Görlitzer Unternehmerverband zum Kaufhaus-Projekt

Görlitzer Unternehmerverband zum Kaufhaus-ProjektGörlitz, 4. Dezember 2020. In der Diskussion um die Vereinigung des City-Centers Frauentor mit dem historischen Kaufhaus zu einem Marktzentrum gibt es viele Interessen, so etwa den Denkmalschutz, soziokulturelle, zu allererst aber die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Der Görlitzer Allgemeine Unternehmerverband (AUV) hat – logisch – vor allem Kompetenzen zum letztgenannten Aspekt. Er tritt nun Auffassungen entgegen, nach denen die Revitalisierung des Kaufhauses dem lokalen Einzelhandel schaden könnte.

Im historischen Kaufhaus Görlitz: Trommeln, Tuten und Blasen musste der Einzelhandel schon immer für seine Interessen

Foto: ©2018 BeierMedia.de

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Presseerklärung des AUV

Von Christian Reichardt. Der Vorstand unseres Verbandes hat in den letzten Tagen natürlich mit Interesse die Diskussion der Stadträte, Fraktionen und Bürger um die Erweiterung des City-Centers und dessen Parkhaus verfolgt. Im Grunde war schon alles gesagt worden, insbesondere die Hervorhebung der Tatsachen, dass ein seriöser Investor auch seriös wirtschaftlich kalkulieren muss und darf, so dass die Erweiterung des Parkhauses und die Schließung der Front entlang des Postplatzes wirtschaftlich sinnvoll, sogar notwendig erscheint.

Wer Branchenkenntnisse hat, weiß, dass Einzelhandelsflächenbedarfe nicht zuletzt von den potentiellen Ankermietern vorgegeben werden, woraus sich Flächenmengen, Baukosten, Miethöhen und Auslastungen und schließlich Invest und Return of Invest kalkulieren lassen. Zwei "Stadtvillen", die seit 30 Jahren keiner erwerben möchte und verfallen sind, machen das Ensemble nicht besser. Der Investor dagegen baut nachhaltig und mit einem hohen Standard. Von diesem Selbstanspruch kann sich jeder am Berzdorfer See, Bereich Blaue Lagune, überzeugen.

Insofern ist der jüngst geäußerten Meinung der Partei Bündnis90/ Die Grünen (SäZ Ausgabe vom 1. Dezember 2020, Ko-Vorsitzende Janet Conrad) entgegenzutreten: Eine Werbung bei der Bevölkerung um Unterstützung der bestehenden Einzelhandelsstandorten statt der Kaufhauserweiterung ist bar jedweder Kenntnis von Ursache und Wirkung und entspricht leider der allumfassenden Ablehnungshaltung dieser Partei gegen wirtschaftliche Entwicklungen, offenbar auch in Görlitz. Es bedarf einer kritischen Masse an Angeboten im Einzelhandel, um potentielle Kunden in die Innenstadt und damit auch in die bereits bestehenden Einzelhandelsgeschäfte zu locken, woran es offenkundig seit 30 Jahren in Görlitz fehlt und was seit jeher beklagt wird.

Gut für den Standort Görlitz, dass die Verwaltungsspitze und der überwiegende Teil der Stadträte, wie auch der Bürger der Stadt, das erkannt haben und danach entscheiden wollen.

Christian Reichardt ist Vorstandssprecher des Allgemeinen Unternehmerverbands Görlitz und Umgebung – Gewerbeverein zu Görlitz 1830 e.V.; der Text wurde bei vollständiger Sinnwahrung geringfügig redaktionell bearbeitet.


