Briefe durch die Gitter

Briefe durch die GitterGörlitz, 7. April 2021. Von Thomas Beier. Im linearen TV lief vor Tagen so etwas wie ein Korea-Thementag. Beim Teil über Nordkorea musste plötzlich an mein Leben in der "DDR" denken – wie sich die Bilder ähneln, auch wenn das mancher heute nicht mehr wahrhaben möchte.

Abb.: Jörg Beier im Tor des Zuchthauses Cottbus. "Jörg, was kost' die Welt?", hatte ein Mitgefangener zu seiner Entlassung im Jahr 1970 aus der Zelle gerufen

Foto: © BeierMedia.de

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Erinnerungen sind die Spuren ins Heute

 Erinnerungen sind die Spuren ins Heute

Erinnerungen an die Haft in Cottbus: im Hafthaus und in einem der sogenannten Tigerkäfige im Keller, Abbildungen aus "Briefe durch die Gitter", 340 Seiten, farbig illustriert, basierend auf Original-Dokumenten, 14,80 Euro im Shop unter www.freie-republik-schwarzenberg.de

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Ich weiß, dass viele das nicht so sehen, aber der Personenkult, die Appelle an Schulen und letztlich die Kanalisierung des Denkens, die bis heute Wirkung zeigt, sind ganz klare Parallelen zwischen der nordkoreanischen und der bislang letzten deutschen Diktatur. In den Achtzigerjahren der "DDR" drang der Militarismus bis in die Kindergärten vor, in den Oberschulen und Berufsschulen waren Werbeveranstaltungen für längeren Militärdienst und der entsprechend ausgeübte Druck schon viel eher selbstverständlich. In den Betrieben bestanden paramilitärische "Kampfgruppen", die Jugend wurde in einer "Gesellschaft für Sport und Technik" auf den Militärdienst vorbereitet.

Die "Freie Deutsche Jugend", kurz FDJ genannt, war der sozialistische Jugendverband der "DDR" und hielt mit etwa mit Clubhäusern die Jugend bei Laune, sorgte für Großveranstaltungen und hielt die Tradition der gespenstischen Fackelzüge hoch. Stasi-Zuträger saßen überall und über allem lag die ständige Ungewissheit, unter einem beliebigen Vorwand verhaftet – nein, abgeholt zu werden, sagte man in Kontinuität zum Dritten Reich. Unter den Sozialisten, ob nun den nationalen oder den sich internationalistisch gebenden, mussten die Bürger genau unterscheiden, was man nur "hinter vorgehaltener Hand" und was man "laut" sagen durfte. Wie absurd und lächerlich ist es doch, wenn sich heutzutage jemand über eine vermeintlich fehlende Informations- oder Meinungsfreiheit beklagt!

Entsprechend war ich vor dem Hintergrund des Lebens in der "DDR" wenig begeistert, als das Görlitzer Kulturhistorische Museum zu einer Mitmach-Ausstellung "Erfahrung DDR" aufrief. Sicher macht es Freude, nach vielen Jahren Dingen wieder zu begegnen, die einst den Alltag bestimmten. Paradoxerweise gab es in der Mangelwirtschaft, die ja auch einen Mangel an Auswahl bedeutete, starke Marken. Was heute in der Erinnerung besonders von Ostalgikern als "Ostpodukt" als besonders haltbar und zuverlässig stilisiert wird, war oft genug nur mühsam ergattert, überteuert oder auf dem Niveau der belächelten und zugleich bewunderten sogenannten Russentechnik.

Vieles wurde als Spitzenleistung verkauft, was einen mühsam errungenen Anschluss an den Weltmarkt bedeutete, der, kaum erreicht, schon wieder veraltet war, etwa der Megabit-Chip aus Jena. Oder die Praktica-Kameras aus Dresden, die ab der L-Reihe erst durch MINOLTA-Knowhow möglich wurden. Die Kameragehäuse – auch das gehört zur "DDR"-Wahrheit – wurden unter ausbeuterischen Verhältnissen auch von politischen Gefangenen im Zuchthaus Cottbus bearbeitet.

