Das ist nicht Görlitz

Das ist nicht GörlitzGörlitz, 11. Juni 2019. Von Thomas Beier. Nein, wer in Görlitz das besitzt, was man Anstand nennt, muss sich nicht entschuldigen für die negativen Reaktionen der vermutlich größtenteils Görlitzer, die man auf facebook zum Brief von erfolgreichen Kulturschaffenden aus Literatur, Film und Musik nachlesen kann – aber Fremdschämen ist angesagt. Ist ist einfach nur peinlich, auf welcher Klientel der bisherige Wahlerfolg des AfD-Oberbürgermeisterkandidaten teils fußt. Der Görlitzer Anzeiger hat einige Zitate von Kommentaren zum Offenen Brief zusammengestellt.

Frieden. Peace. Pokój. Ein offener Brief

Thema: Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Am 26. Mai 2019 wird in Görlitz im ersten Wahlgang über einen neuen Oberbürgermeister resp. eine neue Oberbürgermeisterin abgestimmt. Amtsinhaber Siegfried Deinege tritt nicht noch einmal an.

KRIEG.
Ich hab den Frieden nie gesehen?
Ich hab ihn gesehen, alter Vater.
Eben komm ich, jetzt eben davon her.
Es führte mich der Weg durch Länder,
Wo der Krieg nicht hin gekommen.
O! Das Leben, Vater,
hat Reize, die wir nie gekannt.
- Die Piccolomini, Friedrich Schiller


FRIEDEN: Wir haben ihn gesehen! Wir waren in Görlitz, wo der Krieg nicht hingekommen ist. Eine Ausnahme-Schönheit, welche die Kriege unter uns Völkern nicht verheert hat- und die nicht auf Gebäude, Straßenzüge und die Altstadt beschränkt ist. Als Gäste fanden wir Freunde und Freundschaft, Gesten der Großzügigkeit und Gastfreundschaft wohin das Auge blickt. Viele fanden dort eine Heimat, die sie woanders durch Krieg und Vertreibung eingebüßt hatten.

Es gilt Probleme zu lösen und die Zukunft überall auf der Welt kann einem manchmal verdammt viel Angst einjagen. Umso mehr: Bitte wählt weise, in beiden anstehenden Wahlen 2019, liebe Bürgerinnen und Bürger und Freunde in Görlitz und Sachsen! Gebt Euch nicht Feindseligkeit, Zwietracht und Ausgrenzung hin.
Gebt nicht auf, wenn Dinge schief laufen! Verratet nicht Eure Überzeugungen, sobald jemand behauptet, er könne die Probleme für Euch schnell lösen! Lasst niemanden Euch im Weg stehen, der die Möglichkeiten der Zukunft einschränkt, Eure Freiheiten einengt und Euch darstellt, wie Ihr nicht seid!

Der Stoff aus dem Frieden ist, heißt Toleranz. Freiheit ist das Ergebnis.

Unterzeichnet u.a. von:

    • Daniel Brühl (Schauspieler “Inglourious Basterds”, “Captain America: Civil War”)
    • Stephen Daldry (Regisseur der fünffach oscarnominierten Literaturverfilmung "Der Vorleser")
    • Daniel Kehlmann (Schriftsteller "Die Vermessung der Welt")
    • Marius Müller-Westernhagen (Musiker und Schauspieler)
    • Burghart Klaußner (vielfacher Filmpreisträger, "Der Vorleser", "Brecht", “Das weiße Band”)
    • Tom Wlaschiha (Schauspieler “Game of Thrones”)
    • Bernhard Schlink (Schriftsteller, “Der Vorleser”)
    • Christian Schwochow (Regisseur, "Bad Banks", "The Crown")
    • Jakob Hein (Schriftsteller: “Zwei Bauern und kein Land”)
    • Marc Rothemund (Regisseur, oscarnominiert für “Sophie Scholl)
    • Brigitte Broch (Szenenbildnerin, Oscarpreisträgerin)
    • Michael Simon de Normier (Autor und Filmemacher, Initiator des offenen Briefs)
    • Stephan Littger (Regisseur, dreht nächstes Jahr in Görlitz "Der fernste Ort")
    • Virginia Maria Schmidt (Casterin)
    • Jan Dose (Schauspieler, "Schlussmacher", "Tatort")
    • Alex Boden (Production Consultant New York)
    • Michael Brandner (Schauspieler, “Monuments Men”)
    • Armin Rohde (Schauspieler, “Nachtschicht”, “Auf Achse”)
    • Jana Pallaske (Schauspielerin, “Inglourious Basterds”)
    • Anna Molfenter (Production Consultant Babelsberg)
    • Miguel Pate (Assistant Director „Unkown Identity“)
    • Volker Bruch (Schauspieler "Der Vorleser", "Babylon Berlin")
    • Miriam Stein (Schauspielerin "Goethe!", "Unsere Mütter, Unsere Väter")
    • Désirée Nosbusch (Schauspielerin, “Bad Banks”)
    • Marcus O. Rosenmüller (Regisseur, Produzent)
    • Esther Zimmering (Schauspielerin, “In aller Freundschaft”)
    • Philip Bender (Schauspieler, “A damn Killer”)
    • Carlos Fidel (Assistant Director)
    • Silvia Schneider (Production Consultant NRW)
    • Karoline Schuch (Schauspielerin, “Ballon”)
    • Albrecht Schuch (Schauspieler, “Atlas”)
    • Sabine Rübsamen
    • Bettina-Anna Heinecke


