Der Bauherr lernt am meisten

Der Bauherr lernt am meistenGörlitz, 12. Januar 2022. Von Thomas Beier. Ein richtig altes Haus, wie man sie etwa noch in den Dörfern der Region Görlitz findet, zu sanieren, das erscheint nur naiven Leuten einfach. Schon die Redewendung: "Da kannst Du doch nach und nach immer mal was machen!" bringt dem erfahrenen Häuslesanierer die Nackenhaare zum Stehen. Vor allen Dingen will man ja auch einmal fertig werden, wenigstens für eine Weile.

Abb.: Mit einer solchen Villa kann man sich leicht übernehmen und mit Eigenleistung ist da nichts zu machen. Solche Gebäude ziehen allerdings den "dark tourism", den dunklen Tourismus an, der mit dem Urbex-Trend – Urbex steht für urban exploration, die städtische Erkundung – einhergeht. Meist wird sich über Zutrittsverbote hinwegesetzt und es werden die Gefahren, die in baufälligen Gebäuden lauern, missachtet.

Symbolfoto: Herbert Aust, Pixabay License

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Ein häufiger Sanierungsfehler bei alten Häusern

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Doch der Reihe nach. Wo liegt das Problem? Wer vom Bauen keine Ahnung hat, macht Fehler oder übersieht jene, die beauftragte Bauunternehmen machen. In einer Stadt im Landkreis Görlitz schaffte es ein Bauunternehmen immerhin, ein Eigenheim so zu errichten, dass es bereits vor dem Bezug wieder abgerissen werden musste.

Sicherlich ist auf fast jedem Fachgebiet die übergroße Mehrzahl der Mitbürgerinnen und Mitbürger, der Autor eingeschlossen, nicht gerade Experte, auch nicht in Bauangelegenheiten. Das zeigt sich vor allem dann, wenn selbst Hand angelegt wird, etwa bei der Sanierung eines alten Hauses, und man nach Jahren die Quittung für Bausünden bekommt.

Ein grundlegender Fehler liegt aus meiner Sicht oft bereits im Sanierungsziel, nämlich dann, wenn der Standard eines Neubaus erreicht und damit das historische Gebäude im Grunde unsichtbar werden soll. Ist das Ziel aber falsch, sind natürlich auch die Maßnahmen auf dem Wege dorthin falsch. Kommt man dann mit der Sanierung nicht so recht voran und zeigt sich, dass manches nicht so geht wie ursprünglich gedacht, dann bewahrheitet sich ein Zitat von Mark Twain: "Nachdem wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen." Herzlichen Glückwunsch!

Feuchte Wände: Ein Drama in drei Akten

Bei alten Häusern ist im Grundmauerbereich die Vertikalsperre, die das Mauerwerk vor anstehender Erdfeuchte und Nässe schützen soll, oft defekt oder war nie vorhanden, etwa wenn – wie auch in der Oberlausitz verbreitet – ein Teil des Erdgeschosses ursprünglich als Stall genutzt wurde.


    • Erster Akt:
      Um des Problems Herr zu werden, wird dann eine Horizontalsperre eingebaut, die das Aufsteigen von Feuchtigkeit in der Wand verhindern soll.

    • Zweiter Akt:
      Dann werden die Innenwände neu verputzt und vielleicht auch noch mit Gips, den man mit einer professionellen Glättkelle aufziehen kann, schön glatt gemacht.

    • Dritter Akt:
      Schließlich wird eine Dispersionsfarbe aufgetragen oder tapeziert, um den optischen Eindruck perfekt zu machen.

Das Drama vermeiden

Was ist unter Umständen schiefgelaufen, wie kann man es bessermachen? Ist Mauerwerk über längere Zeit durchfeuchtet, bilden sich Salze. Die nehmen Feuchtigkeit aus der Luft auf, Folge: Eine Mauer kann trotz Horizontalsperre feucht bleiben. Normaler Innenputz wird hier nur beschränkt halten und auch Sanierputz ist keine wirklich langfristige Lösung. Verstärkt wird das Problem, wenn auch noch Gips aufgetragen wird und als Krönung schließlich Dispersionsfarbe, vielleicht zudem noch auf eine Raufasertapete.

