So soll die generalistische Pflegeausbildung die Pflegebranche retten

So soll die generalistische Pflegeausbildung die Pflegebranche rettenGörlitz, 8. Januar 2022. Die Ausbildungen in Pflegeberufen wurden erst vor zwei Jahren reformiert. Die Unterteilungen in AltenpflegerInnen und Gesundheits- und Kinderkranken-/KrankenpflegerInnen entfällt, stattdessen gilt die Ausbildungsverordnung über die generalistische Pflegeausbildung, die mit dem Abschluss Pflegefachmann/ Pflegefachfrau endet. Was bringt es der strapazierten Pflegebranche?

Abb.: Stell' dir vor, du drückst den Notfallknopf und keiner kommt – so zeigt sich Personalmangel

Foto: Reinhard Thrainer, Pixabay License (Bild bearbeitet)

Anzeige

Was hat sich in der Ausbildung wirklich verändert?

Was hat sich in der Ausbildung wirklich verändert?

Keine weiß, was das Alter bringt. Angesichts der alternden Gesellschaft ist ein leistungsfähiges Pflegesystem mit gut ausgebildeten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen substanziell von Bedeutung

Foto: truthseeker08, Pixabay License (Bild bearbeitet)

Abgesehen von den Berufsbezeichnungen haben sich die Zugangsvoraussetzungen verändert. Hauptschulabsolventen können nicht mehr direkt in die Ausbildung starten, sondern müssen vor Beginn der generalistischen Pflegeausbildung eine Ausbildung zum Pflegehelfer absolvieren, um examinierte Pflegefachfrau beziehungsweise examinierter Pflegefachmann werden zu können. Die Pflegehelferausbildungszeit wird aber auf die gesamte Ausbildungszeit angerechnet.

Die theoretische Ausbildung ist jetzt so organisiert, dass die Inhalte angeglichen wurden – daher die Bezeichnung Generalistische Pflegeausbildung – und in den ersten beiden Jahren komplett identisch sind. Danach entscheiden sich die Pflege-Azubis für eine Fachrichtung und erwerben die spezifischen Kenntnisse für ihren Wahlbereich.

Der Abschluss der Pflegefachleute ist wiederum vereinheitlicht, was es auch den Absolventen, die die Altenpflege gewählt haben, leichter möglich macht, in der Krankenpflege zu arbeiten. Bislang war es so, dass Gesundheits- und KrankenpflegerInnen es leichter hatten, in die Altenpflege zu wechseln. AltenpflegerInnen hatten bislang maximal die Chance in Geriatrischen Kliniken zu arbeiten.

Kann die generalistische Ausbildung die Pflege retten?

Kurzfristig sicher nicht. Die ersten Auszubildenden nach diesem Modell haben aktuell noch mehr als ein Ausbildungsjahr vor sich, ehe sie als examinierte Kräfte auf den Arbeitsmarkt kommen. Die Zahl der Ausbildungsplätze ist limitiert, was entsprechend auch die Zahl der Absolventen begrenzt. Nicht alle durchlaufen die Ausbildung, die fachlich anspruchsvoll ist, bis zum Ende oder schaffen die Prüfungen. Erste Auswirkungen werden vermutlich frühestens in fünf bis sechs Jahren erkennbar sein.

Die Hoffnung der Reformbefürworter liegt langfristig aber darin, dass Pflegepersonal aufgrund der generalisierten Pflegeausbildung flexibler einsetzbar wird. Die Erfahrung zeigt, dass Krankenpfleger häufiger in der mobilen oder stationären Altenpflege arbeiten. Diese fehlen dann in den Kliniken. Dadurch, dass Pflegefachleute mit der Fachrichtung Altenpflege dann aber die gleiche Anerkennung genießen wie die anderer Fachrichtungen, ist es für diese leichter, in den Klinikbetrieb zu wechseln und in der Krankenpflege zu arbeiten.

Welche Maßnahmen würden den Pflegenotstand schneller abmildern?

In Deutschland ist es so, dass schulische Ausbildungen etwas kosten und die Absolventen keine Ausbildungsvergütungen bekommen. Dass Ausbildungseinrichtungen in der Pflege eine Ausbildungsvergütung bezahlen, sorgt für eine Limitierung der Ausbildungsplätze. Interessenten gibt es durchaus genug, doch die wollen betreut werden, wofür es qualifiziertes Personal geben muss. Den Einrichtungen entstehen also hohe Kosten für die Ausbildungsvergütung und Praxisanleiterpauschalen der Mitarbeitenden, die die Azubis unter ihre Fittiche nehmen, ihnen Fachwissen vermitteln und in der Praxis anleiten.

Pflegeschulen gibt es reichlich, diese kooperieren meist mit Seniorenheimen, Kliniken oder weiteren Einrichtungen, damit die PflegeschülerInnen dort die Praxiseinsätze absolvieren. Würde man Pflegeschülern – statt Schulgebühren in Rechnung zu stellen – Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes bezahlen, könnten deutlich mehr Pflegefachleute ausgebildet werden. Diese zusätzlich als Praktikanten in Pflegeeinrichtungen unterzubringen, wäre unproblematisch, weil jede helfende Hand gern gesehen wird. Der Bildungsanbieter WBS Schulen, der auch in Görlitz aktiv ist, ist beispielsweise ein Anbieter, der AZAV zertifiziert ist und könnte Pflegekurse geben, die von öffentlicher Hand finanziert werden.