Beschämende Zitate dazu von unterschiedlichen Görlitz-bezogenen facebook Seiten:
"Die sog Hollywood Grössen haben sich nicht in die inneren Angelegenheiten von Görlitz einzumischen!", "Die Amis wissen doch nicht mal wo Görlitz liegt!.", "... bildet euch nicht ein, das wir Görlitzer dumm sind, dieser scheinheilige Aufruf der so genannten Hollywood Stars hat hier jeder bereits durchschaut und dank eurer Stimmungsmache interessiert es mitlerweile keinen mehr, was da in dieser Erklärung steht.", "Ich frag mich was sich die ganzen B Promis da einmischen müssen...", "Bitte lasst uns einfach in Ruhe, wir in Görlitz haben unsere eigenen Gedanken, wir haben auch Wissen und auch ein Gewissen, sorry, aber wir brauchen euch nicht...."wir" wählen!", "War dieser Möchtegern jemals in Görlitz?", "Warum sollte man auf die Stimmen dieser linken globalen Schmierlappen etwas geben? Wer hebt sie in den Olymp dass wir ihre Meinung annehmen sollten? Schauspieler ist ein Job wie jeder andere! Die Meinung eines görlitzer Obdachlosen (ohne diesen denunzieren zu wollen) ist mir tausend mal mehr wert.", "Leute, die vom normalen Leben keinerlei Ahnung haben, machen sich hier einfach nur wichtig. Diese Möchtegernpromis sollen sich weiter um ihr Luxusleben kümmern und sich aus diesen Dingen raushalten.", "...mach dich nicht lächerlich also wenn du Schweige(r) meinst oder Brühl . Keiner braucht die genau wie Grönemeyer und Co.", "Oh man, ich hoffe Görlitz zeigt diesen selbstgefälligen Systembücklingen, wie Demokratie geht!", "Die Görlitzer sind doch keine Deppen, die dieses fahrende Volk für ernst nehmen." , "Hört nicht auf diese sogenannten Promis . Pure Hetze was von denen kommt.", "Die sogenannten Stars dürfen ja auch nichts anderes sagen. Die sind nur am Erfolg interessiert. Wenn die mal ihre wahre Meinung sagen würden wären die unten durch", "30 unglaubwürdige nicht nennen'swerte no-names ! Hätteste auch in görlitz auf der straße 30 beliebige personen unterschreiben lassen können ...", "Hat was von Erpressung", "Beschäftigungslose Komödianten....", "Ich bin dafür diese Unterstützer zu boykottieren und Ihre Filme nicht anzuschauen, damit sie es begreifen.", "Ihr werdet noch genauso abgestraft ! wartet nur noch ein weilchen."
(Ende der Zitate)

Was das für Görlitz bedeutet

Nun müssen sich die Görlitzer Wähler fragen lassen, ob sie diesen Geist jenseits von Anstand, Würde, geschweige denn Bildung wählen wollen oder es ihm durch die Nichtteilnahme an der Wahl einfacher machen wollen. Was würde geschehen, man würde jenen, die hier ihre Hilflosigkeit und ihren Hass verbal dokumentieren, eine Uniform geben würde? Darüber sollten die Görlitzer nachdenken und diskutieren, mit Freunden, Kollegen, Nachbarn und Verwandten.

Man kann ja der CDU viel vorhalten was die Entwicklung in den jüngsten Jahren betrifft, aber sie steht für die Würde des Menschen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die längste Friedenszeit an deutschen Grenzen. Ihr Oberbürgermeisterkandidat Octavian Ursu war im Herbst '89 auf der Straße, dort, wo die Revolution nicht so friedlich verlief wie in der "DDR". Die ganz persönliche Erfahrung, dass Freiheit und Demokratie nicht von alleine kamen, sondern der Weg von mutigen Menschen bereitet wurde, fehlt seinem jüngeren Mitbewerber. Ursu würde wohl nie versuchen, aufgestaute Probleme auf dem nationalen Weg zu lösen, sondern stets die europäische Idee, die uns neben dem Frieden auch Wohlstand gebracht hat, verteidigen. Eine Stadt wie Görlitz, die ganz unmittelbar an Polen grenzt, hat gar keine andere Erfolgsbasis, also proeuropäisch zu agieren.


