Bonehaus Görlitz: Der Künstler, die Stadt und die Träume

Bonehaus Görlitz: Der Künstler, die Stadt und die TräumeGörlitz, 21. April 2016. Von Thomas Beier. Träumer - welch schönes Wort, das jedoch gar zu gern gebraucht wird, um Leute der Realitätsferne zu bezichtigen, der Ferne zu jener kleinen Welt, die sich so mancher in seinem Kopf zurechtgezimmert hat. Während die einen sich in ihrer kleinen Welt wohl und sicher fühlen, suchen andere die Grenzen des Denkens immer wieder zu erweitern und scheinbar feststehende Regeln zu hinterfragen. Immerhin: Die Galerie Silberstein im Herzen der Freien Republik Schwarzenberg beherbergt das "Archiv der verlorenen Träume", das von nie realisierten Träumen berichtet, vom für kurze Zeit wahr gewordenen Traum einer freien basisdemokratischen Gesellschaft bis hin zum Traum von einem glücklichen Leben - allesamt gescheitert an Ignoranz, Zweifeln, Ängstlichkeit oder Gewalt, aber auch an schlichter Dummheit und Mitläufertum. Auch Görlitz hat seine Träumer.
Abbildung: © Daniel Arnold, Görlitz

Rettungsfilm zum Bonehaus nun auch in englischer Fassung

Ein solcher Träumer ist der Görlitzer Dichter Steeven Fabian Bonig (kurz: Bone), Teil der Gesellschaft und doch fähig, von der Metaebene darauf zu schauen und eine historische Einordnung vorzunehmen dessen, was da geht. Das von ihm geschaffene Künstlerhaus, eine künstlerische Installation als die Zeiten übergreifendes Spiegelbild der scheinbaren Realität und Treffpunkt der Kunst- und Kulturszene in Görlitz, droht verloren zu gehen. Die Gegenwehr reicht von engagiert bis hilflos und - von realistisch bis verträumt, wie auch anders. Große Hoffnungen ruhen aktuell auf der kulturaffinen Spitze der Görlitzer Stadtverwaltung, die sich in die Entwicklungen um das gern "Bonehaus" genannte Haus des Dichters als Ansprechpartner einbringt.

Die vom Eigentümer vorgenommene Schließung des Bonehauses wird von vielen Görlitzern als Skandal empfunden. Nicht zuletzt hatte ein "Rettungsfilm" ("DAS BONEHAUS - Der Versuch einer Rettung") des Görlitzer Filmemachers Daniel Arnold viele Bürger wachgerüttelt. Weil die Kunde vom möglichen Verlust des Bonehauses und die Frage nach dem Schicksal des Dichters auch international Kreise zieht, ist seit gestern eine englischsprachige Fassung des Films verfügbar.

Die Görlitzer Künstlerin und Kulturmanagerin Danielle Höfler reflektiert auf ihrer Webseite Phase Drei über Bone und das Bonehaus. Der Görlitzer Anzeiger gibt den Text mit freundlicher Genehmigung nachstehend gern wieder.

Wir sind Bone

Von Danielle Höfler. Träumer... ohne sie ist eine Stadt sehr kalt, und sehr grau…

Träumer wie Ludwig Kunz, der mit nichts als einem Traum und der Liebe zur Literatur im Jahr 1923 eine Künstlergruppe und eine bemerkenswerte Publikation ins Leben rief, die Lebenden und ihre Flugblätter. Was wurde er geschmäht und verlacht, geriet in die Pleite... ein gut situierter Bürger würde wohl von mangelndem Fundament reden... und schließlich von den Nazis ins Exil vertrieben. Wo er, der unverbesserliche Träumer, gleich das nächste Projekt in Angriff nahm, für das er den Staatspreis der Niederlande erhalten hat. Nachdem es pleite gegangen war. In Görlitz ist er eine vergessene Episode. Ein Träumer ohne Fundament. Das Museum of Modern Art in New York sieht das anders. Dort ist sein Görlitzer Werk Bestandteil der Sammlung Deutscher Expressionismus.

