Vegetarier haben's schwer in Sachsen

Vegetarier haben's schwer in SachsenGörlitz, 31. Oktober 2018. Von Thomas Beier. Aus Sicht vieler Sachsen ist der Freistaat das lebenswerteste Bundesland, das pfiffigste soundso. Zu diesem Selbstverständnis tragen sicherlich die vielfältige Landschaft, schöne Städte, viele sächsische Erfindungen – von hier kommen wichtige Helfer wie der Biereckel, der Büstenhalter, der Aktendulli und der Papierkaffeefilter – und nicht zuletzt die deftige sächsische Küche bei. Letztgenannte scheint allen Trends hin zu vegetarisch oder gar vegan zu trotzen, wie die Vergleichsstudie*) von HelloFresh, dem weltweit führenden Lieferanten für Kochboxen, herausgefunden hat.
Abbildung oben: In die Küche kommen zum Gemüse schnippeln? Da bleibt der Sachse lieber auf der Ofenbank und trinkt noch einen Kaffee

Was in Sachsen und seinen Nachbarländern bervorzugt auf den Tisch kommt

Was in Sachsen und seinen Nachbarländern bervorzugt auf den Tisch kommt

"Fleisch ist mein Gemüse" ist ein geflügeltes Wort in Sachsen

Freilich gibt es eine ganz typisch sächsische Küche so wenig wie eine typisch deutsche – oder? Irgendwoher muss ja der Kaffeesachse seinen Titel haben, doch der Ruf nach "Gaffee un Guchn" lässt sich eher in den Dresdner Raum verorten. Überhaupt ist die sächsische Küche stärker durch die Regionen geprägt: Kartoffeln, Leinöl und Qark kennt in der Oberlausitz jeder, während das Leipziger Allerlei ganz eindeutig der selbsternannten Heldenstadt zuzuordnen ist. Einen gemeinsamen Nenner findet man in Sachsen – wie in ganz Mitteldeutschland – wohl am ehesten in der Tatsache, dass gegenüber Kartoffeln ("Erdäppeln"), Reis und Teigwaren Klöße (Kartoffelklöße, Grüne Klöße, Schlesische Klöße u.v.a.m.) und Knödel bevorzugt werden.

Laut Studie ist die fast schon sprichwörtliche sächsische Gemütlichkeit auch beim Kochen zu beobachten: Wer kocht, für den scheint die Zeit (und der Aufwand!) keine Rolle zu spielen. Alles muss richtig durchgezogen sein – vielleicht ist deshalb hier aufgewärmter Eintopf so beliebt? "Jetzt schmeckt er erst so richtig gut" heißt es, wenn der Suppentopf die erste Nacht hinter sich hat. Die Oberlausitzer mit ihrer verbreiteten Fischwirtschaft in der Heide- und Teichlandschaft, einem UNESCO-Biosphärenreservat, dürfte ganz besonders freuen, dass sich in Sachsen Fischgerichte höchster Beliebtheit erfreuen.

Die Vergleichsstudie von HelloFresh lässt zudem Sachsen und Niedersachsen kulinarisch zusammenrücken, zumindest was die Ablehnung vegetarischer und exotischer Gerichte anbelangt. Und: Viele Sachsen mögen kein Chili! Vielleicht setzen deshalb noch immer viele sächsische Landgasthöfe, aber auch städtische Restaurants auf die "gutbügerliche Küche" und unterschätzen damit die den Sachsen in der Studie ebenfalls attestierte Lust auf neue Rezepte.

In den sächsischen Nachbar-Bundesländern

Erstaunlich ist übrigens, dass in Thüringen – immerhin anerkanntes Bratwurstland – Würstchen eher unbeliebt sind; hier werden handfeste Steaks und saftige Schnitzel bevorzugt, doch auf dem ersten Platz liegen überbackene Gerichte wie Gratins und Aufläufe. Zu den Sachsen passt hingegen die Ablehnung von Scharfem und Vegetarischem.

Auch in Brandenburg sind Würstchen nicht gerade heiß begehrt. "Keine Experimente!", scheint sich der Brandenburger zu sagen und setzt neben Steak, Schnitzel und Fisch auf Kartoffelgerichte. Historisch ist das nachvollziehbar, gehören doch Sachsen seit dem Jahr 1716 und Preußen seit 1738 noch vor Frankreich (1783) zu den kontinantaleuropäischen Kartoffelanbau-Pionieren, nachdem die Kartoffelpflanze in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Oberfranken und Niederösterreich ein eher verborgenes Dasein geführt hatte. Das typisch italienische Ristorante dürfte es in Brandenburg vor diesem Hintergrund etwas schwerer haben als anderswo: Pizza und Pasta rangieren am unteren Ende der Beliebtheitskala der Brandenburger.

