Was Corona mit unserer Gesundheit macht

Was Corona mit unserer Gesundheit machtGörlitz, 22. August 2020. Von Thomas Beier. Die mit einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 einhergehenden Risiken werden auch in den Landkreisen Bautzen und Görlitz in der Bevölkerung sehr unterschiedlich bewertet. Fakt ist: Eine stark ausufernde Pandemie ist noch nicht ausgeschlossen, ernsthafte Folgeschäden und selbst der Tod an Covid-19 kann auch Jüngere treffen. Doch das Coronavirus hat noch ganz andere Wirkungen im Gesundheitssystem.

Foto: Elchinator (Bild beschnitten), Pixabay License

Anzeige

Fehlentwicklung: den Arzt meiden und nur Symptome bekämpfen

Schon während des Lockdowns wurde bekannt, dass weniger Menschen mit medizinischen Beschwerden einen Arzt aufsuchten, offenbar aus Angst vor einer Corona-Infektion. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sah sich sogar veranlasst, chronisch oder akut Erkrankte regelrecht zum Arztbesuch aufzurufen.

Womöglich fördert die wachsende Distanz zum Haus- oder Facharzt den Trend zur Selbstdiagnose und Selbstmedikamentation. Beides ist bedenklich: Wer auf Selbstdiagnose setzt, informiert sich häufig im Internet – und trifft dort häufig auf unvollständige Informationen, die zudem ohne Hintergrundwissen schnell zu Fehleinschätzungen führen. Auch Scharlatane und Leute, die lediglich irgendwelche angeblichen Wundermittel in Geld verwandeln möchten, tummeln sich in der weitgehenden Anonymität des Webs zuhauf.

Oft genug geht es den Hilfesuchenden nur darum, belastende Symptome möglichst rasch abzuschalten und nicht etwa darum, die Ursachen zu diagnostizieren und zu behandeln beziehungsweise abstellen zu lassen. Wie anders soll man es interpretieren, dass die Nachfrage nach Schmerzmitteln im März 2020 gegenüber dem Vorjahresmonat um satte 269 Prozent angestiegen ist (Quelle: Carolin Gulz im idealo Magazin am 28. Juli 2020)?

Viele Medikamente deutlich teurer

Zugleich dokumentiert Gulz in der genannten Quelle einen rasanten Anstieg der Preise*) von freiverkäuflichen Medikamenten während des Corona-Lockdowns – einen Preisanstieg der offenbar nicht mehr auf sein Ausgangsniveau zurückfindet. So waren im März 2020 diese Medikamente gegenüber März 2019 um 15 Prozent teurer, drei Monate später betrug die Teuerung immerhin noch deutliche neun Prozent zum Vorjahresmonat.

Sind bereits die Durchschnittwerte der Preissteigerungen erschreckend, so trifft es einzelne, häufig nachgefragte Präparate umso drastischer.


So stiegen die Preise*)


    • für Antiallergika um 46 Prozent,
    • für Erkältungsmittel um 40 Prozent und
    • für Magen-Darm-Medikamente um 32 Prozent.

Obgleich viele Menschen den Lockdown als besonders stressig und belastend empfunden haben, blieb der Durchschnittspreis für Beruhigungs- und Schlafmittel hingegen fast unverändert.

Was zu erwarten ist

Über zu erwartende Entwicklungen im Gesundheitssystem nachzudenken, kommt stellenweise dem Blick in die Glaskugel gleich, zu kompliziert ist die Gemengelage aus unterschiedlichen Interessen und Anforderungen. Deshalb scheint es vernünftiger, über wünschenswerte Entwicklungen nachzudenken, die von der Corona-Pandemie und den Vorsorgemaßnahmen dagegen vorangebracht werden könnten.

Vier Entwicklungen scheinen naheliegend zu sein:

Erstens muss der Gedanke weiter gestärkt werden, mehr Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Konkret geht es hier um die Wohlstandskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leberschäden oder Diabetes Typ 2 mit allen Folgen, denen mit bewusster Ernährung und Bewegung in vielen Fällen gut vorgebeugt werden kann. Dabei genügt es nicht, einen gesunden Lebensstil anzumahnen, sondern es muss durch Wissensvermittlung und Anreize noch besser dazu motiviert werden.

Zweitens muss sich das Arzt-Patienten-Verhältnis weiterentwickeln: Der Patient ist im Verhältnis zum Arzt nicht mehr der Duldende, wie die Übersetzung des lateinischen Wortes Patient suggeriert, sondern der Arzt wird zum Partner des informierten Patienten. Viele Patienten machen sich vor einem Arztbesuch im Internet über ihre Beschwerden schlau, aber noch oft genug werden ihre sich daraus ergebenden Hinweise und Fragen – seien sie nun laienhaft oder qualifiziert – von Medizinern abgeblockt, die bereits auf das Stichwort “Internet” allergisch reagieren, was eine gewisse Arztverdrossenheit befördert.

Drittens kann das Gesundheitssystem entlastet werden, wenn bei Bagatellen tatsächlich weniger zum Arzt gegangen wird. Während das in anderen europäischen Ländern wie etwa in Dänemark durch teils extrem lange Wartezeiten erzwungen wird, suchen mehr als ein Drittel der Deutschen mindestens sechsmal pro Jahr einen Arzt auf (Quelle: Versichertenbefragung 2018 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung). Freilich muss bei sinkenden Patientenzahlen auch das Vergütungssystem der Ärzte angepasst werden, denn unter den heutigen Bedingungen erscheint es manchem vorteilhaft, wenn das Wartezimmer voll ist und die Präsenzzeit des Arztes beim einzelnen Patienten möglichst kurz gehalten werden kann.

Viertens schließlich muss sich eine Kultur der höheren Wertschätzung von Gesundheit entwickeln. Vorbilder können etwa Asien sein, wo es in der allgemeinen Auffassung als sozial nicht korrekt empfunden wird, wenn jemand in bestimmten Situationen keine Mund-Nase-Abdeckung trägt, oder die USA, wo es in öffentlichen Innenräumen zur Etikette gehört, sich beim dichten Vorbeigehen an anderen Personen mit einem “Excuse me!” zu entschuldigen. Vorsorge gegen eine Coronainfektion ist schließlich zugleich Vorsorge gegen andere Infektionskrankheiten.

Ausblick

Ob sich ein besseres Gesundheitsbewusstsein in der Gesellschaft generell verankern lässt, bleibt fraglich. Schon jetzt wird gegen die vorsorglichen Anti-Pandemie-Maßnahmen demonstriert, sogenannte Corona-Leugner lassen sich instrumentalisieren und selbst einfache Hygienemaßnahmen stoßen auf Ablehnung. Jedoch trifft das alte Sprichwort "Jeder ist seines Glückes Schmied" auch auf die eigene Gesundheit zu, man kann dafür tatsächlich viel tun. Nur ist es im Fall Corona so, dass allzu sorglose Mitmenschen andere gefährden.

Aber so ist es: Viele Menschen sind nicht befähigt, langfristige Zusammenhänge zu begreifen, sonst gäbe es beispielsweise keine Raucher. Jeder Raucher weiß, dass er zwangsläufig an einem Bronchialkarzinom regelrecht verrecken wird – wenn er nicht das Glück hat, vorher an etwas anderem zu sterben.

*) Datenbasis sind Preise, die vom Preisvergleichsportal idealo erhoben wurden.

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Elchinator, Pixabay License
  • Erstellt am 22.08.2020 - 11:30Uhr | Zuletzt geändert am 22.08.2020 - 12:24Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige