Durch die Gitter

Cottbus/Chosebuz, 4. August 2015. Von Thomas Beier. Im Zuchthaus Cottbus waren zu "DDR"-Zeiten fast ausnahmslos politisch Unliebsame eingesperrt - wegen Widerstands, Nicht-Anpassung, Fluchtversuch, Streben nach humanistischer Bildung oder ganz einfach nur, um ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Weltweit einmalig: Die ehemaligen "Politischen" kauften ihr eigenes Zuchthaus, sanieren es Schritt für Schritt und haben eine bemerkenswerte Gedenkstätte eingerichtet, die neben der Dokumentation stark auf künstlerische Mittel setzt und mit ihrer Konzeption auch junge Leute erreicht. Seit der Gründung des Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. im Jahr 2007 sind die Fortschritte unübersehbar: Das Hafthaus 1 ist saniert und zur Gedenkstätte geworden, die Ausstellung "Karierte Wolken – politische Haft im Zuchthaus Cottbus 1933 – 1989“ in eigener Regie entwickelt und realisiert. Diese Leistung ist jetzt vom Bund, vom Land Brandenburg und von der Stadt Cottbus mit einem Zuwendungsbescheid anerkannt worden, der die Existenz und die Arbeit der Gedenkstätte sichert.
Abbildung oben: In der Dauerausstellung des Menschenrechtszentrums Cottbus im ehemaligen Zuchthaus.

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"Briefe durch die Gitter" bewahrt

Gestern brachte Kulturstaatssekretär Martin Gorholt den ersehnten Zuwendungsbescheid, zunächst über 312.000 Euro. Mit dieser Projektförderung unterstützen Bund, Land und Stadt für die Jahre 2015 und 2016; das Land Brandenburg wird die Summe in 2016 sogar um 100.000 Euro erhöhen, die Stadt Cottbus legt weitere 50.000 Euro obendrauf.

Für Dieter Dombrowski, ehemaliger Häftling und Vorsitzender des Vereins sowie Vizepräsident des Brandenburgischen Landtages, würdigt die Zuwendung, allerings nicht ohne auf weiteren Finanzbedarf hinzuweisen: "Insgesamt bekommt das Menschenrechtszentrum für diesen Zeitraum 463.000 Euro aus öffentlicher Förderung, womit fünf Personalstellen gesichert sind. Wir sind unseren Unterstützern von Bund, Land und Stadt Cottbus für die Förderung sehr dankbar. Lange hat es danach ausgesehen, als hätten wir zu Beginn dieses Jahres schließen müssen. Auch wenn allerdings die Fördersumme hoch ist, muss der Verein zusätzlich im gleichen Zeitraum den Löwenanteil der Kosten tragen. Denn für eine weitere Personalstelle und die gesamten Betriebskosten muss das Menschenrechtszentrum 280.000 Euro aus Spenden, Verkäufen und Mieteinnahmen aufbringen. Die gesamten Mittel reichen allerdings immer noch nicht aus, um eine ausgebildete Fachkraft für Finanzen zu finanzieren. Unser Schatzmeister muss diese Aufgabe weiterhin ehrenamtlich ausüben, was eine sehr hohe Verantwortung ist, da wir mittlerweile Millionen bewegen.“

Europaweite Bedeutung

Die Cottbusser Gedenkstätte strahlt inzwischen europaweit aus, vor allem, weil sie sich an historischem Ort mit den Folgen der beiden deutschen Diktaturen auseinandersetzt und vor diesem Hintergrund junge Leute für die Menschenrechte sensibilisiert. Spezielle pädagogische Angebote wenden sich mit interaktiven und erlebnisorientierten Methoden an Schulen. "Das, was uns allerdings von anderen Gedenkstätten unterscheidet, ist, dass die ehemaligen Häftlinge nicht nur ihre persönliche Handschrift in dem ehemaligen Unrechtsort durch ihre aktive Mitwirkung hinterlassen. Sie fühlen sich hier herzlich willkommen und wie 'zuhause', wie sie vielfach sagen. Dieser Ort hat seinen Schrecken für sie verloren, denn es wird vielfach gemeinsam gekocht, gefeiert und ein Glas Wein auf die neuen Zeiten und die Freiheit getrunken“, berichtet die Gedenkstättenleiterin, Sylvia Wähling.

