Arbeitsplatzwechsel: Hüpfen in der Arbeitswelt

Arbeitsplatzwechsel: Hüpfen in der ArbeitsweltGörlitz, 16. Mai 2022. Von Thomas Beier. Dass der lebenslange Arbeitsplatz von der Ausbildung bis zu Rente längst passé ist, hat sich selbst am Neißefluss herumgesprochen. Doch während der Arbeitsplatzwechsel bislang vor allem durch Veränderungen in der Wirtschaft erzwungen wurde, streben ihn mittlerweile die Beschäftigten immer öfter selbst an und zwar im Sinne eines karrierefördernden Jobhoppings, wie das Hüpfen von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz genannt wird. Das wiederum ruft Anbieter auf den Plan.

Abb.: Wer sich dabei ertappt, in der Kaffeeküche zu sitzen und von einem anderen Job zu träumen, sollte in seiner Branche den Arbeitsmarkt einmal sondieren – besser ist es allerdings, ihn ständig im Blick zu behalten

Symbolfoto: magnetme, Pixabay License (Bild bearbeitet)

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Wechsel des Abeitsplatzes – Wege, Motive und Ziele

Gleich vorweg: Die Bewerbung um einen neuen Arbeitsplatz ist auch nicht mehr das, was sie mal. Längst haben Papierunterlagen ausgedient und selbst die Unterlagen online einzureichen ist Schnee von gestern, wenn Unternehmen auf digitale Matching-Verfahren setzen. Die in Görlitz wiederholt angebotenen Job-Speed-Datings sind im Vergleich eine Art analoges Matching-Verfahren, bei dem man miteinander spricht, um schnell herauszufinden, ob Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinander passen. Schon im September 2017 gab es Tipps zum Informations- oder Bewerbungsgespräch beim Dating im Görlitzer Anzeiger.

Woher die Motivation zum Arbeitsplatzwechsel kommt, ist vielschichtig: Manchmal will man in einer anderen Branche neu beginnen, sein Gehalt verbessern, den Arbeitsweg verkürzen, die Dienstreisebelastung oder schlichtweg die Überstundenzahl senken. Worüber oft nicht gesprochen wird ist, wenn man etwa mit seinem Kollegenkreis nicht mehr klarkommt, weil sich vielleicht ein informeller Meinungsführer zeigt, mit dem man nicht übereinstimmt, oder wenn ein junger Chef meint, er oder sie brauche Führungserfahrung nicht wenigstens durch Führungswissen zu ersetzen.

Manch ein Wechselwilliger möchte mehr Führungsverantwortung übernehmen, denn – offen gesagt – wer sich den Stress antut, Mitarbeiter zu führen, wird dafür deutlich besser bezahlt. Auch die Flexibilisierung der Arbeitszeit inklusive der Möglichkeit, wenigstens zeitweise im Home Office zu arbeiten, spielt für viele eine Rolle.

Die Fachfrage

Der seinen Arbeitsplatz beziehungsweise Arbeitgeber wechseln möchte, braucht natürlich auch die passende Qualifikation. Das ist manchmal schwierig: Einerseits sind Erfahrungen, besonders im Führungs- und Projektleitungsbereich, nicht mit Gold aufzuwiegen – erfahrene Führungkräfte, die Komplexität erfassen und Prioritäten setzen können, sind in der Wirtschaft wie übrigens auch in der Politik gefragt. Auf fachlichem Gebiet führt die Dauer des Berufslebens andererseits meist zu einer immer weitergehenden Spezialisierung, die ein berufliches Umswitchen zunehmend schwieriger macht.

Allerdings gibt es Spezialisten, deren Spezialgebiet sich einer derartigen Nachfrage erfreut, dass ein Wechsel des Arbeitgebers wohl jederzeit möglich ist. In der Informatik betrifft das etwa SAP-Programmierer, denen ein riesiger Arbeitsmarkt offensteht. Bei solchen Wechseln spezialisierter Fachkräfte muss nur darauf geachtet werden, dass man seine erworbenen fachlichen Fähigkeiten möglichst gut wieder einbringen kann und – anders gesagt – sein Wissen und seine Erfahrungen nicht wegwerfen muss, um anschließend wieder bei Null anzufangen.

Internet und neue Welten

Doch die Veränderungen im Internet selbst und im Verhalten der Nutzer haben enorme Auswirkungen auf gefragte IT-Qualifikationen. Um das zu erläutern, muss man ein wenig ausholen: 1988 gilt als das Geburtsjahr des Internet Relay Chat (IRC), wenn man so will, des ersten Messenger-Dienstes zum Austausch von Nachrichten und Dateien. Da waren bereits 19 Jahre vergangen, seit das Arpanet als Vorläufer des Internets, das für “interconnected networks” steht, gestartet war.

Erst seit 1990 ist das Internet für kommerzielle Zwecke nutzbar, das World Wide Web entstand und seit 1993 gibt es Internetbrowser zur bequemen Anzeige der Inhalte. Und nun wird es spannend: Seit 2003 setzen sich die Social Media Plattformen durch, von denen heute Facebook, Tiktok, Twitter, Instagram und YouTube die vielleicht bekanntesten sind.

Diese, etwas holprig übersetzt, "sozialen Medien" – zutreffender wäre "gesellschaftliche Medien" – verfügen gegenüber dem ursprünglichen erstrebten "freien Internet" über eine ganze Reihe eigener Merkmale, die zwischen den beiden Polen


    • hoher Nutzen und Attraktivität für die Nutzer sowie
    • Kommerzialisierung und Preisgabe persönlicher Daten

liegen. Zur Kommerzialisierung gehört nicht nur klassische Online Werbung, sondern auch der Einfluss von Influencern und der Effekt, dass sich Unternehmen entdecken lassen.