Träumer wie sein geistiger Erbe, Fabian "Bone" Bonig, der sich von manchen Bürgern dieser Stadt als Spinner, als fehlgeleiteter Irrer, als Kranker bezeichnen oder bemitleiden lassen muss... und gleichzeitig auf der ganzen Welt von Künstlern und Kunsthistorikern gefeiert wird. Angefangen von Professor Roland Günter, dem ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Werkbund, der ihm und seinem Werk ein ganzes Kapitel in seinem Buch über Denkmalschutz widmete, über Dr. Paul Caffrey, Professor an der NCAD, der Akademie der Künste in Dublin und namhafter Kurator, der in dem Haus und der Installation ein einmaliges Zeugnis greifbarer Baugeschichte sah, von Christopher Doyle, dem Kameragenie und Gewinner mehrerer goldener Palmen und goldener Löwen, der im Haus seine „Gute Geschichte“ drehte – und verbot, auch nur das kleinste Stück der Installation zu verändern oder von Lily Yeh, deren Organisation Barefoot Artists dem NGO DPI Board der Vereinten Nationen angehört, die vielleicht das sensibelste Zeugnis über das Werk Bonigs abgelegt hat: "In dem Bone sein Haus öffnet, macht er sich verletzlich, und wir anderen können dort in unserem Gebrochensein, in unserer Verletzlichkeit ankommen und gesehen werden."
Da ist Youyou Yang, deren mittlerweile preisgekröntes Werk „Working for Wes Anderson“ zu großen Teilen in dem Haus am Obermarkt entstand, und die meinte: "Wir Künstler werden deswegen als Gefahr gesehen, weil wir selbst nicht wissen, wie ein Projekt am Ende aussehen wird. Wir fürchten uns nicht vor Ungewissheit. Ungewissheit ist jedoch das, was von etablierten Bürgern und Entscheidern am meisten gefürchtet wird." Künstler wie Lucien Zell aus Prag, für den das Haus ein Feenpalast ist, der ihn zu seinem neuesten Roman inspiriert hat, oder Plinio Villagrán, dem jungen, preisgekrönten Maler aus Mexico, für den Haus und Installation ein Herzstück europäischer Kultur darstellte. Sie alle, und noch so viele mehr, haben in diesem Werk ohne pekuniäre Substanz geistige Nahrung und Inspiration gefunden. Die Substanz kommt nicht aus dem was man im Fernsehen sehen kann oder was Börsenkurse bestimmt. Sie kommt aus dem Geist, dem zeitlosen Geist der dichterischen Sprache, der visionären Bilder und der Musik. Es ist vielleicht ein Trost zu wissen, das keine Gier, keine Rohheit und keine Blindheit dieser Welt diesen Geist jemals zerstören wird.

Und doch, er hat in dieser Stadt einen empfindlichen Schlag erhalten. Freiräume sind nicht selbstverständlich. Freiräume wie das Haus an der Verrätergasse, in dem so viele junge und weniger junge Görlitzer Künstler ihre ersten, unsicheren Schritte gingen, bestärkt und aufgegangen wurden, in dem sie sich ausprobieren konnten, bevor sie Stücke ihrer Seele in die Welt tragen, um sie ein Stück bunter, offener, und ja auch glücklicher zu machen. Gedanken in Worten, in Klängen oder in Bildern, mit denen sie nun in die Arena treten, mit dem Mut zur Verletzlichkeit. Wir wissen nicht wer von ihnen den Sprung in die Kunst- oder Musikgeschichte schaffen wird, ich weiß aber ganz sicher, dass ohne sie, ohne ihr Werk, ohne ihre Seele die Welt ein ganzes Stück ärmer wird.

Theodor Roosevelt sagte es so treffend: "It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming; but who does actually strive to do the deeds; who knows great enthusiasms, the great devotions; who spends himself in a worthy cause; who at the best knows in the end the triumph of high achievement, and who at the worst, if he fails, at least fails while daring greatly, so that his place shall never be with those cold and timid souls who neither know victory nor defeat."

Fabian „Bone“ Bonig ist in die Arena getreten, und hat sich verletzlich gemacht wie nur wenige vor ihm, denn er hat sein Leben als Kunstwerk für den Betrachter, für seine Gäste, für "seine" Künstler zur Verfügung gestellt. Seine Seelenstücke trägt er nicht in die Welt, er lädt die Welt in seine Seele ein. Und diesem Mut werden die, die ihn nun klein machen und sein Werk zerstören wollen niemals haben. Sie gehen kein Wagnis ein, sie bauen nichts auf, sie lassen sich nicht auf Unsicherheiten ein, und sie folgen nicht den Spuren des fordernden, kreativen Geistes.

Natürlich ist weder der Künstler noch sein Werk über Kritik erhaben. Er ist sperrig, schwierig, wenig greifbar, stur... aber genau das macht ihn einzigartig, und genau das war es, was dieses Werk am Obermarkt möglich gemacht hat. So wie es ist, und so wie es fällt. Genau deswegen ist er, bin ich, sind wir alle die seinen Spuren auf unsicheren Schritten folgen, strauchelnd, einsteckend, wieder aufstehend: Bone.

Mehr wissen über die Entwicklungen rund um das Bonehaus:
16.04.2016: Gefahr für's Bonehaus: Kunst und Künstler fliegen raus!
15.04.2016: Bonehaus: Künstler sind verzweifelt

Die englischsprachige Fassung des Rettungsfilms für das Bonehaus in Görlitz:

THE BONEHAUS - The Attempt Of A Rescure (GER, 2016) A film by Daniel Arnold.

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Arbeitsplatzabbau in der Region

Von Manfred Bähr am 21.04.2016 - 22:23Uhr
Künstler müssen ihre Galerie räumen und fliegen raus. Das ist bedauerlich.

Was ist aber mit denen, die bei Bombardier rausfliegen? Sie haben kaum eine Lobby, denn der Arbeitsplatzabbau in der Region scheint kein Thema zu sein. Nachdem Presse, Stadtverwaltung und Stadträte für eine Willkommenskultur gesorgt haben, sind mir die Aktivitäten für den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu bescheiden.

Wie wollen wir die jungen Männer in Arbeit bringen, wenn in vielen Bereichen Stellen abgebaut werden? Was nützen uns Lichterketten auf der Berliner Straße, wenn bei Bombardier teilweise die Lichter ausgehen? So schaffen wir das nicht!

Die Verantwortlichen für unsere Region sollten sich endlich ins Zeug legen und Ergebnisse präsentieren.

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  • Quelle: homas Beier | Danielle Höfler | Abbildung: © Daniel Arnold
  • Zuletzt geändert am 21.04.2016 - 07:46 Uhr
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