Eine weitere Maßnahme wäre es, ausländische Pflegeabschlüsse in Deutschland leichter und schneller anzuerkennen. Viele Länder haben deutlich höhere Zugangsvoraussetzungen zur Pflegeausbildung. Häufig müssen Pflegefachkräfte dort ein Studium absolvieren, das in Deutschland dann jedoch nicht direkt als Abschluss anerkannt wird.

Imagekampagnen, die den Pflegeberuf vorstellen, könnten dafür sorgen, dass der Beruf attraktiver wird. Das Image, Hauptteil der Arbeit sei, Leuten den Hintern abzuputzen, ist zwar glücklicherweise nicht mehr ganz so stark ausgeprägt, doch dass die Arbeit in der Pflege unglaubliche Karrierechancen bietet, wissen die meisten jungen Menschen in der Berufsorientierung nicht.

Die Berichterstattung über den Pflegenotstand tut ein Übriges, um Interessierte abzuschrecken. Denn wer möchte sehenden Auges in eine Ausbildung starten, die lebenslangen Stress in Aussicht stellt?

Auch die Gesellschaft kann einiges tun, um den Pflegenotstand abzumildern. Wer gesund lebt und sich bewusst ernährt, sein Immunsystem stärkt, kommt grundsätzlich gesünder durchs Leben. Wir werden immer älter und das lange Zeit bei guter Gesundheit. Zwickt es doch einmal, sollte der Gang zum Arzt des Vertrauens auch bedeuten, dass dem Arzt vertraut wird. Die Zweit- oder Drittmeinung, um Diagnosen abzusichern, ist nur dann sinnvoll, wenn es um weitreichende Behandlungen und schwere Diagnosen geht. Ein Arzt, dem man wirklich vertrauen kann, wird von sich aus die Empfehlung geben, mit einem Kollegen zu sprechen, um Klarheit zu finden. Ansonsten sollte man ihm und seinem Behandlungsvorschlag vertrauen.

Das Internet ermöglicht den leichten Zugang zu Informationen, allerdings kursieren auch viele Fehlinfos oder Berichte von Patienten, die Suchende beunruhigen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem, was man ins Netz stellt, kann helfen, Betroffene nicht in unnötige Ängste zu versetzen.

Ist die Bezahlung so schlecht wie ihr Ruf?

Befragt man Pflegende, so sind sie mit ihren Gehältern nicht so unzufrieden, wie es oft publiziert wird. Was kritisiert wird, ist das Verhältnis zwischen der Verantwortung und dem Gehalt und dass die Arbeitsbedingungen schwierig sind.

Pflegeheime und Kliniken sollen wirtschaftlich arbeiten. Menschen werden zu Diagnosen und Kostenfaktoren, die von Leistungsträgern wie Pflege- und Krankenkassen klar definiert werden. Individuelle Besonderheiten können in der Abrechnung kaum berücksichtigt werden und das Pflegegeld ist knapp bemessen. Entsprechend sind Personalkosten immer eng kalkuliert. Allerdings sind sehr viele Einrichtungen auch an Tarife gebunden, die von den meisten Mitarbeitenden in der Pflege akzeptiert werden. Die Tarifpflicht für Pflegeeinrichtungen soll in diesem Jahr kommen.

Die Arbeitsbedingungen leiden allerdings am meisten unter dem Personalschlüssel, der zum einen vorgeschrieben wird, dessen Kosten aber von der Einrichtung zu tragen sind. Das führt beispielsweise dazu, dass in Altenpflegeheimen viel zu viele Schwerstpflegebedürftige aufgenommen werden, als die Mitarbeiter gut versorgen können, weil das Pflegegeld hier höher ist. In Kliniken werden Betten blockiert, wenn Personal in den Heimen fehlt. Ausfälle beim Personal durch Krankheit und die aufwendigere Versorgung führen zu Überstunden, Rückrufen aus der Freizeit oder dem Urlaub und schließlich zur Überlastung.

Tatsächlich sind die Pflegenden dann auch noch in der Verantwortung, wenn stressbedingt Fehler passieren. Hier fehlt den Pflegefachkräften zu recht die Einsicht, dass sie trotz totaler Überlastung an vorderster Front in der Kritik stehen, wenn es zu Ereignissen kommt, die vor Angehörigen, Ärzten oder gar der Staatsanwalt zu vertreten sind. Dieser Druck und der Frust darüber lässt deutlich mehr Pflegende ihren Beruf aufgeben als wegen der Bezahlung.

Fazit: Die Pflegebranche steht vor großen Herausforderungen. Allerdings beweist die Pandemie, dass das Gesundheitssystem in Deutschland robust ist und auch starken Belastungen standhalten kann. Allerdings sind dies keine Lorbeeren, auf denen sich Politik und Gesellschaft ausruhen dürfen.

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red | Foto Notfallknopf: ReinhardThrainer / Reinhard Thrainer, Pixabay License (Bild bearbeitet); Foto Hand: truthseeker08, Pixabay License (Bild bearbeitet)
  • Erstellt am 08.01.2022 - 08:11Uhr | Zuletzt geändert am 08.01.2022 - 09:19Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige