120 neue Wohnungen im Landkreis Görlitz im Jahr 2017

120 neue Wohnungen im Landkreis Görlitz im Jahr 2017Landkreis Görlitz, 1. Juli 2018. Vom Single-Apartment bis zum Bungalow, vom Einfamilien- bis zum Mehrfamilienhaus: Im Landkreis Görlitz sind im vergangenen Jahr 120 Wohnungen neu gebaut worden – 95 davon in Ein- und Zweifamilienhäusern. 2017 wurden damit 15 Prozent weniger neue Wohnungen gebaut als noch im Vorjahr. Darauf hat das Verbändebündnis Wohnen hingewiesen, in dem sich Baugewerkschaft IG BAU und Bauwirtschaft zusammengeschlossen haben. Das Bündnis beruft sich bei den Zahlen auf die aktuelle Bau-Bilanz des Statistischen Bundesamtes zu Zahl der fertiggestellten Wohngebäude.
Abbildung oben: Und ist die Hütte noch so klein... Ein "Haus zum Drumrumlaufen" ist die Sehnsucht vieler Bauwilliger

Kommentar: Ist Wohnungsneubau für Sachsen die Lösung?

Kommentar: Ist Wohnungsneubau für Sachsen die Lösung?

In vielen Dörfern sind Eigenheimstandorte wie Fremdkörper eingefügt worden und haben ländlichen Siedlungsstrukturen den Charakter von Vororten gegeben

Insgesamt haben demzufolge die Bauherren im Landkreis Görlitz im vergangenen Jahr 83,5 Millionen Euro in den Wohnungsneubau gesteckt. "Das klingt viel. Tatsächlich müsste es aber mehr sein, wenn die Wohnraum-Offensive der Bundesregierung klappen soll", sagt Mirko Hawighorst, Regionalleiter der IG BAU in Sachsen, vom Verbändebündnis Wohnen. Die Wohnraumoffensive bezieht sich stark auf die Wohnungsknappheit und explodierende Mieten in den Ballungszentren. Allerdings bleibt dabei der enorme Leerstand in entlang von Mandau und Lausitzer Neiße unberücksichtigt: Allein in der für ihre hohe Wohn- und Lebensqualität bekannten Stadt Görlitz stehen rund 6.000 Wohnungen leer, die Stadt Weißwasser im Norden des Landkreises Görlitz hat seit 1989 ihre Einwohnerzahl binnen zweier Jahrzehnte halbiert und entsprechend großflächig Wohngebäude abgerissen – ein Bild, wie es sich in Sachsen außerhalb der großstädtischen Zentren vielerorts zeigt.

Wie sieht es bundesweit aus?

Insgesamt seien bundesweit im vergangenen Jahr lediglich nicht einmal 285.000 Wohnungen neu gebaut worden. Dabei habe die Große Koalition von CDU/CSU und SPD eine ganz andere Messlatte gelegt: 1,5 Millionen Neubauwohnungen bundesweit bis 2021 – das wären 375.000 pro Jahr. Anstelle die regionale Situation zu berücksichtigen, schlussfolgert Harwighorst pauschal: "Das bedeutet, dass der Wohnungsneubau schon in diesem Jahr um satte 32 Prozent zulegen müsste. Danach sieht es allerdings bislang weder in Sachsen noch bundesweit aus.".

Entsprechend dieser Sichtweise fordert das Verbändebündnis Wohnen jetzt den Bund, den freistaat Sachsen und die Kommunen auf, mehr für den Wohnungsbau, allem für bezahlbaren Wohnraum, zu tun. "Gerade für den sozialen Wohnungsbau muss deutlich mehr getan werden. Ebenso für den Neubau von Wohnungen, bei denen sich die Menschen die Miete auch leisten können", so Hawighorst. Angesichts ausgelasteter Handwerksunternehmen und steigender Baukosten ist das eine Herausforderung.

Mehr Wohneigentum im Kreis Görlitz gefordert

Auch das Wohneigentum im Landkreis Görlitz muss, wenn es nach dem Bündnis Wohnen geht, endlich wieder effektiv gefördert werden: "Es müssen sich wieder mehr Menschen die eigenen vier Wände leisten können – vom Maurer bis zur Industriekauffrau. Handwerker, die Wohnungen bauen, sollten auch in der Lage sein, sich eine eigene Wohnung anzuschaffen."

Wohneigentum sei eine wichtige Altersvorsorge. Harwighorst: "Die eigenen vier Wände sind da und haben Bestand – unabhängig davon, wie die Rentenhöhe im Alter schwankt. Sie bieten die Sicherheit eines dauerhaften Daches über dem Kopf – ohne Angst vor Mieterhöhungen oder vor einer Kündigung."

Ausgeblendet bleiben dabei allerdings die Nachteile des Wohneigentums:
  • Bauen für Otto Normalverbraucher geht gewöhnlich mit einer Kreditaufnahme einher, die grundsätzlich das Risiko der Überschuldung mit sich bringt, beispielsweise bei Arbeitsplatzverlust oder schwerer Erkrankung.
  • Wohneigentum bindet an den Wohnort. Für die oft geforderten Flexibilität, der Arbeit hinterherzuziehen, wirkt das kontraproduktiv.
  • Besonders Einfamilienhäuser werden aus der Sicht junger Familien konzipiert und bei oft falsch: Irgendwann ziehen die Kinder aus und weg. Wer Kinderzimmer nicht glkeich als Einliegerwohnung pder ferienappartement konzipiert hat, für den kann im Alter die Wohnfläche zu groß werden.
  • In strukturschwachen Regionen kann kann Wohneigentum oft nur unter Wert verkauft werden.

