Landkreis Görlitz: Impfen unter Polizeischutz

Landkreis Görlitz: Impfen unter PolizeischutzGörlitz, 20. November 2021. In der Gesellschaft brodelt es: Geimpfte ärgern sich immer mehr über sogenannte Impfgegner, die gemeinsam mit den noch schärferen Coronaleugnern alle Erfolge der Pandemieeindämmung zunichte machen. Hinzu kommt ein neues Phänomen: Angesichts der beschränkten Impfkapazitäten wenden sich Impfwillige ausgerechnet gegen jene, von denen die Impfungen verabreicht werden.

Symbolfoto: Spencer Davis, Pixabay License

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Bürger für Görlitz zur Coronasituation

Thema: Coronavirus

Coronavirus

Infektionen mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) verlaufen pandemisch. Lebensgefahr besteht bei einer Erkrankung an Covid-19 vor allem für Immungeschwächte und Ältere. Vielfältige Maßnahmen sollen die Ausbreitung verlangsamen, um medizinische Kapazitäten nicht zu überlasten sowie Zeit zur Entwicklung eines Medikamentes und eines Impfstoffs zu gewinnen. Im Blickpunkt stehen auch die Wirtschaft und soziale Auswirkungen.

Bislang war die Coronapandemie für den Görlitzer Anzeiger ein Gesundheitsthema, nun weitet sie sich auf die Rubrik "Gesellschaft" aus. Die Görlitzer Stadratsfraktion hat heute eine Stellungnahme zu aktuellen Entwicklungen in der Corona-Pandemie verschickt, die Grundage für den nachstehenden Beitrag ist. Sie beginnt mit den Worten: "Es ist 10 nach Zwölf. Wir haben einen Notstand, der sich weiter verschlimmern wird."

Weiter heißt es (sinnwahrend redaktionell bearbeitet): "Die führenden Experten der Virologie und der Pandemiebekämpfung haben eindringlich darauf hingewiesen, dass sich unser Gesundheitssystem in einer Notstandssituation befindet, die zum Teil nicht mehr beherrschbar sein wird. Wir spüren dies gerade im Landkreis Görlitz, der in besonderer Weise betroffen ist, was die Erkrankungsrate angeht und bundesweit bezogen auf die Einwohnerzahl die höchste Anzahl an Corona-Sterbefällen aufweist.

Gleichzeitig haben wir eine zu geringe Impfquote und eine große Anzahl von Menschen, die sich und andere nicht durch eine Impfung schützen wollen. Es gibt sogar organisierte Gruppen, die zum Teil aggressiv gegen die erforderlichen Schutzmaßnahmen vorgehen und Helfer persönlich bedrohen. Nachgewiesenermaßen existieren hier Querverbindungen auch in die rechtsextremistische Szene. Offenbar kommt nun aber – verursacht wohl durch eine insgesamt aufgeheizte und gereizter werdende Stimmungslage und durch inakzeptable organisatorische Mängel – ein wachsender Unmut derjenigen, die eigentlich 'mitziehen' wollen."

Dr. Gottschalk berichtet von beklemmenden Ereignissen

Dazu ein aktueller Bericht von Dr. Hans-Christian Gottschalk, Mitglied der Sächsischen Impfkommission, Ärztlicher Sprecher der mobilen Impfteams Landkreis Görlitz. Herr Dr. Gottschalk ist Stadtrat in Görlitz in unserer Fraktion Bürger für Görlitz. Er war am Freitag in Niesky mit dem Impfteam im Dienst und setzt das am Samstag fort. Zitat: "Die Extreme in dieser Pandemie sind kaum noch auszuhalten. Nun musste ich ein zweites Mal unter Polizeischutz impfen. Diesmal bei unserer heutigen Impfaktion in Niesky."

