Über 50 und auf Arbeitssuche in der Oberlausitz?

Über 50 und auf Arbeitssuche in der Oberlausitz?Görlitz, 12. Juni 2018. Von Thomas Beier. Zu meinen gewerblichen Tätigkeiten gehört die private Arbeitsvermittlung. Nach einem Tipp auf facebook zu einer Stellenausschreibung des Landratsamtes Görlitz fragte ich salopp, ob "Auch Mädels über Fuffzich?" gefragt seien und bekam eine professionelle Antwort: "Wenn es auf das Profil passt, gern ..." Allerdings bewertete ein hochgeschätzter Görlitzer Mitbürger meine Frage als "sehr albern". Formalrechtlich mag das so scheinen, darf doch niemand wegen seines Alters dikriminiert werden, aber an der Realität des Arbeitsmarktes, wie ich ihn in der Wahrnehmung von Leuten, die einen Arbeitsplatz suchen, erlebe, geht das vorbei.
Abbildung: Das Lebensalter sagt wenig aus über die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitssuchenden. Um Bildung, geistige Flexibilität, Gesundheit und soziale Vernetzung muss man sich jedoch lebenslänglich selbst kümmern.

Sechs Schranken im Arbeitsmarkt für Ältere

Ich sehe, wie sich Leute dieser Altersgruppe um eine Anstellung bemühen, aber im Grunde keine Chance haben, vor allem, wenn sie in ungekündigter Stellung sind. So etwas kommt vor, wenn jemand nach beruflicher Veränderung sucht oder nach Görlitz umziehen möchte, aber noch nicht Rentner ist.

Dafür sehe ich sechs Gründe, die keine Vorwürfe, aber Zustandsbeschreibungen, meinethalben auch provokante Thesen, sind:

  1. Spätestens ab 50 werden Bewerber und Bewerberinnen systematisch stigmatisiert

    Die Botschaft, die Stellenanzeigen wie "wir geben auch Bewerber/innen jenseits der Vierzig eine Chance", Projekte wie 50plus des Landkreises Görlitz oder Bemerkungen "für die Anwesenden über 50 sage ich es noch einmal in einfacheren Worten" erzeugen, hat sich festgesetzt: Spätestens ab 50 ist man nicht mehr up-to-date.

    In vielen Köpfen sind Leute ab 50 schwierige Arbeitnehmer, berufen sich zu sehr auf Erfahrungen und sind damit rechthaberisch, zudem weniger belastbar und unflexibel, haben weniger Zugang zu modernen Kommunikationsformen etc. pp.

  2. Stellenausschreibungen setzen oft formale Qualifikationshürden

    Das Problem: Manche Berufsbilder gab es noch gar nicht, als Ältere ihre Ausbildung absolvierten. Obgleich sie vielleicht über Jahrzehnte in Ihren Beruf hineingewachsen sind, sich immer wieder qualifiziert haben und ihren Job nicht schlechter machen, scheitern sie an der formalen Vorgabe eines bestimmten Abschlusses.

    Als frech empfand ich übrigens das Angebot an einen Bewerber jenseits der 50, doch erst einmal ein Freiwilliges Jahr zu absolvieren, vielleicht klappe es ja dann mit einer Anstellung, garantieren könne man das aber nicht.

  3. Falsche Förderpolitik

    Förderung setzt da an, wo Nachteile ausgeglichen werden sollen, deshalb wird die Einstellung zuvor arbeitssuchend gemeldeter Arbeitsloser bezuschusst. Die Kehrseite der Medaille: Bei Einstellungen ist es ein wichtiges Kriterium, ob für den Bewerber Fördermittel gezahlt werden. Angeblich ist das für manche Unternehmen ein Teil der Geschäftsgrundlage.

    Sinnvoller, Verwaltungsaufwand sparender und gerechter wäre hier wohl das Gießkannenprinzip: Wenn man bedingungslos für jede neu eingestellte Person einen Zuschuss zahlt, wird der gewünschte Zuwachs an Arbeitsplätzen stimuliert. Die diskriminierende Aussage "Sie sind hervorragend geeignet, leider sind Sie nicht arbeitslos und werden daher nicht gefördert" würde sich erübrigen.

