Angst macht immobil
Bonn, 11. Juli 2007. Wer Risiken scheut, zieht seltener um: Das zeigt eine umfangreiche Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Es ist das erste Mal, dass dieser Zusammenhang statistisch nachgewiesen wurde. Die Ergebnisse liefern auch einen neuen Erklärungsansatz für die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit hierzulande: Die vorsichtigen Deutschen wechseln nämlich im Vergleich zu den Einwohnern der meisten Industrienationen relativ selten ihren Wohnort. Viele Ökonomen halten räumliche Flexibilität aber für das "Schmierfett", das für eine reibungslose Funktion des Arbeitsmarktes sorgt.
Umzugsangst als Jobbremse?
Für ihre Studie griffen die Forscher auf Daten des "Sozio-Ökonomischen Panels" zurück, einer repräsentativen Erhebung, die jährlich in Deutschland durchgeführt wird. Seit 2004 wird dabei auch die Risikobereitschaft der Teilnehmer erhoben. Die Befragten schätzen sich dazu auf einer Skala von 0 (= gar nicht risikobereit) bis 10 (= sehr risikofreudig) selbst ein. Nach Verhaltensexperimenten decken sich diese Selbsteinschätzungen sehr gut mit der tatsächlichen Risikobereitschaft.
In die IZA-Studie flossen Antworten von knapp 11.000 Männern und Frauen über 17 Jahren ein. Dabei konzentrierten sich die Forscher auf die Daten zwischen den Jahren 2000 und 2005. "Rund 5,1 Prozent der Befragten waren in dieser Zeit umgezogen", erklärt Professor Dr. David A. Jaeger, der die Forschungsarbeiten geleitet hat. "Diese Teilgruppe war im Durchschnitt um mehr als einen halben Punkt risikofreudiger als der Rest." Der Einfluss des Charakters auf die Bereitschaft umzuziehen lässt sich sogar ziemlich genau beziffern: Ein Plus von einem Punkt auf der "Risiko-Skala" sorgt demnach für gut ein Zehntel mehr Umzüge, haben die IZA-Forscher berechnet.
"Bislang galten vor allem die Lebensumstände als entscheidend für die Bereitschaft umzuziehen", betont Jaegers Kollege Dr. Uwe Sunde: "Wer arbeitslos ist, wechselt eher den Wohnort; wer durch eine Familie gebunden ist, bleibt. Noch wichtiger ist nach unseren Ergebnissen aber die Bereitschaft, sich auf das Ungewisse einzulassen – also wie viel Angst jemand davor hat, was ihn in der Fremde erwartet." Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob der neue Wohnort 50 oder 500 Kilometer entfernt liegt.
Eine besondere Brisanz erhalten die Daten, weil Arbeitsmärkte auf räumlich flexible Arbeitnehmer angewiesen sind. Eine ausreichende Bereitschaft umzuziehen vereinfacht es, Jobangebot und Jobnachfrage zueinander zu bringen.
US-Amerikaner sind übrigens deutlich risikobereiter als Deutsche: In einer Befragung aus dem Jahr 2005 erzielten sie durchschnittlich 5,6 Punkte auf der "Risiko-Skala" – die Deutschen sind mit einem Ergebnis von 4,4 weit vorsichtiger. "Dies liefert eine mögliche Erklärung dafür, warum die Arbeitnehmer in den USA traditionell viel mobiler sind als in Deutschland", so Professor Jaeger. "Letztlich könnte darin einer der Gründe für die vergleichsweise niedrige Erwerbslosenquote in den USA liegen." Bleibt die spannende Frage, warum US-Amerikaner eher bereit sind, Risiken einzugehen. Jaeger führt als mögliche Ursache die Tradition der Vereinigten Staaten als Einwanderungsland an. Denn im Grunde ist Einwanderung nichts anderes als ein großer Umzug: "Unsere Studie sagt voraus, dass risikobereite Menschen einen solchen Schritt eher wagen."
Die komplette Studie:
https://ftp.iza.org/dp2655.pdf
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- Quelle: /idw
- Erstellt am 11.07.2007 - 21:43Uhr | Zuletzt geändert am 25.08.2022 - 12:55Uhr
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