatvermögen dafür haften, dass der Betrieb wenigstens einen nennenswerten Anteil der Betriebskosten einspielt.

Man darf schon fragen: Wer schafft sich ein gefräßiges Tier an, wenn er für das Futter nicht aufkommen kann? Oder einen von Oma gesponserten Oldtimer, wenn die Spritkosten den Hungertod nahebringen? Gäbe es die über Jahrzehnte vernachlässigte Stadthalle Görlitz nicht, käme dann jemand auf die Idee, eine neue Stadthalle zu bauen, selbst wenn diese dann modernste Standards widerspiegeln könnte? Überhaupt: Wie werden die Trends im Kultur- und Veranstaltungsbereich nach Corona aussehen? Viele Fragen, deren Beantwortung zu von Wunschdenken beförderter Spekulation verleitet.

Vor diesem Hintergrund ist es gut, wenn kluge Leute sich für die Stadthalle Görlitz einsetzen und ihren Betrieb ermöglichen wollen. Allerdings müssen auch die sogenannten harten Fakten passen: Die Betriebskosten müssen irgendwo herkommen. Die Stadthalle Görlitz in ihrem jetzigen Zustand weiter zu erhalten oder gar abzureißen, das sind weitere Optionen. Aufmerksamen Lesern der SZ – das ist die Qualitätspresse in Gestalt der Süddeutschen Zeitung – wird in der Ausgabe von 20./21. November 2021 der ernstgemeinte Artikel "Reißt ihn ab" aus der Feder von Peter Richter nicht entgangen sein. Darin geht es um den Berliner Flughafen BER, für den die Milliardeninvestition und weitere Milliarden Euro an Betriebskostenzuschüssen in den kommenden Jahren dem gegenübergestellt werden, was man mit dem Geld hätte Sinnvolles anfangen können. Noch lassen sich Tempelhof und Tegel reaktivieren, in Bezug auf Görlitz exitieren die Ersatzveranstaltungsorte für die Stadthalle sogar schon.

Es gibt also Diskussionsbedarf und es ist nur zu begrüßen, dass dieser nun ein Stück weit – mit Sicherheit nicht abschließend – gestillt werden kann.

Was mich an den Görlitzer Verhälnissen ein wenig irritiert ist die Tatsache, dass die Unterstützer der Kohli'schen Stadthalltenpetition – am 17. Januar 2022 sind es um 13.08 Uhr schon 229 – zu rund einem Drittel ihren Namen nicht veröffentlicht sehen wollen,

Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: red / Kommentar: Thomas Beier, Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 17.01.2022 - 11:56Uhr | Zuletzt geändert am 21.01.2022 - 21:33Uhr
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