Wächst Europa weiter zusammen?

Wächst Europa weiter zusammen?Görlitz, 23. Januar 2021. Europa wächst zusammen, das war der Leitgedanke bei der Gründung der Europäischen Union im Jahr 1993, bei der Schaffung und Erweiterung des Schengenraums ohne Grenzkontrollen seit 1995, bei der Einführung des Euros im Jahr 1999 – das Euro-Bargeld folgte 2002 – und nicht zuletzt bei der Aufnahme weiterer Staaten. Was ist daraus geworden?

Abb.: Die Altstadtbrücke verbindet das deutsche Görlitz mit dem polnischen Zgorzelec und gilt nicht nur als Symbol der Europastadt, sondern des Zusammenwachsens von West- und Osteuropa

Archivbild: © Göritzer Anzeiger

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Für die Wirtschaft wäre ein EU-weiter Euroraum einfacher zu handhaben

Ein deutlicher Hinweis, dass in Europa beileibe nicht zusammenwächst, was zusammengehört, ist der Brexit. Einst von Cameron als Trick gedacht, die EU-Zugehörigkeit des Vereinigten Königreichs vom Volk absegnen zu lassen, geriet die Abstimmung zum Desaster und zum Jahresende 2020 konnte Europa nur noch winken: Bye,bye, merry old England & Co.

Auch an einer der deutschen Nahtstellen zu Osteuropa, der eigentlich verbindenden Oder-Neiße-Linie, zeigen sich neue Brüche, denn die aktuelle Warschauer Politik setzt eher auf Abgrenzung. Bestimmte gemeinsame Veranstaltungen oder die gegenseitige Mitnutzung bestimmter Ressourcen sind nicht mehr gewollt. Auch in der Europastadt Görlitz-Zgorzelec zeigt sich das, da können der Bürgermeister des polnischen Teils, Rafał Gronicz, und der Oberbürgermeister des deutschen Teils, Octavian Ursu, beides überzeugte Europäer, nur bedingt gegensteuern.

Für die Wirtschaft erfordert das zu langsame oder gar stagnierende Zusammenwachsen immer wieder eigentlich unnötigen Aufwand. Obgleich Polen mit seinem EU-Beitritt im Jahr 2004 sich zur Einführung des Euro verpflichtet hatte, ist nie ein Termin dafür vereinbart worden – der Sankt-Nimmerleins-Tag lässt grüßen! Das zwingt deutsche Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen nach Polen pflegen, insofern nicht anders vereinbart, Zahlungen nach Polen in der polnischen Währung, dem Złoty (PLN), zu leisten.

Für die Unternehmen bringt das Faktoren mit sich, die im Euroraum längst vergessen sind, etwa Wechselkursschwankungen und Umrechnungsgebühren. Was bei einem einmaligen Geschäft kaum von Bedeutung ist, wird bei einer wachsenden Geschäftsbeziehung zum echten Aufwands- und Kostenfaktor.

Das kennen Privatkunden, die über die Grenze nach Polen fahren, um bestimmte Waren günstiger zu kaufen: Wenn an der Kasse mit Karte bezahlt werden soll, kommt die Frage, ob das in Euro oder Złoty erfolgen soll. Wer nun nichtsahnend mit den vertrauten Euro zahlt, muss mit einem schlechteren Umrechnungskurs als bei seinem Kartenunternehmen rechnen – wer in Złoty zahlt, fährt in aller Regel besser. Ähnlich ist das bei Unternehmen, die in Polen Waren oder Leistungen einkaufen. Auch sie müssen Euro in Zloty umtauschen und dabei aufpassen, einen guten Kurs zu haben – Abweichungen von zehn Prozent gegenüber dem offiziellen Kurs sind nicht ungewöhnlich. Vor diesem Hintergrund haben sich größere Zahlungsinstitute unter anderem auf die Währungskonvertierung und Zahlungsabwicklung spezialisiert und bieten Unternehmen damit verlässliche Rahmenbedingungen.

Aus Sicht der Bürger von Görlitz und Zgorzelec, der deutsch-polnischen Doppelstadt, sind die Potentiale der Zusammenarbeit noch lange nicht ausgereizt, von gemeinsamen kommunalen Dienstleistungen und Kulturangeboten bis eben hin zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit und zur gemeinsamen Wirtschaftsförderung. Allerdings gibt es in Görlitz auch Einwohner, die ein näheres Zusammenrücken beider Städte eher kritisch sehen und sich etwa gegen den Bau neuer Verbindungsbrücken über die Lausitzer Neiße wenden.

Die wirtschaftliche Zusammenarbeit, das ist die andere Seite der Medaille, klappt für manche Unternehmen allerdings recht gut. So kommt die knappe Hälfte der rund 120 Stamm-Mitarbeiter der Künstlerische Holzgestaltung Bergmann GmbH – das ist die Firma, die in der Nähe von Görlitz die Kulturinsel Einsiedel und später die noch größere “Geheime Welt von Turisede”, einen deutsch-polnischen Abenteuer-, Freizeit- und Urlaubspark erschaffen hat – aus Polen. Auch hier würde eine einheitliche Währung manches vereinfachen.

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  • Quelle: TEB | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 23.01.2021 - 10:18Uhr | Zuletzt geändert am 23.01.2021 - 10:53Uhr
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