Der Görlitzer und die Kunst

Görlitz, 21. Mai 2016. Am Pfingstwochenende waren künstlerische Installationen, die unter dem Titel "Görlitzer ART" in Görlitz im öffentlichen Raum gezeigt werden, beschädigt worden - und das nicht zum ersten Mal. Wulf Stibenz, der unlängst von der Sächsischen Zeitung als Medienreferent in das Görlitzer Rathaus gewechselt ist, sprach darüber mit Dr. Michael Wieler, Bürgermeister für Kultur, Bauen und Stadtentwicklung, Ordnung und Sicherheit sowie Geschäftsführer der Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH. Diese Gesellschaft hat das Ausstellungsprojekt "Görlitzer ART" koordiniert.



Wieler: "Diese Zerstörungen sind inakzeptabel!"

Herr Dr. Michael Wieler, nach gut vier Jahren Vorbereitung sind einige Kunstwerke von Görlitzer ART kurz nach ihrer Installation beschädigt worden. Vermuten Sie Dummheit oder Provokation dahinter?
Ich kann da keine Provokation entdecken. Denn die wäre ja zumindest ein extremer Weg des Diskurses über Kunst. Was ich wahrnehme ist Vandalismus, dem jeglicher Respekt vor den Menschen mangelt, welche die Werke geschaffen haben.

Kunst muss ja nicht gefallen. Aber Beschädigungen, noch dazu auf so brutale Art und Weise, sorgen auch bei vielen Görlitzern für Unmut. Rechnen Sie mit einem Imageverlust für die Stadt?

Es steht uns als Stadt nicht gut zu Gesicht, weniger über die Ausstellung und ihre Inhalte, und immer mehr über Schadensbegrenzung zu reden. Übrigens gefällt mir gerade deshalb die Diskussion sehr gut, die in diesen Tagen von Görlitzern auf facebook zu dem Thema geführt wird. Da gibt es offensichtlich – und bei aller Unterschiedlichkeit der Bewertung des Kunstprojektes an sich – ein großes Einvernehmen darüber, dass die Zerstörungen inakzeptabel sind.

Die Liste der Zerstörungen wird länger. Teilweise resultieren diese aber wohl auch aus einem falschen Gebrauch des Kunstwerks wie bei der Wolkenschaukel. Gibt es Überlegungen, besonders gefährdete Objekte vorzeitig zu entfernen?
Die Wolkenschaukel ist tatsächlich ein Sonderfall. Es gibt zunächst keinen Zweifel daran, dass ein Kind darauf schaukeln kann. Die Zerstörungen müssen durch stärkere Kräfte herbeigeführt worden sein. Und da bitte ich neben unserem Ordnungspersonal auch die Bürger um Zivilcourage: einzuschreiten oder sich an Stadtverwaltung beziehungsweise Polizei zu wenden, damit zielgerichteter dagegen vorgegangen werden kann. Jedoch funktioniert die Wolkenschaukel auch als Kunstwerk noch nicht so, wie es beabsichtigt war. Das werden die meisten Menschen, die für dieses Werk abgestimmt haben, wissen. Die Planungen haben ein anderes Bild gezeigt, als es sich nun darstellt.

Wie gehen Sie damit um?

Wir sind mit der Kunstakademie in Breslau, welche die künstlerische Verantwortung übernommen hat, dazu im Gespräch. Die Wolkenschaukel gehört ja zu den drei Arbeiten der noch unerfahreneren Studenten der Akademie. Hier muss man auch zugestehen, das noch Erfahrungen gesammelt werden müssen. Die Werke der schon langjährig aktiven Künstler begeistern mich gerade auch deshalb, weil die künstlerische Wirkung an den vorgesehenen Orten so gut im Kopf und in der Werkstatt eingeschätzt werden konnte.

Welche Diskussion über die Kunstwerke im öffentlichen Raum würden Sie sich denn mehr wünschen, als das Gespräch über Beschädigungen?
Gerade die Beschädigungen verweisen auf das Grundsätzliche: Kunst ist immer das Ungewohnte, Neue, Unbekannte. Das verunsichert. Aber diese Verunsicherung kann sich leider auch destruktiv zeigen, wie etwa in Beschädigungen. Das Ungewohnte, Neue, Unbekannte ist aber das, was uns als ständige Herausforderung im Leben begegnet. Wer in der Lage ist, mit Neuem und Unvorhergesehenem konstruktiv, flexibel und kreativ umzugehen wird einen guten Weg durchs Leben finden. Antworten auf neue Herausforderungen zu finden ist schlichtweg Lebenskompetenz. Kunst ist da ein ungefährlicher und zugleich spannender Prüfstein. Kunst behauptet auch nicht Recht zu haben, weil sie Kunst ist, sondern sie bietet dem Menschen eine Gelegenheit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wer dagegen immer schon weiß, was gut und richtig ist, kann leicht am Leben und den eigenen Erwartungen scheitern, weil das Leben keine Rücksicht auf vorgefasste Meinungen nimmt und uns ständig vor neue Herausforderungen stellt. Ich bin der Überzeugung, dass Menschen in unserer Stadt mehr Lebenskompetenz benötigen. Deshalb gehört die Kunst auch in den öffentlichen Raum, in dem wir uns alle treffen.

Auch bei den Touristik-Anbietern sind viele positive Reaktionen auf die temporäre Kunst von Görlitzer ART eingegangen. Aber würden Sie angesichts der Taten nochmal ein Kunstprojekt in diesem Umfang starten?

Wir sollten das zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten. Aber auf Ihre Frage: Ja, unbedingt, immer wieder. Der öffentliche Raum ist der Spiegel der Stadtgesellschaft. Und die wünsche ich mir offen, kreativ und mutig.


Kommentar:

Da macht der Kulturbürgermeister als primus inter pares seinen Mitbürgern vor, was Not tut: Stellung beziehen. Den Mund aufmachen kann schließlich jeder, das kost' nix und tut nicht weh.

Kunst muss nicht gefallen und Auffassungen über Kunst können höchst divergieren. In Gesprächen mit Künstlern, die in der Zweiten Republik - das war die westdeutsche - geprägt worden sind, zeigt sich mir immer wieder ein erweiterter Kunstbegriff gegenüber dem, der in der "DDR" vermittelt wurde - ein Kunstbegriff, der vergegenständlichte Kreativität im weitesten Sinne einschließt.

Und das ist der Punkt: Wer heute moderner Kunst begegnet, sollte nicht deren Gefälligkeit bewerten oder hinterfragen, was der Künstler aussagen will, sondern vielmehr danach fragen, was sie in ihm auslöst. Wer Unbekanntes nur ablehnt, kann nichts hinzugewinnen und stagniert. Aber dazu hat Dr. Wieler klare Worte gefunden.

Bleiben Sie offen,

rät Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier
  • Zuletzt geändert am 21.05.2016 - 09:02 Uhr
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