English Version:

WAR.
"Peace have I ne'er beheld? I have beheld it.
From thence am I come hither: oh, that sight,
It glimmers still before me, like some landscape
Left in the distance, -some delicious landscape!
My road conducted me through countries where
My venerable father, life has charms
Which we have never experienced."
- Piccolomini, Friedrich Schiller


PEACE. We beheld it! We came to Görlitz where war has not yet been. An exeptional beauty that battles among us peoples did not devastate and that is not limited to the buildings and streets of the ancient city. As guests we found friends and friendship, generous hosts and hospitality in 360 degree. Many found home there who lost theirs in war and displacement.

There are problems yet to solve and future all around the world seems frightening as hell sometimes… Ever more: Please choose wisely at the election days in 2019, dear citizen of- and our friends in Görlitz and Saxony! Do not give in to hostility, strife and marginalization.

Do not give up when things go wrong. Do not betray your convictions because someone claims to be able to solve the problems for you quickly. Do not let anyone stand in your way by limiting your future, restricting your liberties and representing you in a way that is not you.

Tolerance is the dough of peace. Freedom is its result.


Wersja polska:

Pokój - widzieliśmy ten pokój! Byliśmy w Zgorzelcu, do którego wojna nigdy nie dotarła. Wyjątkowa piękność, nie dotknięta przez ruinę konfliktu między narodami i to piękno nie tylko ograniczone na budynki i uliczki starego miasta. Jako goście doświadczyliśmy przyjacielstwa I gestów gościnności, gdziekolwiek szliśmy. Ludzie tam znaleźli dom, którego gdzie indziej zgubili przez wojnę.

Jednak są problemy, które trzeba rozwiązać, a z wzrokiem na przyszłość tego świata naprawdę można się przestraszyć. Dlatego: Proszę wybierajcie mądrze na obydwóch wyborach w roku 2019, szanowni obywatele i przyjaciele Zgorzelca i Saksonii! Nie poddawajcie się wrogości, niezgodzie i wykluczeniu!

Nie poddawajcie się, kiedy idzie kraju i światu nie tak! Nie zdradzajcie swoich przekonań, kiedy przychodzą ludzie którzy obiecują szybkich, łatwo wyobrażalnych rozwiązań na wasze problemy! Nie dajcie nikomu wam stanąć w drodze, który ograniczy możliwości waszej przyszłości, waszą wolność i który reprezentuje was w sposób, w jaki nie chcieliście by być reprezentowani!

Rzeczą pokoju jest tolerancja. Wynikiem jest wolność.

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Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Scheinheilig

Von Mike am 13.06.2019 - 17:14Uhr
"Verratet nicht Eure Überzeugungen, sobald jemand behauptet, er könne die Probleme für Euch schnell lösen!"

Kann die CDU etwa die Probleme lösen? Die sie SELBST verursacht hat?
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Die Redaktion meint: Fragen verdienen eine Antwort.

In Deutschland ist es gute Sitte, dass möglichst der, der die Suppe eingebrockt hat, sie auch auslöffeln muss. So gesehen ist die CDU am dichtesten an den Problemlagen (die ja oft gar keine Probleme, sondern zu lösende Aufgaben sind) dran und hat die höchste Lösungskompetenz, auch im Sinne künftiger Problemvermeidung.

Aber was soll man nur von jemandem halten, der nach einem Fehler klugscheißerisch daherkommt und meint, er hätte es gleich besser gemacht?

Nein, Fehler sind Lernquellen. Wer keine Fehler macht, hat auch nichts gewagt. Und wer seine Fehler korrigiert, verdient höheres Ansehen als der Kritiker.

Göbbels Rede in der Stadthalle: Der berühmteste Görlitz-Film

Von Nullum nomen am 11.06.2019 - 20:54Uhr
Am 8. März1945 hielt Göbbels in der Görlitzer Stadthalle seine letzte Rede. 74 Jahre, 3 Monate und 98 Tage später, am 26. Juni 2019, wählen die Görlitz für einen Oberbürgermeister, in dessen Amtsperiode die Stadthalle wiedereröffnet wird.
Den Wochenschau-Film des Dritten Reichs (er wird in der Dauerausstellung des Schlesischen Museums gezeigt und findet sich auf Youtube https://youtu.be/mun2cs3zmmw) ist m.W. der weltweit am häufigsten geschaute Film, der je in Görlitz gedreht wurde. Man sieht fanatische, hasserfüllte Gesichter. Kurz vor Kriegsende wurde jene, die den Wahnsinn nicht mehr mitmachen wollen, an Laternen rund um den Postplatz erhängt.

Wohl noch nie seit jener Zeit war Görlitz so erfüllt von Hass und Rassismus, wie jetzt in diesen Tagen vor der Wahl. Es scheint so, als ob sich die Gespenster der Vergangenheit aus den Gräbern erhoben haben.
Ja, der Appell der Filmemacher ist wichtig. Und es ist ehrenwert, dass der Görlitzer Anzeiger ihn veröffentlichen.

P.S.: Warum ich diesen Leserbrief nur anonym veröffentlicht wissen will? Weil jener OB-Kandidat, der so offensiv mit "Sicherheit" wirbt, eine Klima von Angst und Unsicherheit (!) geschaffen hat!
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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 11.06.2019 - 13:29 Uhr
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