Wir fahren nach Lodz!

Wir fahren nach Lodz!Görlitz | Lodz (Łódź, לאדזש), 27. August 2022. Von Thomas Beier. Als Europäer ist man gut beraten, seine Nase gelegentlich in ein Geschichtsbuch zu stecken. Besonders spannend etwa ist die Geschichte der Ukraine, heute aber geht die Reise nicht ganz so weit: Theo, wir fahr’n nach Lodz!

Abb.: Der modernisierte Bahnhof Łódź Fabryczna – der Zugverkehr wurde unter die Erde verlegt

Foto: Piotr Rokita, Pixabay License

Anzeige

Im Schmelztiegel von Industrie, Kunst und Kultur

Im Schmelztiegel von Industrie, Kunst und Kultur

Im Museum der Künste Lodz (Muzeum Sztuki w Łodzi)

Foto: tomek999, Pixabay License

Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" – das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

Hätte Vicky Leandros im Jahr 1974 nicht ihren Superhit gelandet, wie bekannt wäre die Stadt heute? Immerhin ist Lodz, nur 130 Kilometer von Warschau (Warszawa) entfernt, nach der Hauptstadt und der alten polnischen Königsstadt Krakau (Kraków) die drittgrößte Stadt Polens. Bemerkenswert ist die Symbiose aus Industriestadt – Textil- und Elektronikindustrie dominieren – und Kulturstadt.

Lodz als die Filmstadt Polens

Im Gegensatz zu Warschau hatte Lodz wesentlich weniger Kriegszerstörungen zu beklagen. Das kulturelle Leben nahm in Lodz schnell wieder an Fahrt auf, befeuert durch die Gründung einer Schauspielhochschule (Wyższa Szkoła Aktorska) und einer Filmhochschule (Wyższa Szkoła Filmowa). Von der Kunstakademie in Krakau (Akademia Sztuk Pięknych) wechselten zwei heute berühmte Kunststudenten an die Filmschule: Erst der spätere Film- und Theaterregisseur Andrzej Wajda, der dann auch Roman Polanski, den Filmregisseur und -produzenten, Drehbuchautor und Schauspieler, zum Wechsel nach Lodz überredete.

Heute werden in Lodz die meisten Filme Polens produziert und analog zu "Görliwood" für Görlitz als Drehort wird die polnische Filmstadt auch HollyŁódź – gesprochen Hollywudsch – genannt. Gar nicht auszudenken, wenn sich beide Filmstädte zu GörliŁódź zusammentun würden… Statt solchen Hirngespinsten hinterherzujagen, lieber ein ernsthafterer Blick auf die Wirtschaft in Lodz, das nur knapp 400 Kilometer – rund vier Autostunden – von Görlitz entfernt ist.

Wirtschaft in Lodz

In Lodz hat die Textilindustrie trotz aller Schwierigkeiten überlebt. heute kommt ein Fünftel der polnischen Elektroenergie aus Lodz. Unbedingt erwähnt werden muss die Sonderwirtschaftszone Lodz (Lodzódzka Specjalna Strefa Ekonomiczna, kurz ŁSSE). Hier finden sich der Computerhersteller Dell, die Hausgerätehersteller BSH und Indesit sowie als weiteres Beispiel Gilette, das heute zu Procter & Gamble gehört.

Das ist natürlich ein fruchtbares Umfeld auch für polnische Unternehmen, die hier wie etwa die TME Group – TME steht für Transfer Multisort Elektronik – ein rasantes Wachstum hinlegen: 1989 gegründet, werden heute rund 500.000 Artikel über Tochterunternehmen in elf Ländern, so auch in China, Deutschland und den USA, vertrieben. Halbleiter, Licht- und Tonquellen, Energiequellen, Relais und Mikroschalter, Gehäuse und mechanische Teile, Steckverbinder und vieles andere mehr bis hin zur Werkstatt- und Büroausstattung finden sich im online verfügbaren TME Katalog.

