Görlitz im Wahlfieber: Was besagen Umfragen?

Görlitz im Wahlfieber: Was besagen Umfragen?Görlitz, 16. Mai 2019. Von Thomas Beier. Eine Tageszeitung, die insgesamt in ihrem Verbreitungsgebiet vor allem auf Ostsachsen zwischen Döbeln, Weißwasser/O.L. und Zittau beschränkt ist, hat eine Görlitzer Stichprobe um Auskunft bitten lassen. Entstanden ist ein aus heutiger Sicht mögliches Ergebnis der Oberbürgermeisterwahl, das heute online veröffentlicht wurde unter einer als Frage formulierten Überschrift, die eine bestimmte Klientel hoffnungsfroh stimmt, bei einer anderen den jedoch Brechreiz fördert. Da will man am liebsten gar nicht wissen, wie es weitergeht mit Görlitz, werden manche nun sagen. Abgebildet werden im Titelfoto (online) nicht etwa die vier Kandidierenden, sondern zwei Berufslächler, die in der Fotomontage den Schulterschluss zu üben scheinen. Zu den Sternstunden des Journalismus gehören halt auch Schwarze Löcher.

Interessant ist, was den Bürgern wichtig ist

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Thema: Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Am 26. Mai 2019 wird in Görlitz im ersten Wahlgang über einen neuen Oberbürgermeister resp. eine neue Oberbürgermeisterin abgestimmt. Amtsinhaber Siegfried Deinege tritt nicht noch einmal an.

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Den veröffentlichten Umfrageergebnissen wird seitens des Marktforschungsinstituts, das die von der Zeitung formulierten Fragen telefonisch einer sicherlich repräsentativen Stichprobe (Wurden nur Festnetz-Anschlüsse genutzt?) von Görlitzerinnen und Görlitzern gestellt hat, eine recht geringe Fehlertoleranz bescheinigt. Allerdings wäre interessant zu wissen, wie viele der Kontaktierten sich der Befragung verwehrt haben. Wer viel zu tun hat oder bei Anrufen von "Marktforschungsinstituten" generell misstrauisch ist, wird nicht mitmachen, was im Ergebnis die zwar repräsentative Kontaktauswahl dann doch verzerrt.

Es gibt noch eine ganz andere Fehlerquelle bei Befragungen: Ganz unabhängig von der hier diskutierten Befragung ist immer wieder ist festzustellen, dass die Leute, die Fragebögen entwickeln, schlichtweg keinerlei Ahnung davon haben, mit welchen Fragetechniken und oft vorgegebenen Antwortoptionen tatsächlich ein realitätsnahes Ergebnis erreicht werden kann. Antworten auf Fragen wie "Würden Sie das und das tun?" oder "Wie würden Sie sich entscheiden?" werden zwar von den Befragten in ihrer Wahrnehmung durchaus ehrlich beantwortet, haben aber – abgesehen vom Stimmungsbild-Charakter – oft nur wenig mit dem Verhalten zu tun, wenn die reale Situation eingetreten ist.

In der klassischen Marktforschung ist es ein offenes Geheimnis: Nicht nur, dass bei der Kommunikation von Mensch zu Mensch der Befrager – ob nun bewusst oder unbewusst – grundsätzlich einen Einfluss auf das Ergebnis hat, vielmehr machen es sich besonders bei Haustürumfragen die Interviewer gern mal einfach, indem sie sich ins Caféhaus setzen und die Fragebögen gleich selber ausfüllen. Schlimm ist das nicht, irgendwie sind die Interviewer meist lebenserfahren genug um zu wissen, wie ihre Klientel antworten würde.

Einen anderen Befragungsansatz hat der Görlitzer Anzeiger gewählt: Hier wird gefragt, welches Kriterium für Görlitzer Wähler am wichtigsten ist, wenn sie ihre Stimme einem Oberbürgermeisterkandidaten geben. Weil täglich eine Stimme abgegeben werden kann, ist es möglich, im Laufe der Zeit mehrere Kriterien auszuwählen oder diese zu wichten. Natürlich ist diese Umfrage ausdrücklich nichtrepräsentatitv (schon, weil auch nicht Wahlberechtigte abstimmen können und der Görlitzer Anzeiger sich an anspruchsvollere Leser außerhalb der Blaulicht-Meldungen-Szene wendet) – und dennoch interessant: Wer die vorgegebenen Kriterien näher betrachtet, findet darunter bedeutsame und solche, die man wie "verspricht möglichst viel" dem Bereich der "So-schlau-bin-ich-nun-auch-wieder-nicht-Wähler" zuordnen könnte.

Die obenstehende Momentaufnahme vom 16. Mai 2019 um 9.18 Uhr lässt sich so interpretieren: Wahrscheinlich haben die 0,6 Prozent, die "verspricht möglichst viel" als Wahlkriterium ausgewählt haben, nur mal ausprobiert, ob das technisch wirklich funktioniert; vielleicht steckt auch Die Partei dahinter, der man das rundweg zutrauen könnte, die Görlitzer insgesamt sind jedenfalls nicht in die Falle getappt. In der Relation dazu ist hingegen tatsächlich interessant, dass das Geschlecht der Bewerber mit 0,2 Prozent der Stimmabgaben nun wirklich keine Rolle spielt. Eher erstaunlich: Zumindest für die Leser des Görlitzer Anzeigers, die sich an der Abstimmung beteiligt haben, ist auch die Parteizugehörigkeit der Kandidaten nicht sehr wichtig, nur 2,3 Prozent der Stimmen haben dieses Kriterium ausgewählt.