Höhepunkte 2014

Im Jahr 2014 wurde - in Kooperation mit dem Staatstheater Cottbus - Beethovens Freiheitsoper "Fidelio" vor der Kulisse des Hafthauses, am authentischen Ort, vor mehr als 8.000 Besuchern aufgeführt. Nur wenige Monate später, am 7. November, 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution, die zur Implosion der SED-Diktatur führte, feierten das Parlament und die Landesregierung Brandenburgs gemeinsam mit Bürgern den Mauerfall in der "Pentacon-Halle" der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, dort, wo die Häftlinge ausgebeutet wurden, damit die "DDR" Praktica-Fotoapparate für billiges Geld in die alte Bundesrepublik liefern konnte.

Einzigartige Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsstätte

Jugendbildung, Forschung, Gedenken - für die Arbeit des Menschenrechtszentrums im früheren, versteckt inmitten der Stadt gelegenen Cottbusser Knast hatten sich in den vergangenen Monaten bundesweit Tausende mit ihrer Unterschrift und mit Briefen an Politiker eingesetzt - sogar ehemalige Wärter, damals "Erzieher" genannt. Die Übergabe des Zuwendungsbescheides durch Staatssekretär Martin Gorholt persönlich wertet das Menschenrechtszentrum als Anerkennung seiner Arbeit nicht nur durch Besucher, Häftlinge und einen Großteil der Fachwelt, sondern auch durch die Politik.


Mehr erfahren über politische Häftlinge in der "DDR"


    Zwei Bücher berichten anschaulich über das Erleben der SED-Diktatur und die daraus entstehenden Konflikte mit der Staatsmacht der "DDR": Ein von Heiner Sylvester herausgegebener Band mit Erinnerungen politischer Cottbus-Insassen und ein von Matthias Zwarg im Auftrag des Kunstzone e.V. herausgegebenes, in seiner Vollständigkeit und Authentizität wohl einmaliges Buch, das Haftbefehl, Anklageschrift, das erpresste Geständnis, den Schlussbericht der Ermittlung, den Verhandlungsbericht, die Urteilsbegründung und weitere Dokumente in der "Strafsache Jörg Beier" - Insasse auf dem Chemnitzer Kaßberg und im Zuchthaus Cottbus - enthält. Die Anklageschrift beispielsweise wurde politischen Delinquenten nur verlesen, aber nicht ausgehändigt. Ein Rechtsanwalt hatte das Dokument der Familie zugespielt.

    Abseits der pseudojuristischen "DDR"-Formalien liegt der Wert des Buches aber im wiedergegebenen, nahezu vollständig erhaltenen Briefwechsel Beiers mit seinen Eltern und Geschwistern. Er zeigt, wie tief die SED-Diktatur das Leben selbst gutwilliger Menschen deformiert hat. Die Dokumentation endet mit der Friedlichen Revolution 1989/90, die Stasi hatte Beier bis zur letzten Sekunde mit "Operativplänen" im Visier.

    Wer meint, die sogenannte "DDR" - dieser Staat war weder deutsch noch demokratisch noch eine Republik - sein kein Unrechtsstaat gewesen, wird anhand der Dokumente, die nicht aus der Erinnerung, sondern aus damals aktuellem Erleben zehren, eines besseren belehrt.

      • Wir wollten nur anders leben
        Erinnerungen politischer Gefangener im Zuchthaus Cottbus
        Herausgeber: Heiner Sylvester
        ISBN 978-3-00-044179-0
        Erschienen im Eigenverlag Menschenrechtszentrum Cottbus e.V., 1. Auflage 2013, 413 Seiten.

      • Aber die Gedanken sind frei
        Briefe durch die Gitter
        Herausgeber: Matthias Zwarg im Auftrag des Kunstzone e.V.
        1. Auflage 2015, 340 Seiten
        14,80 Euro zzgl. 3,50 Euro Versand,
        Bestellung via redaktion@goerlitzer-anzeiger.de
        oder direkt in der Freien Republik Schwarzenberg (auch Versand)
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  • Quelle: red | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 03.08.2015 - 22:54Uhr | Zuletzt geändert am 18.09.2015 - 08:08Uhr
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