Das ist nicht nur für Anwender spannend, sondern auch eine Fundgrube für Entwickler, die hier schnell einen Überblick über die Ausführungsvarianten einzelner Bauteile erhalten. Wer etwa einen Mikroschalter als Schnappschalter einsetzen möchte, findet diese Ausführung ebenso wie Mikroschalter mit Schaltzunge oder nur mit Öffnerkontakt oder Schließerkontakt – natürlich mit den nötigen Angaben etwa zur elektrischen Belastbarkeit und Montageart.

Kongress- und Messestadt Lodz

Leerstand von Gebäuden scheint vor allem ein ostdeutsches Phänomen zu sein – in Lodz jedenfalls wurden frühere Industrieflächen zügig revitalisiert und werden heute als Hotels, für Tagungen und andere Veranstaltungen genutzt.

Wichtigste Veranstaltung ist die Baumesse INTERBUD. Die Webseite polen-digital.de verzeichnet für Lodz darüber hinaus die INTERTELECOM als internationale Telekommunikationsmesse, die INTERFLOWER als Messe für Landschaftsarchitektur, Gartenbaus und Blumenzucht und die INTERFLAT als internationale Messe für Innenausstattung und Bauindustrie. Die Messen CEDE und INTERMED zeigen zahnärztliche sowie allgemeinmedizinische Werkzeuge und Geräte und die Messe “Kulturenbegegnung” stellt touristische Regionen in den Mittelpunkt.

Auch hier profitieren örtliche Anbieter. Wer Messestand Ideen oder Messebauer – übrigens auch in Deutschland – sucht, ist bei der Antares Gruppe in Lodz richtig. Der Erfolg von Antaresmesse begann mit der Gründung im Jahr 1992, heute betreut das Unternehmen für Messebau und Ausstellungsbau namhafte Kunden – darunter viele Konzerne – an Messestandorten in Deutschland und europaweit.

Kann man Görlitz und Lodz vergleichen?

Selbstverständlich kann man Görlitz und das mehr als zwölfmal größere Lodz vergleichen – nur darf man nicht den Fehler machen, alles Ein zu Eins nebeneinanderzustellen. Vielmehr kann der Blick auf die prosperierende zentralpolnische Stadt Anregungen für Ansätze auch im kleineren Maßstab liefern.

Was die Polen so draufhaben, das zeigt die Verlagerung des Lodzer Kopfbahnhofs ins Unterirdische, wo er zum Durchfahrtsbahnhof geworden ist. Reichlich fünf Jahre hat das gedauert bis zur Inbetriebnahme, nur für weitere Tunnelstrecken brauchte man mehr Zeit. Zum Vergleich: Baubeginn für Stuttgart 21 war im Jahr 2010 – eine Teilinbetriebnahme könnte 2025 erfolgen – wie gesagt, Eins zu Eins vergleichen verbietet sich manchmal, ist aber dennoch aufschlussreich.

Interessant für Görlitz ist die in Lodz seit 2015 rasant wachsende Kreativwirtschaft, die ideale Rahmenbedingungen vorfindet. Dazu zählen nicht nur Räumlichkeiten, sondern neben den Messen auch die Festivalszene. Darunter besonders interessant ist das "Festival des Dialoges der vier Kulturen". Hier geht es um die vier Kulturen, die die Stadt aufbauten: Deutsche, Polen, Juden und Russen. Sie bringen jeweils Folk- und Popmusik, Jazz und Oper, Theater und Filme ein. Weitere internationale Festivals in Lodz sind eines für alternative Theater, ein Filmkunstfestival und eines für Naturfilme, ein Fotofestival, ein Comicfestival und eines für Entdecker und Extremsportler.

Fazit:
Auf nach Lodz!

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Thomas Beier | Foto Bahnhof: Wolny / Piotr Rokita, Pixabay License; Foto Museum: Polski / tomek999, Pixabay License
  • Erstellt am 27.08.2022 - 15:41Uhr | Zuletzt geändert am 08.11.2022 - 09:23Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige