Görlitzer Löwen im Käfig

Görlitzer Löwen im KäfigGörlitz, 17. Dezember 2021. Von Thomas Beier. Es gibt Kunst, die erschließt sich nicht sofort dem Auge des Betrachters, weil sie anspruchsvoll ist. Andererseits wird dem sich beeindruckt zeigenden Publikum nach dem Hurz!-Prinzip gar zu gern als Kunst verkauft, was doch nur Ausdruck einer vermaledeiten Kreativität ist. Aber das ist ja auch schon wieder Kunst. Jeder Rezipient bildet sich sein Urteil über ein Kunstwerk, doch definiert wird die Kunst vom Künstler – und das hat gefälligst jedermann zu respektieren!

Abb. oben: Die "Löwen" hinter Gittern – nicht zum Schutz der mehr oder eben weniger kunstsinnigen Bürgerinnen und Bürger, sondern der Tiere

Foto: © BeierMedia.de

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Einbruch der Menschen verhindert, den Ausbruch der Löwen allerdings auch

Einbruch der Menschen verhindert, den Ausbruch der Löwen allerdings auch

Die abwechslungsreiche, den Platz belebende Kunstinstallation, harmonisch eingebettet in ihr anmutiges Umfeld

Foto: © BeierMedia.de

Mit dem Respekt vor der Kunst scheint es bei einigen Görlitzern – sicher ist die Damenwelt erleichtert, wenn an dieser Stelle auf das gendergerechte "Görlitzerinnen" verzichtet wird – nicht weit her zu sein. Im Zuge der Kunstausstellung "| Görlitzer ART 2021/22",die Kunst im öffentlichen Raum erlebbar macht, wurde auf dem Lutherplatz die Installation "Löwen" aufgestellt. Jene, die gern den zeigefinger erheben, nennen das Kunstinstallation, damit auch jedem klar werde: Das ist Kunst! Siehe oben.

Die "Löwen" hat Willy Schulz gemacht. Weil mehrfach beschädigt, kam die Kunst jetzt hinter Gitter. Als Künstler hat Schulz eine Kuratorin beauftragt, nämlich Lucie Klysch fasste Gedanken in Worte, die sie äußerte: "Bereits elf Tage nach Eröffnung von Görlitzer ART verzeichnete die Kunstinstallation 'Löwen' erste grobschlächtige Beschädigungen, die mutmaßlich auf Vandalismus zurückzuführen sind. Nach vier Monaten war ein eiserner Käfig die letzte Möglichkeit, um auf die Zerstörungswut reagieren zu können. Das Kunstwerk erhält somit ein gänzlich neues Erscheinungsbild. Der Käfig ist eine Sonderanfertigung aus Amierungsgitter, welches vorwiegend für die Herstellung von Betonelementen verwendet wird. Die Analogie zur Skulptur ist kein Zufall, wählte Willy Schulz doch ganz bewusst dieses Material, um formal und inhaltlich an seinem ursprünglichen Konzept anzuknüpfen: die 'Stahlkraft' der Nachwendejahre. Die Silhouette dieser Zeit haben wir geerbt, wir, die 'Nachwendegeneration'. Wenngleich es scheint, als würde das Objekt vor weiteren Schäden geschützt werden, ist diese Maßnahme kein Schutzschild, sondern ein Symbol des Scheiterns. Dass sich ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt durch Kunst im öffentlichen Raum derart provoziert fühlt, ist nicht auf den Künstler oder das Skulpturenprojekt per se zurückzuführen, vielmehr sind es die Unmengen von gesellschaftspolitischen Schwelbränden, die kein »Löwe« je überdecken könnte. Die besondere Form des Geschichtenerzählens, die dieses Kunstwerk bietet, erlaubt einen freieren Zugang zu politisch Aufgeladenem sowie eine individuelle Lesart, die Personen unterschiedlichster Bereiche zusammenbringen kann."

Ach Gottchen, interpretieren kann man freilich alles, vor allem hinein – man darf nur nicht enttäuscht sein, wenn andere nicht begabt genug sind, das herauszulesen. Wie dem auch sei: Die "Löwen" in ihrem Kontrast zwischen der Tristesse des Betons und der zu Kitsch heruntergekommenen Figuren sind durch die Gewalt zu dem geworden, was Kunst ausmacht: Anregung zum Nachdenken über das, was sonst zu wenig Beachtung findet. Schade nur, dass die Löwentiere nun vollständig eingesperrt sind, sonst könnten sie ausbrechen und mit etwas Glück ausgerechnet die Richtigen in den Hintern beißen. Wer jetzt auf seinem Polster hin- und herrutscht, sollte sich angesprochen fühlen.

Mehr:
Das Hurz!-Prinzip, ein Mittel zur Prüfung und Schärfung des Kunstverstands

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 17.12.2021 - 09:15Uhr | Zuletzt geändert am 21.02.2022 - 20:03Uhr
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