Dass ein Oberbürgermeister, auch in weiblicher Ausführung, in der Stadt gut vernetzt sein sollte, ist nur 3,4 Prozent wichtig. Das erscheint seltsam wenig, die Verwaltungsspitze sollte doch nah an der Bürgerschaft sein und stets direkt aufnehmen, was die Leute in Görlitz bewegt. Gut vernetzt zu sein bedeutet außerdem, handlungsfähig zu sein – eine Stadt zu führen ist kein Sandkastenspiel und funktioniert ohne unterstützende Strukturen an den maßgeblichen Stellen viel schwieriger.

Faktenwissen als Kriterium kommt mit 8,2 Prozent ebenfalls nicht so gut weg, allerdings: Darauf kommt es auch weniger an. Top-Führungskräfte müssen komplexe Zusammenhänge erfassen sowie entscheidungs- und durchsetzungsfähig sein, für die Facharbeit hat die Verwaltung ihre Experten. Anders gesagt: Wer immer nur an einzelnen Erscheinungen herumnörgelt, dürfte sich mit dem Blick aufs große Ganze schwertun.

Wer für die stolze Stadt an der Neiße etwas erreichen will, muss sie gut nach außen vertreten können, immerhin 9,5 Prozent der Stimmen wurden hier per Klick registriert. Wichtig ist zudem vielen mit 14,5 Prozent die Orientierung am Interessenausgleich, eine grundlegende Fähigkeit, um eine Gemeinwesen zu führen: Nicht nur den lautesten Krakeelern folgen, sondern auch jene berücksichtigen, die leise sind oder sich gar nicht zu Wort melden. Noch wichtiger erscheint vielen Befragungsteilnehmern, dass der künftige Oberbürgermeister oder die Oberbürgermeisterin parteiunabhängig unterstützt wird: 18,3 Prozent der Stimmen sehen das so. Zwar gehören alle vier Görlitzer Oberbürgermeisterkandidierenden einer Partei an, allerdings spielt eine Rolle, wer von weiteren Vereinigungen oder Parteien unterstützt wird und damit eine breitere Basis unter den Bürgerinnen und Bürgern, die man gemeinhin als gesellschaftlich oder politisch engagiert bezeichnet, hat.

Das nächste zur Auswahl gestellte Kriterium ist wieder eine Leimrute: Ist angesichts der Qualitätsanforderungen, die gerade an den obersten Verwaltungskopf der Stadt Görlitz gestellt werden, wirklich wichtig, "in Görlitz aufgewachsen" zu sein? Mit 20,8 Prozent ist das bei rund jeder fünften Stimmabgabe wichtigstes Kriterium und es darf schon gefragt werden, ob für eine Stadt, die sich als Teil einer deutsch-polnischen Doppelstadt mitten in Europa versteht, nicht Sprachkenntnisse oder Auslandserfahrungen wichtiger wären. Heimatlich in der Oberlausitz verwurzelt sind alle Kandidaten, egal, ob von Geburt an oder seit vielen Jahren.

Top-Renner unter der Auswahl des wichtigsten Kriteriums ist mit 22,3 Prozent der Stimmen die Anforderung, den städtischen Haushalt zu verstehen. Wer schon einmal in so einer Vorlage geblättert hat, erkennt schnell die zwei Seiten dieser Anforderung: Das ist tatsächlich wichtig, schreibt der Haushalt doch die finanzielle Handlungsfähigkeit und deren Schwerpunkte einer Kommune fest, andererseits hilft angelerntes Wissen hier nur bedingt, vor allem Erfahrung ist gefragt – wie der Volksmund sagt: Man muss wissen, wie der Hase läuft.

Fazit

Alle Umfragen verdeutlichen nur: Die Wahl am 26. Mai 2019 wird in Görlitz besonders spannend und allerlei Varianten des Wahlausgangs mit nachfolgenden nicht minder spannenden Optionen, wie gestern im Görlitzer Anzeiger aufgezeigt, sind im Bereich des Möglichen. Der Görlitzer Anzeiger selbst hat ganz bewusst nicht gefragt, für wen man am 26. Mai seine Stimme abgeben würde. Viel interessanter als die Frage danach, was jemand meint, wie er oder sie sich verhalten (abstimmen) wird, ist immer die Frage nach den Motiven des Verhaltens. Anhand der genannten Kriterien und sicherlich weiterer kann sich jeder Wähler selbst überlegen, was für das Wohl der Stadt wirklich wichtig ist und und welcher Kandidat dafür steht, wer für Görlitz Nutzen bringt oder vielleicht nur eine weitere Plattform für politisches Gedankengut sucht.

Der Autor arbeitet seit 25 Jahren mit seinem Unternehmen Beier Consulting als Freiberuflicher Unternehmensberater und hat in diesem Beruf größere Befragungsprojekte realisiert.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Anemone123, Pixabay, Lizenz CC0 Public Domain; Diagramm: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 16.05.2019 - 09:26 Uhr
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