Die Flut: Wasser und Informationen

Die Flut: Wasser und InformationenGörlitz, 16. März 2021. Von Thomas Beier. Das Wort Flut löst bei vielen Görlitzern ungute Erinnerungen aus: Vor allem die Flutwelle auf der Lausitzer Neiße vom August 2010, ausgelöst vom Bruch des Wittig-Staudamms, mit ihren sofortigen wie auch längerfristigen Auswirkungen ist noch nicht vergessen. Auch der Görlitzer Anzeiger berichtete von dieser Flutkatastrophe in Görlitz, die zudem weitere Orte entlang der Neiße betraf; Thema war unter anderem eine dramatische Pferderettung am Neißeufer.

Abb.: Nach der Flut von 2010 am Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal an der Lausitzer Neiße bei Ostritz: Die zerstörerische Kraft der Wasserfluten ist durchaus mit der Wirkung einer ungebändigten Informationsflut, die bei manchen mehr Verwirrung als Klarheit schafft, vergleichbar

Foto: © BeierMedia.de

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Informieren in der Informationsflut

Informieren in der Informationsflut

Läuft hier das Erklärvideo "Wie angle ich mir meine erste Freundin?" und nimmt die volle Aufmerksamkeit in Anspruch?

Symbolfoto: naturaddict, Pixabay License

Thema: Ratgeber

Ratgeber

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Die rassige Araberstute Marihuana bekam in der Flutwelle erst in allerletzter Sekunde wieder festen Boden unter die Hufe: Als letztes auf der Koppel verbliebenes Pferd schwamm sie schon, als sie beherzt am Zaumzeug aus dem Wasser gezogen wurde. Heute lebt die Schöne bei Tierfreunden auf einem Hof im Norden des Landkreises Görlitz und ihr größter unangenehmer Höhepunkt im Pferdeleben seit ihrem Katastrophenerlebnis war, dass ihr der Görlitzer Tierarzt Dr. Barth vor einiger Zeit einen Zahn ziehen musste. Es geht ihr gut und aktuell freut sie sich auf das frische Gras auf der Wiese.

Heutiges Thema im Ratgeber des Görlitzer Anzeigers ist jedoch eine ganz andere Flut, die vielen zu schaffen macht: Gemeint ist die Informationsflut. Sie führt dazu, dass mancher meint, ständig irgendetwas zu verpassen, während andere nicht mehr so richtig unterscheiden können, welchen Informationen noch zu treuen ist. Früher – vor 1990 – war es auch in Görlitz deutlich einfacher, sich zu informieren: Nicht nur, dass es weit weniger Informationsquellen gab und besonders in der Neißestadt die westlichen Medien schlechter als anderswo verfügbar waren – es lag auch auf der Hand, dass die linientreuen Medien des SED-Staates zwar mit dem Anspruch auftraten, die Wahrheit zu verbreiten, es aber regelmäßig nicht einmal zur Halbwahrheit reichte – im Zeitungsarchiv des Görlitzer Anzeigers, in dem die Tagespresse aus den Achtzigerjahren gesammelt ist, lassen sich die wunderbarsten Blüten entdecken.

Nachrichten- und Informationsqualität ist auch heute ein Thema, hinzu kommt die Nachrichtenauswahl: Bestimmte Themen beherrschen eine Zeit lang die Berichterstattung, bis sie von anderen abgelöst werden. Sich umfassend zu informieren scheint nicht mehr möglich; man kann nur versuchen, sich sein Bild von der Welt anhand relativ weniger, in ihrem Wahrheitsgehalt und Informationswert gesicherter Bausteine zu formen.

Gucken und hören oder doch lieber lesen?

Teil der Informationsflut ist es, dass bestimmte Meldungen und Einschätzungen immer wieder aufgegriffen und – manchmal neu verpackt – wiedergegeben werden. Solche Redundanzen darf man nicht mit Bedeutung oder gar Richtigkeit verwechseln: Ein Beispiel ist die Behauptung, das 5G-Funknetz begünstige die Corona-Pandemie oder sei gar deren Ursache. Im Erklärvideo von Harald Lesch wird das thematisiert und zugleich verdeutlicht, wie Wissenschaft funktioniert.

Der gleiche Inhalt, nur anders aufbereitet, kann auch in Textform vermittelt werden, wie der Beitrag "Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen 5G und Corona" zeigt. Jeder kann für sich selbst vergleichen, auf welchem Wege es leichter fällt, die Informationen zur Kenntnis zu nehmen . Auf jeden Fall gilt: Der Text erlaubt es besser, sich in das Thema hineinzuarbeiten, zwingt aber auch zur Aktivität, um zu lesen. Das Video zu konsumieren funktioniert dagegen quasi von allein, dafür sorgt das Aufmerksamkeitszentrum im Hirn: Da bewegt sich etwas, jemand spricht – und schon schaut man hin.