Bleibt noch der Blick nach Sachsen-Anhalt, ins "Land der Frühaufsteher". Auch hier steht die Kartoffel in der Beliebsheitsskala ganz oben, nur getoppt von Fisch und – eine neben Schleswig-Holstein sachsen-anhaltinische Eigenheit – cremigen Speisen. Mittlerweile als "typisch mitteldeutsch" zu bezeichnen wäre das "ferner liefen" für exotische Speisen, beispielsweise für Curry und indische Rezepte. Auffällig in Sachsen-Anhalt ist zudem, dass Koriander eher unbeliebt ist, weshalb wohl? Das hat den Görlitzer Anzeiger interessiert...

Warum Koriander oft unbeliebt ist

Koriander ist eine gängige Gewürz- und Heilpflanze, allerdings mit einem, sagen wir, gewissen Konfliktpotential. Zum Würzen werden sowohl das Korianderkraut als auch der Koriandersamen verwendet. Das Aroma des Korianderkrauts, verarbeitet in Salaten oder als Gewürz von Käse, Fisch und Fleisch, gilt als einzigartig, aber eben auch stark gewöhnungbedürftig. In Europa kommt eher der geröstete Koriandersamen zum Zuge, der nach dem Rösten sofort frisch gemahlen werden sollte. Koriander wird großenteils in Currypulver verarbeitet – und Curry mag man ja in Sachsen-Anhalt nicht so sehr. Ansonsten landet Koriandersamen oft in Brot und Gebäck und passt zu Salzigem. Die Leipziger Gose, ein Spezialbier, wird mit Koriander gewürzt.

Medizinisch soll Koriander appetitanregend und verdauungsfördernd wirken, ebenso krampflösend und bei Magen- und Darmbeschwerden zu Linderung verhelfen. Allerdings hat Koriander auch ein gewisses Potential, allergische Reaktionen auszulösen: Vielleicht haben ja besonders viele Sachsen-Anhaltiner schlechte Erfahrungen gemacht?

Deutschlandweite Unterschiede

Schaut man über die mittel- und ostdeutschen Länder hinaus, könnte man anhand der Vergleichsstudie zum Schluss kommen, dass im Westen und in Berlin leichte, vegetarische und vor allem schnell zuzubereitende Kost eher eine Chance hat, abgesehen von einer Wurstvorliebe der Hessen und der Niedersachsen. In den östlichen Ländern sind hingegen Schnellkochgeräte nicht so beliebt.

Der Norden überrascht, indem hier nicht etwa Fisch besonders häufig auf dem Speiseplan steht, sondern – Wer hätte das gedacht? – Gefügel. Im Süden dagegen, in Baden-Württemberg und in Bayern, kann's gar nicht scharf genug sein.

Und was bedeutet das nun?

Auch wenn die Hello-Fresh-Vergleichsstudie nicht repäsentativ ist, so zeigt sie doch, dass es regionale Vorlieben (und Abneigungen) beim Essen gibt. Angsichts des weitgehend standardisierten Angebots der Supermärkte und Discounter ist es beruhigend, dass bestimmte Traditionen bewahrt bleiben. Allerdings ist anzunehmen, dass auch der Osten und vor allem die Sachsen nach und nach den Weg zu leichterer Kosten finden. Unbestritten ist, dass bewusste Ernährung einen großen Beitrag leistet, Übergewicht zu vermeiden und die sogenannten Zivilisationskrankenheiten zurückzudrängen.

*) "So isst Deutschland: die ultimative Food-Karte" von HelloFresh. Datenerhebung von Januar bis Juni 2018, berücksichtigt wurden nur HelloFresh-Kunden, die die Gerichte in ihrer Kochbox aktiv ausgewählt haben. Alle Daten relativiert und in Bezug zur Anzahl aller HelloFresh-Kunden und bestellten Kochboxen in den jeweiligen Bundesländern gesetzt.

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Kommentare Lesermeinungen (1)
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Vegetarier haben's schwer in Sachsen

Von Thomas John am 05.11.2018 - 18:56Uhr
Werde mich hüten, mich "bewusst zu ernähren". Ich esse lieber gemütlich und genüsslich und denke nicht groß drüber nach. Oder zähle Kalorien, Broteinheiten oder Du-darfst-Punkte und sonstigen Unsinn. Wer genussvoll ist, bekommt Glückshormone, die halten auch gesund ;-).

Das bedeutet aber keineswegs, dass ich Vegetarisches ablehne. Ich denke, die meisten Leute, die das nicht mögen, haben noch keine indischen Gewürze (wie besagten Koriander oder auch Cumin oder Kardamom) probiert. Mit einer Mischung dieser Gewürze schmecken vegetarische Gerichte traumhaft vollmundig, ich vermisse dann das Fleisch überhaupt nicht. Das bringt mich aber nicht dazu, Vegetarier zu werden. Oder gar Veganer.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Gemüse schneiden: marvorel / Martin Vorel, Foto Fleisch: felix_w / Felix Wolf, beide Pixabay und Lizenz CC0 Public Domain
  • Zuletzt geändert am 31.10.2018 - 12:24 Uhr
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