Denkmal ohne Inschrift

Denkmal ohne InschriftFriedland im Isergebirge (Frýdlant v Čechách), 11. Januar 2021. Wer einen Blick auf die Geschichte der Stadt Friedland wirft, der blättert in der für die Region typischen slawisch-deutsch-tschechischen Geschichte. Ein Zeugnis dieser wechselvollen Geschichte ist das Denkmal für die während des Ersten Weltkrieges in Kriegsgefangenschaft verstorbenen deutschen Soldaten.

Zustand des Denkmals am 8. Januar 2021: alle Buchstaben sind weg

Foto: Stanislav Beran

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Deutsche Soldatendenkmale in Friedland im Isergebirge

Deutsche Soldatendenkmale in Friedland im Isergebirge

Feierliche Wiedereinweihung des Denkmals am 18. November 2018

Foto: Stanislav Beran

Nach seiner Sanierung war das Denkmal am 11. November 2018 feierlich wieder eingeweiht worden, doch heute, so berichtet Stanislav Beran aus Friedland, sieht es erneut aus wie 1945, als nach der Vertreibung der Deutschen die Buchstaben abgeschlagen worden waren. Grund: Die schweren Bronzebuchstaben wurden bei der Sanierung auf den Granit aufgeklebt, aber gehalten hat das nicht. Schon im November 2020 fehlte rund die Hälfte der Buchstaben.

Einen der Buchstaben, die sich gelöst hatten, brachte Stanislav Beran ins Friedländer Rathaus. Dort gab es zwar keine Auskunft, wann das Denkmal erneut in Ordnung gebracht werden soll, aber Stanislav Beran konnte dem stellvertretenden Bürgermeister Jiří Stodůlka die Frage beantworten, was die Abkürzung REK auf dem Denkmal bedeutet – im Rathaus hatte man schon zwei Jahr lang gerätselt. Beran konnte auf Anhieb helfen: REK ist das Kürzel der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener. In dieser hatten sich 1919 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Soldaten zusammengefunden. Sie sorgten sich um Kriegsopfer und um die Pflege von Soldatengräbern. Die Ortsgruppen der Reichsvereinigung halfen bei der Wiedereingliederung heimgekehrter Kriegsgefangener in die Familien und bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder einer Wohnung, außerdem wurden Angehörigen von Vermissten unterstützt, etwa bei Entschädigungsanträgen.

Die Frage, weshalb die Buchstaben bei der Sanierung 2018 nicht dauerhaft befestigt wurden, blieb unbeantwortet, doch am Geld kann es nicht gelegen haben. Auf der Rückseite des Denkmals findet sich eine Tafel mit einem Hinweis in tschechischer Sprache: "Die Renovierung des Denkmals wurde durch einen staatlichen Sonderzuschuss kofinanziert, um die Pflege von Kriegsgräbern aus dem Haushalt des Verteidigungsministeriums der Tschechischen Republik sicherzustellen. Der gewährte Zuschuss beträgt 122.669 Kronen. Termin der Erneuerung ist der Oktober 2018." Insgesamt kostete die Sanierung dieses Denkmals 208.000 Kronen, immerhin reichlich 8.000 Euro – viel Geld für einen kurzzeitigen Sanierungserfolg. Stanislav Beran sagt dazu lakonisch: "Ob für die nächste Montage der Buchstaben am Gefallenendenkmal in Friedland ein weiterer Zuschuss vom Verteidigungsministerium der Tschechischen Republik beantragt und wann das Gefallenendenkmal erneut renoviert wird, ist leider noch nicht bekannt."

Der 11. November 2018 war für die Denkmaleinweihung nicht zufällig gewählt worden. Hundert Jahre zuvor endeten die Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs nach der Waffenstillstands-Vereinbarung in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne am "elften Tag des elften Monats um elf Uhr". Nach Ausrufung der ČSR wurde der 11. November als nationaler Gedenktag – auch Waffenstillstandstag oder Tag der Veteranen genannt – eingeführt. In den Wochen vor dem Tag der Veteranen werden gegen eine Spende Mohnblumen aus Papier zum Anstecken verkauft, die von vielen Tschechen wie übrigens auch Briten und im Commonwealth getragen werden. Diese Mohnblumen sollen an die vom Blut der Weltkriegssoldaten geröteten Felder erinnern.

Als am 11. November 2020 auch in Friedland an die Opfer des Ersten Weltkrieges erinnert wurde, legten Bürgermeister Dan Ramzer und sein Stellvertreter Jiří Stodůlka als Vertreter der Stadt Friedland Blumen am Denkmal nieder. Auf der Internetseite der Stadt Friedland findet sich ein Bericht darüber. Damals fehlten schon die ersten Buchstaben, heute gibt es, wie Stanislav Beran berichtet, am Denkmal für die in der Kriegsgefangenschaft Verstorbenen keinen einzigen Buchstaben mehr.

Das Denkmal für die in der Kriegsgefangenschaft verstorbenen Soldaten hatte die Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener im Jahr 1934 zusätzlich zum 1927 enthüllten Kriegerdenkmal, wie sie nach dem Weltkrieg an vielen Orten errichtet wurden, am Eingang zum Friedländer Friedhof aufgestellt. Das Denkmal von 1927, das einen knienden Soldaten zeigt, war nach dem Einmarsch der Sowjetarmee nach dem Prager Frühling im Zuge der politischen Säuberung vollends entfernt worden und wurde samst Namenstafeln der Gefallenen ebenfalls am 18. November 2018 wieder eingeweiht. Für die beispielhafte vollständige Restaurierung dieses Denkmals wurde der Stadt Friedland vom Verteidigungsministerium der Tschechischen Republik eine Gedenkmedaille verliehen.

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  • Quelle: red / Stanislav Beran | Fotos: Stanislav Beran
  • Erstellt am 11.02.2021 - 06:14Uhr | Zuletzt geändert am 11.02.2021 - 08:12Uhr
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