Die Natur sucht den geringsten Widerstand

Auswirkungen hat die Tatsache, dass Lesen und Schreiben informationstechnisch im Gehirn einen bewusst zu leistenden Aufwand bedeuten, ganz praktisch: Es wird immer weniger geschrieben und gelesen, der durchdachte Brief und selbst die seelenlose E-Mail ist längst weitgehend von kurzen Sprach- und Videonachrichten abgelöst. Bei Sprache und Video entfallen das Kodieren und Dekodieren von Sprache in Schriftzeichen und umgekehrt, die Anstrengung für den Sender von Informationen ist wie auch für den Empfänger geringer.

Vergleichbar ist das, um noch einmal auf den Flutbegriff zu kommen, dem Wasser: Es sucht sich – wie Informationen auch – den Weg des geringsten Widerstands. Energie einzusparen, so darf man postulieren, ist ein grundlegendes Naturprinzip.

Praktische Auswirkungen

Die Lese- und Schreibfähigkeit, von der Ausdrucksfähigkeit gar nicht zu reden, verkümmern angesichts der fortschreitenden Digitalisierung in weiten Kreisen der Gesellschaft – selbst der klassische Computer mit seiner Tastatur wird von digitalen Sprachassistenten abgelöst.

Das kann man bedauern und kritisieren, doch zu stoppen ist diese Entwicklung nicht mehr. Sicher bleiben Bereiche wie in der Wissenschaft oder etwa im Rechtswesen, wo Texte vor allem wegen ihrer Nachvollziehbarkeit nicht ersetzt werden können, dennoch: Wer unter diesen Umständen gezwungen ist, Informationen schriftlich so zu transportieren, dass sie im Hirn bestimmter Personen auch ankommen – man denke nur an Sicherheitsbelehrungen oder Bedienungsanleitungen – muss unter diesen Umständen befürchten, dass in Textform beim Rezipienten so gut wie gar nichts ankommt.

Multimediale Kommunikation

Im Grunde jedoch ist das nichts Neues: Mit der Weisheit "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" wurden schon vor über hundert Jahren allzu textlastige informationsbroschüren mit Bildern und Grafiken für das Gehirn leichter verdaulich gemacht. Heute allerdings gilt: "Ein Video sagt mehr als tausend Bilder" – oder Millionen Worte, wenn man so will.

Wer mit einer Agentur für Erklärfilme zusammenarbeitet, der erlebt, wie selbst komplexe Zusammenhänge schnell, dabei aber verständlich und – wenn gut gemacht – auch noch anregend oder unterhaltsam aufbereitet und vermittelt werden können. Hand aufs Herz: Wer schon liest Bedienungsanleitungen tatsächlich gründlich durch? Meist überfliegt man, wenn überhaupt, den Test und läuft dabei Gefahr, wirklich wichtiges zu übersehen: Wer beim neuen Hochleistungs-Mixer nicht mitbekommt, dass dieses wattstarke Gerät dennoch nur für Kurzbetrieb ausgelegt ist, lernt das eben erst dann, wenn ein übel riechendes Wölkchen aufsteigt und der Mixer auf gar nichts mehr reagiert.

"Mit Erklärvideo wäre das nicht passiert!", so der lakonische Kommentar von Marketing-Experten, die genau wissen, dass die gegenüber einem Text stärkere emotionale Komponente eines Videos auch jenen die technischen Zusammenhänge viel besser verdeutlicht, die mit Technik ansonsten aber auch gar nichts am Hut haben.

Erklärbedarf steigt

Und sie haben recht. Nicht allein durch das Do-It-Yourself-Zeitalter ist der Bedarf, etwas schnell mal erklärt zu bekommen, rasant gestiegen. Wo früher eine breite Allgemeinbildung oder notgedrungen gemachte Erfahrungen noch halfen, ist Otto Normalverbraucher heute oft ratlos. Wie aktiviere ich den Drucker im WLAN? Wie muss das neue Regal montiert oder die Waschmaschine angeschlossen werden? Wie läuft das im Schadenfall bei der Versicherung? Wie gibt man richtig Starthilfe, wenn der Akku bei Frost versagt und das Auto nicht anspringt?

Es wird deutlich: Der Erklärungsbedarf steigt nicht nur mit der Zahl erklärungsbedürftiger Produkte, sondern auch mit den Situationen, die zwar recht einfach zu lösen wären, in denen man trotzdem aber erst einmal nicht weiter weiß. Da ist es praktisch, dass solche Anleitungsvideos dank YouTube & Co. plus Smartphone immer und überall verfügbar sind.

Erklärvideos sind zudem interessant, wenn bestimmte Informationen wie etwa bei einer Arbeitsschutzbelehrung – typisch ist die Erstbelehrung von Helfern – immer wieder aufs Neue, aber unverändert und unbedingt vollständig gegeben werden müssen. Wird das in einem professionellen Video zusammengefasst, gewinnt man zudem die Aufmerksamkeit der Betrachter – bei der herkömmlichen Belehrung einer Gruppe dagegen soll schon so mancher eingeschlafen sein, in einem verbürgten Fall sogar der Vortragende selbst.

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  • Erstellt am 16.03.2021 - 07:26Uhr | Zuletzt geändert am 16.03.2021 - 08:29Uhr
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