ÖPNV versus Individualverkehr im ländlichen Raum

ÖPNV versus Individualverkehr im ländlichen RaumLandkreis Görlitz, 8. September 2021. Wer heutzutage darüber nachdenken muss, wie er seine Mobilität sichert – über Distanzen, die sich nicht mehr in angemessener Zeit zu Fuß zurücklegen lassen – hat es schwer, jedenfalls im ländlichen Raum. Was aus Sicht eines Stadtbewohners Alternativen zum eigenen Pkw sein können, reicht auf dem Land nicht aus.

Abb.: Ist das die Verkehrswende in der Stadt?

Foto: © BeierMedia.de

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Welche Rolle spielen Elektrofahrräder?

In einer Stadt wie Görlitz, wo die Straßenbahn quietscht und die Stadtbusse brummen, mag Mobilität für die Bürger unter bestimmten Bedingungen kein Problem sein. Sicherlich kann man behaupten: Je größer eine Stadt, umso geringer das Mobilitätsproblem, wenn die Konzepte des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) passen.

Schaut man allerdings auf den Landkreis Görlitz, dann kann in der Fläche von einem ÖPNV mit städtischen Qualitäten logischerweise keine Rede sein. Das hier ab Januar 2022 geltende Verkehrskonzept heißt "Gut vernetzt" und zeichnet sich durch Taktung sowie gute Abstimmung mit der Bahn aus. Allerdings hat es schon für etliche Aufreger gesorgt, weil es für die Schülerbeförderung Nachteile bringt. Insbesondere kritisieren Eltern das zusätzliche Umsteigen für die Kinder, teils an verkehrsreichen Straßen. Die Elterninitiative der Grundschule Schöpstal nannte sich prompt "Schlecht vernetzt" und beklagt auf ihrer Facebook-Seite: "Es geht nichts voran." Zwar sind Eindruck und Zusammenhang falsch, aber der GdL-Streik, der den Fernverkehr der Bahn tagelang deutlich beeinträchtigte, hat dazu beigetragen, dass das Vertrauen in die öffentlichen Verkehrsmittel weiter begrenzt bleibt.

Doch auch der Individualverkehr in den endlosen Weiten des Landkreises Görlitz verliert seinen Spaßfaktor: Die Kohlendioxidabgabe einerseits, teure und eher reichweitenschwache akkugetriebene – der nächste richtig kalte Winter kommt bestimmt – Pkw andererseits machen Fahrzeuganschaffungen zu einem Lottospiel, welche Technologie für die nächsten Jahre wohl die richtige ist. Die für viele Techniker einzig vernünftige und kurzfristig marktreife Antriebstechnologie ist die Wasserstoffverbrennung im Kolbenmotor, was dank neuer Möglichkeiten der Wasserstofferzeugung im Fahrzeug – siehe die Metaliq GmbH auf dem Siemens Innovationscampus Görlitz – zusätzlich an Attraktivität gewinnt. Doch während deutsche Unternehmen in China auf Wasserstoff und Brennstoffzelle setzen, bleibt für den heimischen Markt die umstrittene Akku-Technologie.

Auto stehenlassen und Alternativen nutzen

Grundsätzlich vernünftig ist es allerdings, sein Auto mit Verbrennungsmotor möglichst oft nicht zu nutzen, inbesondere für Strecken, für die es gar nicht gebaut ist: Kurzstrecken. Für solche Fahrten gibt es Alternativen, vom Roller mit oder ohne E-Antrieb über den guten alten Drahtesel, in elektrischer Ausführung Pedelec, S-Pedelec oder E-Bike genannt. Solche Fahrzeugalternativen entschleunigen nicht nur den Tagesablauf und sorgen für mehr Bewegung, als wenn man im Auto sitzen würde, sie vermeiden außerdem den hohen Spritverbrauch und Verschleiß eines kalten Automotors, der im Kurzstreckenbetrieb nie auf Betriebswärme kommt.

Während E-Roller ein ganz pauschaler Tipp für jene sind, denen ein Fahrrad zu sperrig ist oder die vielleicht Beschwerden an einem Fußgelenk haben, will die schöne neue Welt der Fahrräder fein säuberlich sortiert sein. So hat etwa der Bautzner Anzeiger auf die Führerscheinfalle bei Fahrrädern mit Elektroantrieb hingewiesen und die Unterschiede zwischen den beiden Pedelec-Varianten sowie dem E-Bike erklärt. Der wohl augenfälligste Unterschied: Bei den Pedelecs muss man auf jeden Fall selbst in die Pedale treten, um vom Fleck zu kommen, das E-Bike fährt von allein. Das S-Pedelec – das S steht für Speed, also Geschwindigkeit – ist bis zu 45 Stundenkilometer schnell. Die verkehrsrechtlichen Konsequenzen der Unterschiede hat der Bautzner Anzeiger ebenfalls zusammengefasst.