Einer der politischen Häftlinge der "DDR"

Einer von ihnen war Jörg Beier. 1969 verhaftet unter einem Vorwand, dann Tage verschwunden, keine Auskunft, die Eltern im Ungewissen, einfach nur weg. Schnell zeigte sich, dass der Vorwurf der geplanten Republikflucht haltlos war. Hintergrund: Ein Freund hatte vor einer gemeinsamen Urlaubsreise mit dem Kunststudenten nach Bulgarien in der Kneipe gewitzelt, vielleicht eine Postkarte aus Griechenland zu schicken. Das reichte für eine Verhaftung.


Haftbefehl gegen Jörg Beier vom 25.07.1969; "Briefe durch die Gitter", Seite 18

Einmal jedoch in den Fängen der Stasi wurde Jörg Beier benutzt, um für andere Studenten der Fachschule für Angewandte Kunst in Schneeberg ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Zu sehen, wie sich Menschen im "Fall Beier" verhielten – die Tapferen, die Anständigen, die Ängstlichen und die Willfährigen, die Fanatischen und die Dummen – das prägt mich bis heute. Angesichts so manchen Muster- und Dozierdemokratens, wie sie nach 1989 im Gebiet des untergegangenen "DDR"-Staatsgebildes auftauchten, wurde mir klar: Die Anpassung des Individuums an die Demokratie folgt den gleichen Regeln wie jene an die Diktatur: Mache nichts verkehrt, achte auf deine Netzwerke und den Stallgeruch, heute ergänzt durch sprich Gender und vermeide das N-Wort. Erkennen konnte das allerdings nur, wer im System der Diktatur gelebt hatte und nicht nur aus einseitiger Erfahrung von außen über die Ostdeutschen urteilte wie über Tiere, die sich dem Leben im "DDR"-Zoo angepasst hatten und dieses Verhalten nicht mehr ablegen konnten, nachdem die Käfige geöffnet waren.

Um das Leben in der Sowjetischen Besatzungszone zu verstehen, muss man ausholen bis ins Dritte Reich, also zu jenen, die zur Zeit der Staatsgründung der "DDR" erwachsen waren, darunter Nazigegner, die von den Nazis Enttäuschten, die Wendehälse und jene, die nichts dazugelernt hatten und es auch nie würden. Von jenen, die in der Nachkriegszeit aufwuchsen, mussten sich die Eltern Fragen gefallen lassen. Dabei lernten diese, sich als Eltern oder später Großeltern gegenüber jenen, die noch später geboren wurden, vorbeugend zu erklären, um allzu unangenehme Fragen zu vermeiden.

Oft genug war der Zweifel der Kinder am "DDR"-Sozialismus größer als der ihrer Eltern, die in die Nazidiktatur hineingewachsen waren und sich nun wieder in ein System einfügten, um ihr kleines Glück nach dem überstandenen Krieg zu leben. Die Legende vom "neuen Anfang" trug dazu bei.

Eine Laune des Schicksals bewahrt eine Dokumentation

Vielleicht war es eine Laune des Schicksals: Als Jörg Beier, verurteilt zu einem Jahr und sechs Monaten, aus dem Zuchthaus Cottbus entlassen wurde, forderte er die Herausgabe des an ihn gerichteten Briefverkehrs und zur eigenen Überraschung bekam er ihn von einem in diesem Moment verunsicherten Wärter ausgehändigt. Diese Briefe sind großenteils im Buch "Briefe durch die Gitter", online beziehbar via Freie Republik Schwarzenberg, enthalten. Daraus gelesen hat der kongeniale, hochbetagte Walter Niklas, verfügbar ist die Lesung "Briefe durch die Gitter" online.

Für die Eltern von Jörg Beier war die Haftzeit eine Zeit zwischen Verzweiflung und Mut, Hoffnung und Enttäuschung von einem System, das vorgab, das "bessere Deutschland" zu sein, aber doch nur die Menschen deformierte und viele zu seinen Handlangern machte – anständig blieben, ja, vielleicht waren es nur die wenigsten. Die Haft des Sohnes überlagerte jeden einzelnen Tag. Die ständige Bedrücktheit und die Tränen wurden verstärkt durch die Ungewissheiten während der langen Untersuchungshaft und durch die Ohnmacht im Unrechtsstaat, der Rechtsmittel gegen sich selbst und eine unabhängige Rechtsprechung nicht kannte.

