Plumper Abriss oder doch lieber Mieten runter?
Görlitz, 19. November 2007. Die schnelle Industrialisierung im Görlitz des 19. Jahrhunderts legte die Wurzeln für das Gründerzeitviertel. Die reich mit Verzierungen versehenen Häuser wurden zum großen Teil in der Zeit um 1900 erbaut. Heute zeigt das Gründerzeitviertel ein durchwachsenes Bild. Auch in fast vollständig sanierten Straßenzügen finden sich immer wieder einzelne Gebäude, die seit Jahrzehnten vor sich hin dämmern. Die ruinengleichen Häuser verschwinden - dank staatlich gefördertem Abriss - nach und nach aus dem Stadtbild. Neue Sichtachsen verändern den Charakter der Stadt.
Für eine lebendige Stadt, wider den monotonen Plattenbau
Die schnelle Industrialisierung im Görlitz des 19. Jahrhunderts legte die Wurzeln für das Gründerzeitviertel. Die reich mit Verzierungen versehenen Häuser wurden zum großen Teil in der Zeit um 1900 erbaut.
Heute zeigt das Gründerzeitviertel ein durchwachsenes Bild. Auch in fast vollständig sanierten Straßenzügen finden sich immer wieder einzelne Gebäude, die seit Jahrzehnten vor sich hin dämmern. Die ruinengleichen Häuser verschwinden - dank staatlich gefördertem Abriss - nach und nach aus dem Stadtbild. Neue Sichtachsen verändern den Charakter der Stadt.
Seit der Wende hat Görlitz etwa ein Viertel seiner Bewohner verloren. Dieser Bevölkerungsschwund wird erst in jüngster Zeit durch Zuzüge, vor allem von Rentnern, gestoppt.
Trotz Sanierung, Abriss und Zuwanderung bleiben zu viele Wohnungen noch immer leer: In der Innenstadt waren Anfang 2007 rund 10.000 von 34.000 Wohnungen nicht vermietet, wobei der Anteil von 3.000 unvermieteten sanierten Wohnungen hoch erscheint.
Die Probleme betreffen das Gründerzeitviertel nicht allein. Auch in den Plattenbauten der Satellitenstadt Königshufen, einem ehemaligen sogenannten Neubaugebiet, werden bis zum Jahr 2015 nur noch 40 Prozent der Wohnungen gebraucht.
Eine einfach Lösung wäre es, die Plattenbau-Insassen in die Innenstadt, beispielsweise das Gründerzeitviertel, umzusiedeln. Aus Königshufen könnte auf diese Weise ein tatsächlich blühender Landstrich werden. Doch ohne den Wirt geht die Rechnung nicht auf: So mancher hat sich eingelebt in der Platte und scheut die Veränderung. Ergo bleiben Plattenbauten stehen und in der Innenstadt wird gut erhaltene Substanz vernichtet.
Neben allen Argumenten pro und kontra Plattenbausiedlung sollten vor allem soziale Aspekte gewürdigt werden. Die Monotonie des Plattenbaus, die standardisierte Infrastruktur und die fehlende kulturelle Vielfalt bilden ein dröges Wohnumfeld, das als Highlight des Tages das abendliche Fernsehprogramm eines Privatsenders nahelegt. Ist das nun passives Zeit totschlagen oder bereits aktive Verblödung? Freilich, nicht jeder, der TV glotzt, verblödet gleich - viel schlauer wird er allerdings auch nicht.
Da bietet eine gewachsene Innenstadt mehr. Gleich vor der Haustür beginnt die Kultur, eine umständliche Verkehrsanbindung ist nicht nötig. Kino, Kneipen und Theater meist per pedes erreichbar, man sieht und trifft sich auf kurzem Wege. Das soziale Umfeld erlebt mehr Fluktuation, Abwechslung inklusive.
Trotz hohem Leerstands sind die Mietpreise weiterhin auf hohem Niveau und damit für viele unerschwinglich. Der Plattenbau präsentiert sich deshalb als echte Komfort- und Preisalternative unter dem Motto „warm-sicher-trocken“ - aber möglicherweise verbunden mit dem Verzicht auf ein ganzes Stück Lebensqualität.
Wie wäre es mit „Mieten runter!“ anstelle „Abrissbirne“? Eigenleistung für die Wohnung und damit Substanzerhalt im Gegenzug für eine Billigmiete wäre für viele Menschen eine echte Alternative und auch für den Vermieter nicht ohne Reiz. Wer finanziert schon gern Leerstand?
Nur wer die richtigen Fragen stellt wird auch die richtigen Antworten finden: Was könnte das Leben in der (Innen)Stadt noch attraktiver machen? Braucht Görlitz einen besseren Nahverkehr? Sind mehr oder andere Kulturangebote gefragt? Welche Handelsstrukturen fehlen?
Ich freue mich auf Ihren Kommentar.
Beatrice Heinz
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- Quelle: /Beatrice Heinz | Fotos: /Anna Meusel
- Erstellt am 19.11.2007 - 15:11Uhr | Zuletzt geändert am 20.09.2020 - 12:37Uhr
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