  4. Mangelnde Fluktuation

    Viele Arbeitgeber wollen sich ihre Beschäftigten "heranziehen", sind es nicht gewohnt, dass diese aus unterschiedlichsten Gründen – nicht zuletzt wegen der Karriere – kündigen und woanders anheuern, wie es in wirtschaftlich prosperierenden Regionen üblich ist. Entsprechend hat ein Bewerber im Alter ab 50 weniger Potenzial, in der verbleibenden Zeit seines Arbeitslebens den Aufwand des Arbeitgebers, den dieser vielleicht mit Einarbeitung und Qualifizierung hat, zu amortisieren.

    Der im Grunde nicht existierende Arbeitsmarkt stellt für viele Arbeitssuchende und Berufsanfänger den "sicheren" Arbeitsplatz, möglichst im öffentlichen Dienst, in den Fokus. Häufig haben die Mitarbeiter hier eine "Lebensstellung", das Leistungsprinzip wird über Instrumente des Arbeitsmarktes nicht durchgesetzt, folglich ist der Zugang für Ältere mit entsprechenden Erfahrungen im Grunde nur in Führungspositionen möglich.

  5. Mangelnde Flexibilität der Bewerber und Bewerberinnen

    Auch das gehört zur Wahrheit: Viele, vor allem eben Arbeitnehmer jenseits der 50, haben nie daran gedacht, dass es Brüche im Berufsleben geben kann und sich gedanklich oder gar wirklich auf einen Plan "B" vorbereitet. Geistige Flexibilität und Freude an Herausforderungen stehen im Widerspruch zu Anspruchsdenken und Qualifikationsunwilligkeit. Die örtlich flexiblen Arbeitnehmer sind weg, geblieben sind die, denen drei Kilometer Arbeitsweg – selbst erlebt – "nicht zumutbar" erscheinen.

  6. Fehlende Führungskompetenz

    In vielen Bereichen sind in den letzten Jahren ältere Führungskräfte in den Ruhestand gegangen, jüngere, gut ausgebildete Leute sind nachgerückt. Deren oft nur in Ansätzen vorhandenes Führungswissen, vor allem jedoch mangelnde Führungserfahrung und oft wenig ausgeprägte Sozialkompetenz führt zu Spannungen mit älteren Mitarbeitern, denen vielleicht soziale Aspekte wichtiger sind. Die beiderseits schlechten Erfahrungen führen dazu, dass selbst Arbeitnehmer wenige Jahre vor dem Erreichen des Rentenalters kündigen, die Jüngeren jedoch ihre Vorurteile gegenüber den Älteren verstärken. Hier sind viele Arbeitgeber gefragt, regelmäßig in modernes Führungswissen zu investieren.

Fazit:
Trotz aller Bemühungen um die sogenannten "Fachkräfte" – gemeint sind Menschen, also Fachleute – wie sie beispielsweise auf dem Portal jobs-oberlausitz.de ersichtlich sind, kann von einem fluktuierenden Arbeitsmarkt im Landkreis Görlitz keine Rede sein. Zuerst bekommen das ältere Arbeitssuchende zu spüren. Wer vor Ort wohnt und von Arbeitslosigkeit betroffen ist, kann auf Vermittlungsbemühungen und eventuelle "Maßnahmen" der Arbeitsagentur oderr Jobcenter hoffen, wer ungekündigt ist, aber sich beruflich verändern will, hat im Landkreis Görlitz weniger Chancen als in wirtschaftlich besser aufgestellten Regionen.

Vor diesem Hintergrund fand ich meine Frage nach den Bewerbungschancen für in diesem Fall für Frauen über 50 überhaupt nicht "albern", sonder eher als Hinweis auf die Probleme dieser Altersgruppe im Arbeitsmarkt.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: jp26jp / John R Perry, Pixabay, Lizenz CC0 Public Domain
  • Zuletzt geändert am 12.06.2018 - 11:03 Uhr
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