Zu diesen erwähnten Merkmalen, die auf den einzelnen Plattformen unterschiedlich ausgeprägt sind, gehören:


    • Identifizierbarkeit der Nutzer, sowohl unfreiwillig als auch freiwillig,
    • Nutzer können ohne Vorkenntnisse und Dienstleister sonst ganz allgemein dem World Wide Web vorbehaltene Möglichkeiten Nutzen, etwa Bereitstellung von Informationen teils wie auf einer eigenen Webseite, direkte Kommunikation, Veröffentlichungen von der privaten Selbstdarstellung bis zur geschäftlichen Nutzung, Werbung treiben und Produkte oder Dienstleistungen verkaufen,
    • Nutzer haben kaum Einfluss auf die Politik der Plattformbetreiber, was etwa den Anzeigealgorithmus oder die Unterdrückung beziehungsweise Löschung von Nachrichten betrifft.

Kommerzielle Welten auf neuen Feldern

Im kommerziellen Bereich, genauer gesagt dem des Handels, sind ebenfalls eigene Plattformen wie etwa als besonders bekannte eBay oder Amazon – jeweils mit ihren Tochtergesellschaften – auf dem Vormarsch.

Eine Entwicklung, die den meisten Nutzern vermutlich noch nicht aufgefallen ist, nennt sich Amazon Web Services (AWS). Hier dringt der Online Handelsriese in Gefilde vor, in denen teils bislang andere die Nase vorn haben oder inzwischen muss man vielleicht sagen: hatten. Wer sich als Internetnutzer die Amazon Cloud-Lösungen näher anschaut, den beschleicht das unheimliche Gefühl: Spätestens jetzt hat das herkömmliche Internet mit seinen individuellen Webseiten weitgehend ausgedient und bildet nur noch die technologische Grundlage für die Plattformen der Tech-Konzerne.

Die Amazon-Lösungen wenden sich dabei weniger an die Endverbraucher als an die Wirtschaft, den Bildungssektor und Behörden, an das Gesundheitswesen und gemeinnützige Organisationen. Im Detail werden beispielsweise den Medien – etwa dem Rundfunk und Streamingdiensten – mit den "speziellsten Medien- und Unterhaltungsfunktionen aller Clouds", wie es auf der aws.amazon.com -Seite heißt, Lösungen für die Erstellung von Inhalten, bei deren Lieferung und Archivierung sowie bei der Datenauswertung angeboten.

Chancen für IT Entwickler

Über solch ein umfassendes Angebot eines einzelnen Tech-Giganten kann man viel diskutieren, aus Sicht eines wechsel- beziehungsweise karrierewilligen Arbeitnehmers aus dem IT-Bereich eröffnet sich hier jedoch vor allem eine neue Welt voller beruflicher Chancen.

Das haben auch Dienstleister erkannt, die sich darauf spezialisiert haben, Arbeitnehmer mit den passenden Fähigkeiten – vereinfachend skills genannt – auf jenen Arbeitsplatz zu bringen, der die gegenseitigen Anforderungen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer am besten zur Übereinstimmung bringt.

Für die Programmierer und Entwickler, die sich für die Amazon Web Services interessieren hat etwa die grinnberg GmbH aus Stuttgart ein Job-Matching-System entwickelt, das schnell einen Überblick über in ganz Deutschland bei Grinnberg verfügbaren AWS Jobs bietet. Wer also als Bewerber AWS Jobs finden möchte, für den ist auf alle Fälle schon einmal das Matching-System interessant: Hier wird das Bauchgefühl, das durchaus zu besseren Entscheidungen, aber auch fatalen Irrtümern in Bezug auf einen Bewerber oder eine Bewerberin – oder einen Arbeitgeber – führen kann, ausgeschaltet. Stattdessen wird weniger Fragen erfasst, wer wo passt.

Und der Strukturwandel im Landkreis Görlitz?

Beim Braunkohleausstieg, der im östlichsten Landkreis Deutschland mit der Digitalisierung einhergehen sollte, wird oft gefordert, die begleitenden Fördermittel auf Basis der Ideen der Einheimischen zu verwenden. Das treibt wahrlich Blüten, von der neuen Blumenrabatte in einer Landgemeinde im Revier bis zur Anschaffung neuer Straßenbahnen in der vom Kohleausstieg kaum betroffenen Kreisstadt.

Doch wie das Beispiel Tesla im brandenburgischen Grünheide zeigt, ist der notwendige Quantensprung in der Wirtschaft ohne die Big Player wohl nicht mehr zu schaffen. Sachsen betreibt eine insgesamt vernünftige Wirtschaftspolitik, indem es an vielen Stellen auf den Erhalt und den Ausbau der Infrastruktur setzt – auch wenn die Wünsche vieler naturgemäß weit höher festgezurrt sind. Dennoch: Verläuft sich der Strukturwandel im Klein-Klein beliebiger Projekte, ist eine nicht wiederkehrende Chance vertan. Wobei auch gesagt werden muss: Nicht alles ist schlecht, was im Zuge des Strukturwandels entsteht.

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  • Quelle: Thomas Beier Foto: Magnet.de / magnetme, Pixabay License
  • Erstellt am 16.05.2022 - 10:39Uhr | Zuletzt geändert am 16.05.2022 - 12:18Uhr
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