Kommentar:

Manchmal glaube ich, im Osten des wiedervereinigten Deutschlands hat sich der Schlachtruf "Wir sind das Volk!" über "Wir sind ein Volk!" weiter zu "Wirr ist das Volk!" gesteigert – jedenfalls in wirtschaftlichen Belangen. Natürlich darf jeder auch wirre Thesen vertreten, was sich gerade angesichts der Corona-Pandemie zeigt. Bedenklich wird es allerdings, wenn politische Führungkräfte aus dem Wirrwarr – ein Wort, das dem Oberlausitzer geradezu in den Mund gelegt ist – entsprechend wirre Forderungen ableiten, etwa wenn ein groß angelegtes Kaufhausprojekt verhindert werden und stattdessen für den Einkauf in bestehenden Läden geworben werden soll, um diese zu unterstützen. Selbst der dümmste Kaufmann weiß, dass niemand auf Dauer bei ihm einkauft, um ihn zu unterstützen, von einigen gutsituierten Kunden mit Weltverbesserungsanspruch vielleicht abgesehen.

Einzelhandelskonzepte, wie sie von Städten erstellt oder vielleicht bei Experten für copy & paste beauftragt werden, sind mit Vorsicht zu genießen. Immer wieder wird dort von "Bedarf" oder gar "Marktlücken" gesprochen – Begriffe, die in gesättigten Märkten weitestgehend obsolet sind. Für den einzelnen Anbieter geht es darum, Anziehungskraft auf Kunden zu entwickeln. Gelingt das vielen Anbietern in einer Stadt, profitieren alle, die Wirtschaft und das Gemeinwesen. Das Stöckersche Konzept, das auf hochwertige Angebote setzt, ist dabei ein richtungsweisender Ansatz. Bei allem Respekt: Wer billig einkaufen will, wird das weiterhin tun, ebenso wird der kundenorientierte Fachhandel vom wiedereröffneten Kaufhaus kaum betroffen sein. Darüber hinaus gilt: Handelsstrukturen zu zementieren kann nicht die Aufgabe von Politik sein, bei allen zweifelsohne berechtigten Steuerungsinteressen.

Um bei der Wirtschaft zu bleiben: Ein Einzelhandelskonzept kann eine gute Orientierung bieten, aber keine Vorgabe für einen Investor sein. Entsprechend stehen Stadträte und Verwaltung in der Verantwortung, Investitionen zu ermöglichen, selbst wenn sie sich auf den ersten Blick nicht in ein übergeordnetes Konzept einfügen – alles andere wäre Planwirtschaft. Konzepten ist es immanent veraltet zu sein, noch bevor die Tinte trocken ist.

Görlitz hat mit Prof. Dr. Wilfried Stöcker das enorme Glück, eben keine kurzfristig denkende Heuschrecke als Kaufhausinvestor zu haben – diese Chance sollte die Stadt nutzen. Keine Chance hingegen hätte ein im alten Kaufhaus angesiedeltes, so eine bündnisgründe Idee, "Gründerzentrum" – man denke an die in den Neuzigerjahren aus dem Boden geschossenen "Technologie- und Gründerzentren", von denen nur die allerwenigsten ihrem Anspruch wirklich gerecht werden konnten. Gründerzentren erzeugen nun mal keine Gründer; erfolgsorientierten Gründern hingegen ist in aller Regel zu raten, sich vom Pulk der angestellten Türöffner, Unterstützer und Kümmerer fernzuhalten – sie haben meist vom Geschäft keine Ahnung und rauben nur Zeit und Kraft. Blickt man auf die einst mit viel Tam-Tam geschaffenen Gründerzentren sind deren Betreiber heute froh, wenn sie diese Groschengräber an sonstwen vermieten oder verkaufen können. Dieses Schicksal sollte man dem schönen Görlitzer Kaufhaus keinesfalls zuteil werden lassen.

Die Revitalisierung des Görlitzer Kaufhauses ist wirtschaftlich gesehen nicht ohne Risiko, gerade angesichts der Tendenzen im Einzelhandel. Gelingen kann sie nur, wenn das Projekt aus einem Guss geformt und nicht zerpflückt wird. Phantasten haben die Welt verändert, nicht die Erbsenzähler, meint

Ihr Thomas Beier



Hintergründe tun sich auf:
Görlitzer Anzeiger vom 22.11.2020: Görlitz und seine Villa

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  • Quelle: red / Kommentar: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 04.12.2020 - 11:21Uhr | Zuletzt geändert am 04.12.2020 - 13:23Uhr
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