E-Bikes zum Kleinwagenpreis: Geht es billiger?

Ein anderer Unterschied ist der Preis. Der liegt bei E-Bikes meist zwischen reichlich 1.000 und knapp 15.000 Euro – ein Preis, der so einen elektrifizierten Drahtesel als Kleinwagenalternative in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Für ein gutes S-Pedelec sollte man ungefähr ab 3.500 Euro kalkulieren. Allerdings wissen die Hersteller, dass bei vielen Kunden die psychologische Kaufsperre bei 2.000 Euro liegt, sie bieten deshalb durchaus solide Elektrofahrräder auch unter 2.000 Euro an.

Auf jeden Fall ist so ein Gefährt eine Geldanlage und sollte entsprechend versichert sein. Woran viele nicht denken: Da bei S-Pedelecs die Motorunterstützung erst bei 45 Stundenkilometern aussetzt, handelt es es sich aus rechtlicher Sicht um Kleinkrafträder mit Versicherungs-, Führerschein und Helmpflicht. Die Versicherungspflicht bezieht sich auf die Haftpflichtversicherung, die mit dem von Mopeds bekannten Versicherungskennzeichen sichtlich gemacht werden muss.

Gleiches gilt übrigens auch für E-Bikes, nur entfällt hier die Helmpflicht, da diese nur bis zu 20 Stundenkilometer schnell sein dürfen. Normale Pedelecs hingegen. die es mit Elektrounterstützung beim Treten auf bis zu 25 Stundenkilometer bringen, werden rechtlich wie normale Fahrräder behandelt.

Fahrradklau macht vor E-Bikes und Pedelecs nicht Halt

Obgleich die Zahl der Fahrraddiebstähle in Deutschland seit Jahren zurückgeht, erreicht die Schadenssumme neue Rekordwerte. Das liegt an den hohen Anschaffungskosten moderner Fahrräder und gerade bei denen mit Elektromotor sollte man vor diesem Hintergrund eine Kaskoversicherung erwägen. Während eine Teilkasko bei Diebstahl den Zeitwert ersetzt, bekommt man mit einer Vollkasko den Neuwert des Fahrrades oder der gestohlenen Fahrradteile – beim hier erreichbaren Vergleich einer S-Pedelec Versicherung bis 10.000 Euro – erstattet. Auch bei einem Unfall und in anderen Situationen, etwa bei Bedienfehlern, kann sich die Vollkasko als vorteilhafter erweisen.

Auch geübte Radfahrer unterschätzen immer wieder die Kraft der Unterstützung durch den Elektroantrieb, der das der Konstruktion zugrunde liegende Fahrrad in seinem Fahrverhalten stark verändert. Schon allein die höhere Durchschnittsgeschwindigkeit – ganz egal, ob man nun mit E-Bike, Pedelec oder S-Pedelec unterwegs ist – steigert das Unfall- und damit das Verletzungs- und Schadensrisiko. Dem sollte man mit Helm, passender Kleidung und auch einer angemessenen Versicherung Rechnung tragen.

Fahrradkultur ist vor allem eine städtische Erscheinung

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Während in größeren Städten durchaus auf ein eigenes Auto verzichtet werden kann und dadurch die Rolle eines Fahrrades, auch als Lastenrad, aufgewertet wird, lässt sich im ländlichen Raum der Individualverkehr per Pkw kaum ersetzen. Zu vielfältig sind hier die Ansprüche an die Mobilität: Die Kinder regensicher transportieren, Gepäck mitnehmen, Material aus dem Baumarkt holen und anderes mehr. Wer unterwegs ist, braucht die Flexibilität und den geschützten Raum eines Autos. Und warum sollte man sich durch eine Stadt zum Bahnhof quälen, wenn man in gleicher Zeit auf der Autobahn und seinem Ziel schon näher ist?

Auf dem Land kann ein Fahrrad, auch mit elektrischem Antrieb, den eigenen Pkw nur sehr bedingt ersetzen. Der in städtischen Ökoszenen kursierende Gedanke, die Landbevölkerung könne ihre Autos am Stadtrand abstellen und zum Einkauf oder zu anderen Erledigungen mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in die City pendeln, kann nur von Leuten kommen, die in einer Stadt leben und das Landleben vielleicht von schönen Ansichtskarten kennen. Die Realität ist eine andere: Wenn Einkaufsziele in der Stadt wegen Parkraumverknappung immer schlechter zu erreichen sind, profitiert der überregionale Online Handel.

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  • Quelle: TEB | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 08.09.2021 - 14:38Uhr | Zuletzt geändert am 08.09.2021 - 15:27Uhr
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