Dispersionsfarben sind grundsätzlich weniger dampfdurchlässig – die Wasserdampfdurchlässigkeit von Farben beschreibt DIN EN 1962-1 – als natürliche Kalk- und Leimfarben. Der sd-Wert, das ist die der Diffusion des Wasserdampfes äquivalente Luftschichtdicke, liegt bei Dispersionsfarben ganz grob gesagt bei ungefähr einem halben Meter, bei den genannten Naturfarben jedoch bei etwa 0,02 bis 0,05 Metern – anders gesagt; Naturfarben lassen im Vergleich zu einer durchschnittlichen Dispersionsfarbe etwa 10 bis 25 mal soviel Wasserdampf diffundieren, die Wände können also deutlich besser atmen.

Und die Sache mit dem Putz? Wenn man sich an die vielleicht ursprüngliche Nutzung als Stall erinnert, wird man schnell auf das Stichwort Weißkalk kommen. Grundsätzlich geht es darum, eine möglichst dünne Putzschicht aufzuziehen oder das Mauerwerk direkt mit Weißkalk oder einem sogenannten Pinselputz zu kalken.

Tipps:
Sehr viel praktisch anwendbares Wissen über Kalkputz hat der Diplom-Mineraloge Dr. Norbert Höpfer zusammengestellt. Für Lehmuntergründe empfehlen sich Kaseinfarben, die aus Magerquark und Sumpfkalk gemischt werden. Atmungsaktive Leimfarbe kann man leicht aus Zellulose, Kreide und gegebenenfalls Farbpigmenten selbst herstellen.


Überhaupt ist Kalk die geheime Wunderwaffe der Altbausanierung: Auch im abgebundenen Zustand ist Kalkputz in der Lage, Spannungen im Mauerwerk besser ohne Rissbildung auszuhalten als etwa zementhaltiger Putz. Solche Spannungen treten vor allem bei Temperaturschwankungen in Mischmauerwerk aus Ziegeln und Feldsteinen auf. Wegen der atmungsaktiven Eigenschaften ist Kalkputz im Altbaubestand für Feuchträume prädestiniert, so wie aus dem Mauerwerk kann er große Mengen an Feuchtigkeit auch aus der Luft aufnehmen. Da hoch alkalisch hemmen Kalkputz und Kalkfarben Pilzsporen und damit die Schimmelbildung, außerdem wirken sie antibakteriell.

Resümee

Wer ein altes Haus erwirbt und sanieren möchte sollte sich im Klaren darüber sein, dass nicht jede vorgefundene Bausubstanz so saniert werden kann und sollte, dass ein Neubaueindruck entsteht. In alten Häuser zu leben – und erst recht bei Baudenkmalen – heißt, mit diesen Häusern zu leben. Leiten lassen sollte man sich weniger von dem, was andere machen, sondern viel mehr von dem, was man selbst will und was einem alten Haus gerecht wird.

Laien, die selbst Hand anlegen wollen, sollten sich einen guten Berater an die Seite holen. Die finden sich unter Architekten, Bauplanern, auf Naturbaustoffe spezialisierten Händlern und generell unter Bauunternehmen, die sich eher traditionellen Bauweisen verpflichtet fühlen. Für die Oberlausitz ist die Stiftung Umgebindehaus, die sich der Erhaltung von Umgebindehäusern und beispielsweise Schrotholzhäusern verschrieben hat, ein wichtiger Ansprechpartner.

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  • Quelle: Thomas Beier
  • Erstellt am 12.01.2022 - 08:21Uhr | Zuletzt geändert am 12.01.2022 - 09:48Uhr
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