Dennoch appelliert das Wohnbündnis an die heimischen Bundestagsabgeordneten, dem Wohnungsbau jetzt die politische Power zu geben, die der Bau braucht. Hawighorst: "Es kommt darauf an, dass die Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis Görlitz und ganz Sachsen in Berlin Farbe bekennen. Sie müssen sich für ein deutlich dickeres Baupaket im nächsten Bundeshaushalt starkmachen, von dem dann auch die Menschen im Kreis Görlitz mehr profitieren."Die Kanzlerin habe angekündigt, sechs Milliarden Euro für den Wohnungsbau bis 2021 bereitzustellen – also anderthalb Milliarden Euro pro Jahr. Tatsächlich benötigt würden aber mindestens vier Milliarden Euro jährlich.

Wohnen als soziale Frage

"Denn im Wohnungsmangel und in steigenden Mieten steckt sozialer Sprengstoff. Gerade beim Neubau von Sozialwohnungen droht ein Desaster, wenn der Bund hier nicht ordentlich Geld in die Hand nimmt und investiert. Tag für Tag fallen Sozialmietwohnungen aus der Bindung. Der Bestand an Wohnungen für Menschen, die einen Wohnberechtigungsschein haben, schmilzt kontinuierlich ab", schlägt Hawighorst die Alarmtrommel. Eine "Goodwill-Wohnungsbaupolitik" der Länder, bei der die Zahl der Sozialwohnungen von der Kassenlage abhänge, sei fatal. Auch die geplante Förderung für den altersgerechten Umbau lasse "jede Hoffnung auf einen Sanierungsschub für mehr Seniorenwohnungen gegen Null laufen". Aber gerade altersgerechte Wohnungen brauche auch der Landkreis Görlitz. In der Tat ist der Landkreis eine alternde Region, geprägt vom Wegzug der Jüngeren und dem Zuzug von Senioren in das Pensionopolis Görlitz.

Um dem Wohnungsneubau jetzt "Turbo-Impulse" zu geben fordert das Verbändebündnis Wohnen zusätzliches Fördergeld und mehr steuerliche Anreize. Wirksam sei insbesondere eine bessere steuerliche Abschreibung – konkret die Erhöhung der AfA von zwei auf dauerhaft drei Prozent. Der Bau brauche verlässliche Rahmenbedingungen, um Fachkräfte und technische Kapazitäten aufbauen zu können. Ebenso müssten alle engagierten und im Kern guten Punkte, die Union und SPD zum Wohnungsbau im GroKo-Koalitionsvertrag vereinbart haben, schnell angepackt werden.

Wer hinter dem Verbändebündnis Wohnen steckt

Das Verbändebündnis Wohnen ist ein Lobbyverband, der unterschiedliche Interessen vereint: Die gewerkschaftliche Sichtweise, die auf die sozialen Aspekte des Wohnungsbaus fokussiert, vertritt die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Eher auf eine prosperierende Bauwirtschaft abgesehen haben es wohl der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) und die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM). Sie alle eint das gemeinsame Eintreten für bessere Rahmenbedingungen beim Wohnungsbau.


Kommentar:

In Sachsen zeigt sich deutlich: Wohnungsneubau ist nicht die einzige Lösung, denn er lindert nur die Symptome der Wohnungknappheit in den Großstädten, aber nicht deren Ursache.

Schaut man sich an, weshalb vor allem jüngere Leute in die Ballungszentren strömen, zeigt sich: Persönliche Vernetzung und die Vielfalt der Arbeits-, Bildungs- und Kulturangebote sind die großen Lockmittel, hinzu kommen günstige Verkehrsanbindungen. Statt die großen sächsischen Ballungszentren Chemnitz, Dresden und Leipzig ungehemmt ausufern zu lassen, tut die Aufwertung der Mittelstädte von Görlitz bis Plauen Not.

Hier bestehen gute Voraussetzungen in der Bildungs- und Kulturlandschaft, vielerorts gibt es auch einen leistungsfähigen Mittelstand. Allerdings ist die Entwicklung der Ausgangssituation weniger eine Frage von Dirigismus und Fördergeldern als vielmehr von Handlungsfreiheit und -räumen, schnellen Verkehrs- und Internetanbindungen. Das ist wie beim Wasser: Da kann man Anweisen und Fördern wie man will, es wird nicht den Berg hinauffließen, wenn man nicht mit viel Aufwand ständig pumpt – beseitigt man aber Hindernisse, fließt es von allein. So gesehen können gut gemeinte Wirtschaftsförderungsinstrumente und -strukturen zu den größten Hindernissen werden.

Eine weitere Frage ist jene der Kultur, mit denen "Neue" empfangen werden. Stoßen Sie auf Wohlwollen oder auf hinterwäldlerische Voreingenommenheit? Lässt man Neue im Job erst einmal auflaufen oder oder wird das Willkommen auch praktisch gelebt? Stimmen die weichen Faktoren nicht, helfen auch die harten Fakten nichts,

meint Ihr Thomas Beier

Teilen Teilen
Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort
Weitere Artikel
 
  • Quelle: red / TEB, Foto Rohbau: devolk / Denis, Foto Siedlung: Catkin, beide Pixabay und Lizenz CC0 Public Domain
  • Zuletzt geändert am 01.07.2018 - 10:23 Uhr
  • drucken Seite drucken