Motor Görlitz startet am Berzdorfer See ins Jahr

Motor Görlitz startet am Berzdorfer See ins JahrGörlitz, 23. Januar 2023. Wer die deutsche Sprache liebt, liebt auch die Abwechslung: Da hat man seine Freude, wenn statt zu einem Neujahrsempfang zu einem Neujahrstrunk eingeladen wird. Dass es beim Trunk nicht allein ums Trinken geht, das erschließt sich aus der Tatsache, dass auf einem Empfang gewöhnlich auch nicht die Empfängnis dass einzige Thema ist. Jedenfalls hat man sich bei der Stadtbewegung Motor Görlitz einiges ausgedacht, um das Neujahrstrunk genannte Jahresanfangstreffen zum Erlebnis werden zu lassen.

Abb.: Der Görlitzer Bürgermeister Benedikt M. Hummel (li.) mit Motor-Sprecher Axel Krüger

Foto: Paul Glaser

Anzeige

Wie lange wollen wir noch auf simple Infrastruktur warten?

Thema: Parteien, politische Akteure und Wähler

Parteien, politische Akteure und Wähler

Demokratie lebt von Akteuren, die substantiell zu Meinungsvielfalt beitragen, konsensfähig sind und so handeln, dass möglichst viele einbezogen werden und ein allgemein anerkannter Nutzen für die Gesellschaft entsteht, der über das oft genannte "Zeichen setzen" hinausgeht.

Ausgeguckt für den Neujahrstrunk 2023 hatte sich die Motor Görlitz den späten Vormittag des 21. Januars: 11 Uhr ist eine gute Zeit; man ist halbwegs ausgeschlafen und hat noch den Großteil des Tages vor sich. Welch symbolkräftiges Datum und Gleichnis für das Jahr, das gerade erst begonnen hat!

Zum Versammlungsort, der Strandbar am Berzdorfer See, waren 50 fröhliche Menschen geeilt. Für so manchen wurde es zum Schlüsselerlebnis, das Seeflair bei Flockenwirbel zu erleben. Gab es die Idee zum Skilanglauf-Wettbewerb rund um den See?

Motor-Sprecher Krüger sieht positive Zeitenwende für Görlitz

Jedenfalls: Nachdem mit Glühwein auf ein gutes Jahr 2023 angestoßen, das Klappern der Tassen verklungen und wohlige Wärme im Magenbereich eingezogen war, machte Motor-Sprecher Axel Krüger ernst und komplementierte die Gäste zu einer kleinen Gesprächsrunde ins wettergeschützte Zelt.

Krüger hat mit seiner geschulten Nase auch den richtigen Riecher für die Zeichen der Zeit. Während auf abstrakten Ebenen von Zeitenwende und Doppelrummserei nur geredet wird, geht es vor Ort zur Sache. Das ist der Hintergrund dafür, dass Krüger in Görlitz eine positive Zeitenwende angebrochen sieht: "Durch die Ansiedlung von Forschungszentren werden wir neue Menschen anziehen. Dafür ist der Freizeitwert der Stadt mit dem Berzdorfer See als Herzstück elementar." Das ist eine Abkehr von eher traditionellem Wirtschaften, bei dem es etwa darum geht, Menschen neu anzuziehen – nein, hochwertige Arbeitsplätze und Freizeitangebote machen eine Stadt-Land-Region für Großstadtmüde und erwachende Landeier, bei denen es in der Schale knackt, richtig attraktiv.

Bürgermeister Hummel über den längeren Hebel

Für den Görlitzer Bürgermeister Benedikt M. Hummel, zuständig unter anderem für Bau und Kultur, steht der Berzdorfer See zur Freude von Motor Görlitz weit oben auf der Agenda. Nur zwei Tage nach seinem Amtsantritt im August hatte sich Bürgermeister Hummel mit Unternehmern und Sportlern im Hafen-Café getroffen und kennt daher die Begehrlichkeiten der Interessengruppen am See.

Hummel kann die Ungeduld bezüglich der weiteren Entwicklung des Berzdorfer Sees nachvollziehen, will aber keine falschen Hoffnungen machen: Görlitz habe viele Dinge nicht selbst in der Hand, weil die LMBV, Freistaat und Landkreis am längeren Hebel sitzen. Hummel verwies darauf, dass – ein positiver und wichtiger Schritt – die Strandpromenade nach langen Debatten gewidmet wurde. Damit könne man Bebauungspläne aufstellen und loslegen. Das sei vor allem für die Grundstückseigentümer in Deutsch Ossig wichtig, aber auch für die Stadt.

Dennoch seien, so Hummel, nicht alle Wünsche umsetzbar. Einer davon, nämlich Straße und Strandpromenade zu trennen und einen großen Parkplatz in Richtung Bahndamm zu bauen, scheitert zum Beispiel an den Biotopen, die sich mittlerweile gebildet haben. "Diese Biotope müssten wir umsiedeln. Das kann durchaus zehn Jahre dauern", verdeutlichte Bürgermeister Hummel.

Lösungsansatz soll in Förderantrag

Deshalb solle die jetzige Strandpromenade verbreitert werden, um Anfahrt, Parken und Flanieren baulich zu trennen. "Dafür wollen wir einen Projektantrag über das Programm GRW-Infra stellen", kündigte der Bürgermeister an. In diesen Förderantrag soll möglichst viel hineingepackt werden, um das Gelände vom Parkplatz bis Deutsch Ossig zu entwickeln. Auch die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung am Nordoststrand sollen in das Paket. Mit der bitteren Folge, dass es weitere Jahre kein fließend Wasser am Nordoststrand gibt.

