Lebenshaltungskosten in Deutschland: Ist der Osten wirklich günstiger?

Lebenshaltungskosten in Deutschland: Ist der Osten wirklich günstiger?Görlitz | Dresden, 23. September 2016. Von Thomas Beier. Gern wird unterstellt: Je weiter man in Deutschland nach Osten kommt, umso günstiger werden die Lebenshaltungskosten. Das mag für die Rentner, die die alte Pensionärsstadt Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, wieder aufblühen lassen, interessant sein. Für die erwerbstätige Bevölkerung spielt jedoch das Verhältnis des Einkommens zu den notwendigen Ausgaben die entscheidende Rolle, um den finanziellen Wohlstand zu bewerten.
Abbildung: Die Katholische Hofkirche (Kathedrale) in Dresden, links das Georgentor, rechts das Italienische Dörfchen, dahinter der Zwinger.

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Dresden im Städtevergleich mit Bremen und Frankfurt am Main

Dresden im Städtevergleich mit Bremen und Frankfurt am Main

Aus der Infografik zur VEXCASH-Analyse “Lebenshaltungskosten in Deutschland 2016”

Der Berliner Kurzzeitkredit-Anbieter VEXCASH hat zehn deutsche Großstädte hinsichtlich des Durchschnittsnettogehalts der Bewohner und ihrer Konsumausgaben inklusive Wohnmiete analysiert. Die nachstehenden Überlegungen beruhen auf den Daten dieser Studie "Lebenshaltungskosten in Deutschland 2016", in der auch eine übersichtliche Infografiken einsehbar sind.

Um zu anschaulichen Vergleichswerten für die Beantwortung der Frage nach den Lebenshaltungskosten, die ja stets in Relation zum Einkommen gesehen werden müssen, zu gelangen, wurden aus den zehn untersuchten Großstädten zur weiteren Betrachtung ausgewählt:

  1. Dresden als erfolgreiche Stadt in den neuen Bundesländern. Hier liegt das Durchschnittsgehalt mit 1.602 Euro geringfügig höher als in Leipzig.

  2. Bremen als jene westdeutsche Stadt, die in der VEXCASH-Studie das geringste Durchschnittseinkommen (1.903 Euro) aufweist.

  3. Frankfurt am Main, das es - knapp vor Stuttgart - auf ein Durchschnittseinkommen von immerhin 2.352 Euro bringt.
Werden vom Netto-Durchschnittseinkommen nun die durchschnittlichen Konsumausgaben für Bekleidung und Schuhe, Lebensmittel, Miete, Nebenkosten, Restaurantbesuche, Sport und Freizeit sowie Verkehrsmittel abgezogen, bleibt der beispielsweise für die Vermögensbildung, die Altersvorsorge, aber auch für Urlaubsreisen und Kredittilgungen verfügbare Einkommensüberschuss übrig:
  • Für die Dresdner sind das im Schnitt 208 Euro monatlich,
  • im "armen" Bremen sogar 228 Euro und
  • im "reichen" Frankfurt am Main relativ geringe 212 Euro.

Damit liegt Frankfurt am Main gar nicht so weit entfernt von Dresden, nur knapp zwei Prozent mehr als die Dresdner haben die Bürger der Hessen-Metropole am Monatsende übrig. Andererseits brauchen die Dresdner nur 87 Prozent ihres Monatseinkommens auszugeben, um nicht ärmlich zu leben (Bremen 88 Prozent, Frankfurt am Main 91 Prozent).

Es zeigt sich also, dass die relativ niedrigen Einkommen in der Tat von billigeren Preisen weitgehend kompensiert werden. Die Analyse von VEXCASH vergleicht in ihrer Infografik (siehe Link oben) beispielsweise die Kosten einer Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr und die Kosten für einen Restaurantbesuch; auf beiden Positionen kommen die Dresdner im Zehn-Städte-Vergleich am günstigsten weg. Auch bei den Nettokaltmieten ist Dresden mit 7,77 Euro pro Quadratmeter noch immer sehr günstig und wird im Vergleich nur von Leipzig unterboten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Lebenshaltungskosten und Lebensqualität?

Betrachtet man den Zuzug in die meist teuren Metropolregionen, könnte man das annehmen. Bei näherer Betrachtung jedoch differenziert sich das Bild.

Bleiben wir beim Beispiel Dresden, das seit vielen Jahren ein Bevölkerungswachstum aufweist. Neben dem reichen Kulturangebot in der Stadt bietet auch ihr Umland im Ausflugsradius vom hundert Kilometern eine enorme Kulturdichte, landschaftliche und städtebauliche Reize wie kaum eine andere Region in Deutschland. Mittelgebirge, Heide- und Teichlandschaft, erhaltene historische Städte beispielsweise in der Oberlausitz sind schnell erreichbar und ziehen zum Beispiel neue Einwohner aus Berlin an.

Die Kombination aus städtebaulicher und landschaftlicher Schönheit in Verbindung mit vielen Angeboten aus der Hochkultur wie auch der Soziokultur gehört zu den drei Faktoren, die in Dresden erfolgreiche Industrieansiedlungen ermöglicht haben. Die anderen beiden Faktoren sind das weitgehend bruchlos erhaltene Know-how aus Betrieben, die schon zu “DDR”-Zeiten durchaus modern waren, in Verbindung mit dem Bildungsstandort, und eben die günstigen Lebenshaltungskosten, die für die Unternehmen günstigere Lohnkosten erlauben.

Unterm Strich hat sich die sächsische Elbmetropole damit zu einer attraktiven Stadt entwickelt, die Lebensqualität in Dresden brachte die Stadt bereits im Jahr 2015 auf den siebenten Platz eines anderen Zehn-Städte-Vergleichs (anstelle von Stuttgart war damals Essen in der Auswahl).

Fazit

Freilich bleibt jedem selbst überlassen, wie er Lebensqualität definiert. Für manchen ist es halt der Konsum von Luxusartikeln, für den anderen der Ausflug ins Elbsandsteingebirge oder in den Spreewald, die Radtour an der Elbe oder der Abend im Szene-Viertel der Dresdner Neustadt. Fakt ist, dass Dresden eine besonders angenehme Stadt ist, nicht zuletzt durch die sprichwörtliche “sächsische Gemütlichkeit”, die man den hiesigen “Kaffee-Sachsen” gern nachsagt.

Thomas Beier ist Unternehmensberater in Markersdorf bei Görlitz.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 23.09.2016 - 12:42Uhr | Zuletzt geändert am 23.09.2016 - 13:21Uhr
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