Braunkohle: Kritik aus Münster an Kirche in der Lausitz

Braunkohle: Kritik aus Münster an Kirche in der LausitzMünster | Görlitz, 5. Juni 2016. Zu den Themen, die die Gesellschaft tief spalten, gehört die Diskussion um die Braunkohle-Verstromung: Während an den Abbau- und Verstromungsorten die Arbeitsplätze und bei manchem klammheimlich die Hoffnung auf Entschädigung, wenn der Ort zu Gunsten des Tagebaus devastiert wird, im Mittelpunkt des Interesses stehen, ist es für andere - mit Hinweis auf eine nicht mehr nötige Technologie - wichtiger, die noch immer deutlich umweltschädliche Verstromung zu beenden sowie Sozialstrukturen und Heimat zu erhalten. Hier spielt eine besondere Rolle, dass die Lausitzer Tagebaue den angestammten Lebensraum der Sorben, einer katholischen Minderheit in der Lausitz, fortschreitend vernichten. Aus dem westfälischen Münster kommt nun harsche Kritik an der Haltung der Evangelischen Kirche in der Lausitz, gar ist die Rede von "landeskirchlicher Unterwerfungsmanier" gegenüber den Interessen eines Energiekonzerns. Der Görlitzer Anzeiger gibt die entsprechende Pressemitteilung wie auch den Offenen Brief an den Generalsuperintendenten des Sprengels Görlitz der Evangelischen Kirche Berlin-­Brandenburg­-schlesische Oberlausitz (EKBO) Martin Herche wieder (Links teils redaktionell ergänzt, ebenso die Abbildung).
Abbildung: Die Kirche St. Pantaleon in Münster (steht nicht im Bezug zum Institut für Theologie und Politik), in unmittelbarer Nähe drei Biergärten. Möglicherweise sind hier Luft und Köpfe etwas klarer als in den Braunkohlengebieten der Lausitz.

Von der Sorge um das gemeinsame Haus bewegt – ChristInnen solidarisieren sich mit den "Ende Gelände"-Protesten und beklagen Haltung der Evangelischen Kirche in der Lausitz

MitarbeiterInnen des Instituts für Theologie und Politik und UnterzeichnerInnen des Aufrufes "Christ_innen, beteiligen wir uns gemeinsam an 'Ende Gelände!'" haben auf die Vorwürfe von Generalsuperintendent Martin Herche an die VeranstalterInnen von "Ende Gelände" reagiert. In einem offenen Brief werfen sie der Evangelischen Kirche in der Lausitz vor, mit ihrer Art der Intervention einseitig Partei für den Energiekonzern Vattenfall zu ergreifen und damit in der Klimafrage "kein verlässlicher Partner in dieser Auseinandersetzung um die Zukunft des Planeten, auf dem wir leben" zu sein.

"Uns treibt die von vielen geteilte Sorge um, dass Profitinteressen über den Erhalt unseres gemeinsamen Hauses, der Erde, gestellt werden", so heißt es in dem Brief. Deshalb sind gerade auch ChristInnen aufgerufen, Aktionen des Zivilen Ungehorsams zu unterstützen, die auf die absolute Dringlichkeit des Umwelt- und Klimaschutzes verweisen.

Mit Unverständnis sehen die UnterzeichnerInnen des Briefes die Beurteilung der Aktionen an Pfingsten durch den Generalsuperintendenten. Insbesondere, da den AktivistInnen von "Ende Gelände" Gewalt vorgeworfen wird, ohne dies näher zu erläutern, die von Polizei- und Medienberichten bestätigten Übergriffe auf KlimaaktivistInnen durch Neonazis und rechte Gruppierungen aber keine Erwähnung finden.

So kritisiert der offene Brief die "Versuche der Kirchen, sich als vernünftige und besonnene, moderierende Kräfte in dieser Gesellschaft darzustellen", wenn sich dahinter der Versuch verberge "auf der Seite der herrrschenden und leider mächtigen Unvernunft anerkannt zu werden oder zu bleiben".

Mit Freude nehmen die UnterzeichnerInnen des Briefes dagegen das vermehrte Interesse an einem Engagement für den Klimaschutz und die Unterstützung der Aktionen von Ende Gelände durch zahlreiche ChristInnen, die den Aufruf Christ_innen, beteiligen wir uns gemeinsam an "Ende Gelände"! unterzeichnet haben, zur Kenntnis.


Der am 4. Juni 2016 veröffentlichte Offene Brief:


Herrn
Generalsuperintendent Martin Herche
Schlaurother Str. 11
02827 Görlitz


Sehr geehrter Herr Generalsuperintendent,

als MitarbeiterInnen des Instituts für Theologie und Politik und ErstunterzeichnerInnen des Aufrufes "ChristInnen, beteiligen wir uns gemeinsam an 'Ende Gelände!'" haben wir von Ihrem Brief vom 20.05.2016 erfahren. Wir freuen uns sehr, dass sich die Evangelische Kirche Berlin-­Brandenburg­-schlesische Oberlausitz dem Umwelt­ und Klimaschutz verpflichtet sieht und "konsequenterweise entsprechende Beschlüsse verabschiedet hat", wie Sie schreiben.