Wirtschaft fordert Sofortmaßnahmen

Genau diese lange Frist möchte René Freigang von der Strandbar verhindern: "In der Saison müssen wir täglich hundert Liter Wasser schleppen. Ich hoffe, dass es zumindest eine provisorische Lösung gibt, bis es zum großen Bau kommt." Außerdem würde sich Freigang freuen, wenn es auch in der nächsten Saison Toilettencontainer gibt. Das sei wichtig für die tausenden Badegäste am Nordoststrand erholen. Bislang wurden die WCs von der Stadt Görlitz gestellt. Aktuell heißt es aus dem Rathaus: Machen wir nicht mehr. Das Problem nimmt Bürgermeister Hummel mit in die Dienstberatungen, ebenso wie die Thematik Wasser und Abwasser.

Wellen essen Strand auf

Wer wie René Freigang regelmäßig am Nordoststrand ist, beobachtet ein ernstes Problem: Der Wellengang frisst den Strand. Freigang fürchtet, dass ohne sofortige Gegenmaßnahmen der Abschnitt Ende nächsten Jahres gesperrt werden muss, weil das Wasser dann bis an die Promenade reicht. Genau hier befinde sich Görlitz im Dilemma, so Bürgermeister Hummel: "Wir sind von der LMBV abhängig, die einen Planungshorizont von zehn bis zwölf Jahren hat. Das Problem ist seit Jahren bekannt, aber es tut sich nichts." Um das Schlimmste zu verhindern, soll als Zwischenlösung Strand aufgeschüttet werden.

Sportler wollen mehr Leben auf dem See

Zu den aktivsten Nutzern des Berzdorfer Sees gehören die Wassersportler. Stellvertretend für sie berichtet Manfred Dahms, Aktivposten am Segelstützpunkt Blaue Lagune: "Wir bringen Leben und attraktive Bilder auf den See. Uns zeichnet die internationale Zusammenarbeit mit Sportfreunden aus Polen und Tschechien aus. Dazu gehört auch das internationale Jugendsegelcamp, das im August 2023 wieder stattfindet."

Für dieses trinationale Treffen hatte Motor Görlitz Spenden gesammelt. Beim jüngsten Kochevent "17 Tage – 17 Essen" auf dem Schlesischen Christkindelmarkt zu Görlitz und bei der Versteigerung des Görlitzer Christbaumes kamen 1.065 Euro zusammen, die Axel Krüger an Manfred Dahms übergab.

Stark eingeschränkte Seenutzung

Dahms und Krüger hoffen, dass es bei der Schiffbarkeitserklärung noch zu Kompromissen kommt. Diese Erklärung regelt, was auf dem See erlaubt ist und was nicht. Aktuell ist die Seenutzung zu rund 80 Prozent eingeschränkt: Außerhalb der Saison ist der See tabu. In der Saison darf er nur zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang befahren werden. Große Teile der Wasserfläche sind ohnehin dauerhaft gesperrt.

Dahms hat kaum Hoffnung, dass die zuständigen Behörden daran etwas ändern. So bleibe es wohl ein frommer Wunsch, dass Kiter wieder auf den See dürfen: "Es gibt bestimmt Stellen, wo sie ihren Sport treiben können, ohne dass die Energieversorgung gefährdet wird." Realistischer ist für Dahms die Hoffnung auf weitere Liegeplätze am Hafen. Dazu gibt es Gespräche mit der Görlitzer Stadtverwaltung und dem Hafenbetreiber, der KommWohnen Dienste GmbH.

Stadtratsfraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne will Wasser jetzt

Mit warmgelaufenem Motor startet die Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne ins Stadtratsjahr 2023. Fraktionsvorsitzender Mike Altmann verspricht, "penetrant an den Seethemen dranzubleiben". Er wünsche sich eine stabile Struktur, die den See entwickelt, mit festen Ansprechpartnern für Leute, die am See aktiv sind und nimmt Oberbürgermeister Octavian Ursu beim Wort: "Der Oberbürgermeister möchte seit zwei Jahren eine See GmbH auf den Weg bringen. Wir haben schon lange nichts darüber gehört."

Was die aktuellen Probleme angeht, wünscht sich die Fraktion einen Paradigmenwechsel im Rathaus. Der Fraktionsvorsitzende Altmann hinterfragt die gewachsene Kultur, vieles von Fördermitteln abhängig zu machen: "Müssen wir jede kleine Maßnahme in ein großes Förderprojekt packen? Bekommen wir Wasser, Abwasser und Sanitäranlage an einem Strandabschnitt für mehrere tausend Menschen nicht ohne Fördermittel hin? Diese Infrastruktur wird dringend benötigt und nicht erst in vier oder fünf Jahren."

Auf Draht sein

Wie der direkte Draht nach ganz oben, mit dem Motor Görlitz das urige Winterwetter für den Neujahrstrunk hinbekommen hat – immerhin bei Überspringung sämtlicher Führungsebenen von Stadt, Kreis, Freistaat und Bund – funktioniert, war nicht in Erfahrung zu bringen. Der Görlitzer Anzeiger bleibt dran.

Mehr:
Stadtbewegung Motor Görlitz

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red | Foto: Paul Glaser
  • Erstellt am 23.01.2023 - 06:01Uhr | Zuletzt geändert am 23.01.2023 - 07:57Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige