Im Hospiz für Demokratie?

Im Hospiz für Demokratie?Görlitz, 6. November 2021. Von Nicole Quint. Wie passen das Gedenken an die Opfer deutscher Verbrechen, das Schweigen zu rechtsextremer Gewalt und die Aufrufe zum Bau neuer Mauern zusammen? Gar nicht, es sei denn man lebt in Sachsen.

Nachgebauter Zaun im Menschenrechtszentrum Cottbus

Foto: © BeierMedia.de

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Hört endlich auf, Migration zu kriminalisieren!

Anfang November findet in Görlitz eine Jüdische Gedenkwoche statt. Lesungen, Mahnungen und die Verlegung von Stolpersteinen stehen auf dem Programm. Auch Nachfahren verfolgter und ermordeter Juden werden anreisen. Ob sie wohl wissen, dass selbsternannte Grenzschützer schon seit Wochen in ihrem zu allem entschlossenen Stumpfsinn dazu aufrufen, auch in Görlitz entlang der Neiße zu patrouillieren, um Migranten zu jagen, die von Belarus über Polen versuchen nach Deutschland zu gelangen? Wird den Angehörigen deportierter, getöteter oder zur Auswanderung gezwungener Juden erzählt, dass der Mob, der mit Macheten, Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet das Recht in die eigene Hand nehmen will, ausgerechnet durch den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer zu solchen Aktionen ermutigt wird?

Mit seiner Aussage „Wir brauchen Zäune und vermutlich auch Mauern“ ist Kretschmer ein weiteres Mal zum verbalen Flammenwerfer geworden, indem er Migration kriminalisiert. Im Pflegeheim seiner Erinnerungen wird der antifaschistische Schutzwall offenbar liebevoll gehütet. In Polen vermeidet man den Begriff Mauer lieber und beschließt stattdessen den Bau einer Barriere für 366 Millionen Euro. 366 Millionen, die nicht für Nahrung, Decken, Medikamente und Transport ausgegeben werden, sondern um Schutzsuchenden die Hilfe zu verwehren, die ihnen die UN-Menschenrechtscharta garantieren sollte. Von allen Mühlen der Politik und mehreren verlorenen Wahlen gemahlen, sind Menschenrechte für Kretschmer nur noch eine Vokabel in Festtagsansprachen, aber kein Argument gegen einen Mauerbau, auch – das immerhin gibt er zu – wenn das noch so bitter sei und für keine schönen Bilder sorge. Erfrorene und verhungerte Menschen an Europas Grenzen sind einfach furchtbar unfotogen.

Man schenke der sächsischen Staatskanzlei deshalb doch lieber das Foto von Munzir und Mustafa. Es zeigt, wie der 32 Jahre alte Munzir sich mit dem Stumpf, der von seinem rechten Bein übriggeblieben ist, auf eine Krücke stützt, um freihändig stehen und seinen kleinen Sohn Mustafa in die Luft heben zu können. Dem Fünfjährigen fehlen Arme und Beine. Vater und Sohn lachen sich an, liebevoll und ausgelassen. Diesen innigen Moment aufgenommen hat der Fotograf Mehmet Aslan. „Die Härten des Lebens“ hat er sein Bild genannt, mit dem er die Siena International Photo Awards gewann und damit auch die Chance, die Aufmerksamkeit der Welt wenigstens kurz auf das Schicksal der Familie zu lenken, die aus Syrien in die Türkei geflüchtete ist. Munzir verlor sein Bein bei einem Bombenangriff, Mustafa kam ohne Gliedmaßen auf die Welt, nachdem seine Mutter während der Schwangerschaft dem Giftgas Sarin ausgesetzt war. Wer schämt sich angesichts dieses Bildes nicht dafür, dass wir Menschen wie Munzir und Mustafa hinter Mauern sperren wollen? Die Frage ist wichtig. Es gibt kein vorgeschriebenes Mindestmaß von Empathie, aber wen dieses Foto ungerührt lässt, der muss sich fragen, woher die Verhärtungen seiner Seele rühren und noch wichtiger, was man dagegen tun kann. Mit Mitleid allein ist es allerdings nicht getan.

Hört endlich auf, Migration zu kriminalisieren! Den Zementsäcken in der sächsischen CDU, die versuchen, der AfD wieder den Rang abzulaufen, indem sie Flüchtlinge diffamieren, hätten bereits durch ihre letzten Misserfolge bei Wahlen erkennen können: You can never outstink a skunk. Du kannst ein Stinktier nicht übertrumpfen. Stattdessen braucht es Moral, Mitmenschlichkeit und intellektuelle Mühen. Auch Veranstaltungen wie die Jüdische Gedenkwoche können zu diesen gemeinsamen Anstrengungen einen wichtigen Beitrag leisten, allerdings nur, wenn es ihnen gelingt, die große historische Schuld mit der großen gegenwärtigen Verantwortung zu verknüpfen. Nichts, rein gar nichts wird wieder gut durch die Verlegung eines Stolpersteins. Erinnern, mahnen, vielleicht sogar trösten kann solch ein Stein, aber auch nur, wenn er glaubhaft für das Bekenntnis zu unserer Schuld steht, und nicht bloß eine Requisite im deutschen Gedächtnistheater ist, wie der Soziologe Y. Michal Bodemann die ritualisierte Erinnerungskultur nennt, die nur dazu diene, sich als geläutert und gut zu empfinden. Wer nur die Taten der alten Nazis verurteilt, während die erbärmliche Niedertracht der neuen Rechten die ganze Gesellschaft vergiftet, schaut zu, wie Sachsen zum ersten deutschen Hospiz für Weltoffenheit, Solidarität und Demokratie wird. Leugnen, Verharmlosen, Wegschauen sind hier längst wieder zu akzeptierten Massenphänomenen, in manchen Regionen sogar zur Regel geworden. Dafür, was passiert, wenn der Widerstand ausbleibt, hat die britische Schriftstellerin A. L. Kennedy in einem aktuellen Beitrag für die Süddeutsche Zeitung einen treffenden Vergleich gefunden: „Ich denke, dass Nazitum vielleicht so etwas Ähnliches ist wie Herpes. Man wird die Infektion nie ganz los. Nein – eher wie Syphilis. Unbehandelt endet es im Wahnsinn.“

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  • Quelle: Nicole Quint
  • Erstellt am 06.11.2021 - 06:21Uhr | Zuletzt geändert am 06.11.2021 - 06:52Uhr
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