Dr. Gottschalk weiter: "Eine aufgebrachte, höchst aggressive Menschenmenge wollte uns daran hindern, den ungeheuren Ansturm rechtzeitig zu begrenzen und auf den morgigen Termin zu verweisen. Es kam zu zahlreichen Bedrohungen und Beleidigungen. Eine ASB- Mitarbeiterin erlitt einen körperlichen und psychischen Zusammenbruch und war nicht mehr arbeitsfähig, so dass letztendlich die Polizei um Hilfe gebeten werden musste. Aber auch für die war es gar nicht so einfach, die Situation zu deeskalieren. Ich habe die Leitung des DRK über den Vorfall Informiert. Diese will die morgige Impfaktion wiederum in Niesky nur noch mit einem Wachschutz durchführen oder komplett absagen. Einzelne Mitarbeiter des ASB haben angekündigt, unter diesen Bedingungen nicht mehr für einen Einsatz zur Verfügung zu stehen. Die andere Seite der Medaille sind die momentan unwürdigen Bedingungen für die vielen, zum Teil sehr alten, impfwilligen Menschen mit Wartezeiten heute bis zu viereinhalb Stunden in Kälte und zeitweise sogar Regen. So kann jedenfalls unsere große gemeinsame Anstrengung, der Pandemie die Stirn zu bieten, nicht zu einem Erfolg werden!"

Herr Dr. Gottschalk hat jetzt ergänzt, dass trotz dieser widrigen Umstände am Freitag in Niesky 280 Menschen geimpft werden konnten, davon 90 Prozent Boosterimpfung, also in der Regel dritte Impfung. "Fast alle berichteten, dass ihre Hausärzte nicht mitimpfen oder überlastet sind und erst Termine Ende Dezember frei haben", so Dr. Gottschalk.

Fraktionsvorsitzender: "Unfassbar!"

Der Fraktionsvorsitzende der Bürger für Görlitz, Karsten Günter-Töpert, kommentiert das so: "Das alles ist für mich unfassbar. Was passiert hier eigentlich gerade? Menschen wollen sich in Niesky impfen lassen, weil sie die Notwendigkeit eine Booster-Impfung oder Erstimpfung persönlich als sehr wichtig ansehen. Als sie zum Ende des geplanten Impftermins auf morgen verwiesen werden müssen, liegen die Nerven anscheinen blank und es kommt zu verbalen Angriffen/Bedrohungen gegen das Impfteam. Bei Impfterminen im BSZ in Görlitz vor einigen Wochen eine ähnliche Situation, nur mit dem Unterschied, dass dort militante Impfgegner das Impfteam bedrohen. 'Wir kennen Sie und wissen, wo Sie mit ihrer Familie leben!" – Gemeint war Dr. Gottschalk. So werden wir alle Verlierer sein! Es ist dringend angezeigt, dass die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen, Sächsische Landesärztekammer, das Sächsische Ministerium für Soziales handeln. Die wenigen Hausärzte, welche sich an der Impfkampagne beteiligen, schaffen es nicht alleine mit den mobilen Impfteams.Es werden kurzfristig zusätzliche, gut ausgestattete mobile Impfteams und dringend wieder mindestens ein temporäres Impfzentrum in Görlitz und an anderen Orten im Landkreis benötigt, um diese große Kraftanstrengung zu bewältigen."

Die Bürger-für-Görlitz-Fraktion hält angesichts der aktuellen Witterung eine Wartezeit von drei bis fünf Stunden insbesondere für ältere oder kranke Menschen für nicht vertretbar: "Es schreckt ab. Außerdem haben wir in unsrem Land genügend technische, finanzielle und organisatorische Möglichkeiten, um das besser zu machen. Unser Oberbürgermeister Octavian Ursu kann sicher sein, dass wir alle sachdienlichen Anstrengungen seinerseits unterstützen werden."

Verwiesen wird darauf, dass andere Bundesländer durchaus Lösungsansätze haben. Es dürfe nicht wieder zum Privileg werden, die nächste Impfung bekommen zu haben. Günter-Töpert: "An dieser Stelle kann ich nur allen Menschen danken, welche sich in den Impfteams engagieren. Sie müssen für ihre Arbeit sich weder entschuldigen, noch rechtfertigen. Bitte machen Sie weiter, wir brauchen Sie! Bedrohungen und Beleidigungen dulden wir nicht und fordern die verantwortlichen Behörden auf, hier unverzüglich einzuschreiten."

Mehr:
Zur der Eindämmung der Corona-Pandiemie kann jeder beitragen, durch Impfung und vorsichtiges Verhalten, appelliert der Görlitzer Anzeiger.

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  • Quelle: red | Foto: spencerbdavis1 / Spencer Davis, Pixabay License
  • Erstellt am 20.11.2021 - 17:56Uhr | Zuletzt geändert am 20.11.2021 - 18:55Uhr
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