Jörg Beier ist einer der wenigen politischen Häftlinge der "DDR", denen ihr schriftliches Gerichtsurteil vorliegt. Das wurde üblicherweise nur verlesen, aber nicht ausgehändigt. In seinen Besitz kam es über seine Eltern, denen es ein Rechtsanwalt "versehentlich" zwischen anderem Schriftverkehr zugespielt hatte. Zur Urteilsbegründung gehörte paradoxerweise das Lesen von Büchern, etwa von Camus, Hesse und von Sartre, die Beier dann als Häftling in der Zuchthausbibliothek ausleihen konnte – die sozialistische Kulturpolitik hatte sich während der Untersuchungshaft geändert, der Vorgang Beier nicht.


Aus dem Schlussbericht im Ermittlungsverfahren gegen Jörg Beier vom 30.12.1969, in Untersuchungshaft seit dem 24.07.1969 auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt, heute wieder Chemnitz; "Briefe durch die Gitter", Seite 75

Jörg Beier ließ sich nicht von der Bundesrepublik freikaufen, Heimat – fernab aller Heimatduselei – ist dem 1946 geborenen Holzgestalter und Kunstkneiper noch heute wichtig.

Die Wirkung der Diktatur nicht vergessen

Es gäbe viel zu erzählen aus jener Zeit, Erlebnisse und Zusammenhänge, die verdeutlichen, wie wichtig eine freiheitliche Demokratie ist. Noch können Zeitzeugen-Gespräche helfen, den Unterschied des Lebens in der heutigen Bundesrepublik zum Leben in einer Diktatur zu verdeutlichen und eigene Positionen zu finden.

Angst davor haben nur jene, die ihre persönliche "DDR"-Geschichte, ihr damaliges Verhalten, gern ausblenden: Vielleicht gehört ja dazu auch jener Professor, der als FDJ-Sekretär einer Technischen Hochschule massiv gegen Studenten vorging, die einen "Schwerter-zu-Pflugscharen"-Aufnäher trugen, was als Zweifel an der sowjetischen Aufrüstung, damals besonders an der Stationierung der SS 20-Raketen, und am "DDR"-System insgesamt ausgelegt wurde. Nach einer kleinen Namensänderung haut er heute wieder auf den Putz, der Professor, noch immer an dieser Hochschule, heute Technische Universität.

Wie Karrieren damals an jener Hochschule – und ganz sicher nicht nur dort – gelenkt wurden zeigt die Tatsache, dass nur promovieren durfte, wer in die SED, die heutige Linke, eintrat. Wir waren vier, denen ein Forschungsstudium mit anschließender Promotion angeboten wurde unter der Bedingung, in die SED einzutreten. Keiner von uns ist darauf eingegangen. Und das war auch gut so.

Briefe durch die Gitter – Dokumente:
Neben der Korrespondenz zwischen Jörg Beier und seinen Eltern, die wegen der Zensur oder vielleicht gerade deshalb einen authentischen Einblick in die "DDR"-Verhältnisse ermöglicht, und vielen Fotografien enthält das Buch "Briefe durch die Gitter" unter anderem folgende Dokumente in Faksimile:
    • Haftbefehl vom 25.07.1969
    • Information der Eltern über die Verhaftung vom 28.07.2969
    • Beschwerde des Vaters beim Staatsanwalt nach zehn Wochen Kontaktsperre vom 29.09.1969 (die deutsche Volkspolizei hatte unter einem falschen Vorwand den Vater benutzt, seinen Sohn der Verhaftung zuzuführen)
    • Erpresstes Geständnis vom 19.11.1969
    • Schlussbericht zum Ermittlungsverfahren gegen Jörg Beier vom 30.12.1969
    • Anklageschrift vom 03.04.1970
    • Verhandlungsbericht vom 06.05.1970 zur Gerichtsverhandlung vom 28. und 29.04. sowie 04.05.1970
    • das Urteil zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe wegen "mehrfacher staatsfeindlicher Hetze"

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 07.04.2021 - 12:34Uhr | Zuletzt geändert am 11.04.2021 - 08:51Uhr
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