Da aber offenkundig all diese Beschlüsse nicht viel genutzt haben, insofern Vattenfall mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den bevorstehenden Verkauf des Braunkohleabbaus die Weiterzerstörung der Lausitz über Jahrzehnte ermöglicht, hat "Ende Gelände" zu Aktionen zivilen Ungehorsams aufgerufen und diese durchgeführt. Uns treibt die von vielen geteilte Sorge um, dass Profitinteressen über den Erhalt unseres gemeinsamen Hauses, der Erde, gestellt werden.

Als ChristInnen sind wir darüber hinaus auch besorgt, dass gerade die Kirchen allzu oft kein verlässlicher Partner in dieser Auseinandersetzung um die Zukunft des Planeten, auf dem wir leben, sind. Ihr offener Brief scheint uns leider dafür ein deutlicher Beleg zu sein. Im Blick auf unsere Aktionen zu Pfingsten übernehmen Sie die Darstellung der Medien nicht nur, sondern machen Sie sich zueigen, anstatt unsere doch von Ihnen behaupteten gemeinsamen Anliegen zu stärken.

Anders ist es nicht erklärlich, dass sie vermeintlichen "Rechtsbruch, Vandalismus, Gewalt und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit" durch AktivistInnen zum Dreh­ und Angelpunkt Ihres Briefes machen. Kein Wort über die tätlichen Angriffe durch Neonazis, die bis ins Camp vorgedrungen sind und dort Leute überfallen haben, kein Wort davon, dass die Polizei die TeilnehmerInnen gegen verbale und tätliche Angriffe schützen musste.

Stattdessen haben sie in landeskirchlicher Unterwerfungsmanier dem Vorstand von Vattenfall gegenüber Ihre Besorgnis über die "persönlichen Belastungen" von Mitarbeitern ausgedrückt: Wäre es unter seelsorgerlichen Aspekten nicht sinnvoller gewesen, dies den Mitarbeitern gegenüber direkt zu tun? Wo war ihr seelsorgerliche Beistand für die beleidigten und angegriffenen Demonstrierenden? (Vielleicht können Sie es nachvollziehen, dass wir vor diesem Hintergrund Ihre Forderung, der "Rechtsstaat müsse gerade wegen seiner Diskreditierung durch Rechtspopulisten" konsequent geschützt werden, einigermaßen befremdlich finden.)

Wir an "Ende Gelände" beteiligten ChristInnen sind der unendlichen Versuche der Kirchen, sich als vernünftige und besonnene, moderierende Kräfte in dieser Gesellschaft darzustellen, müde. Dahinter verbirgt sich doch ganz durchsichtig nichts anderes, als das Bemühen, auf der Seite der herrrschenden und leider mächtigen Unvernunft anerkannt zu werden oder zu bleiben. Welche ein Widerspruch zu Ihrer und unserer Gründungsgeschichte!

Aber ­ Gott sei Dank – gibt es immer mehr ChristInnen, die das verstehen (vgl. Aufruf "Christ_innen, beteiligen wir uns gemeinsam an 'Ende Gelände'!", http://www.itpol.de/?p=2145) und sich deshalb auf den Weg in die Lausitz gemacht haben und deren Anliegen international auf ein großes und zustimmendes Echo gestoßen sind. In diesem Sinne möchten wir unseren Einspruch gegen Ihre Darstellung der Aktionen von Ende Gelände öffentlich deutlich machen und haben dazu eine Pressemitteilung verfasst, die wir diesem Brief beifügen (Anmerkung der Redaktion: siehe oben).

Wir wünschen Ihnen alles Gute bei ihren Versuchen einen "konstruktiven, vertrauensvollen Dialog für eine gute Zukunft der Lausitz" zu organisieren. Viel Zeit haben Sie nicht mehr. Sagt die Schöpfung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Michael Ramminger, Cordula Ackermann, Philipp Geitzhaus, Dr. Julia Lis


Nachsatz der Redaktion:
Der zum Aufruf von Generalsuperintendent Martin Herche zum Dialog für die Zukunft der Lausitz (Pressemitteilung der EKBO vom 20.Mai 2016) in seinem Bereich auf der EKBO-Webseite verweisende Link führt aktuell zum Hinweis "Dieser Inhalt steht leider nicht mehr zur Verfügung."

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Die Gewalt geht vom Gelde aus

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  • Zuletzt geändert am 04.06.2016 - 22:35 Uhr
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