Görlitz im Digitalradio

Görlitz im DigitalradioGörlitz, 1. Oktober 2021. Von Thomas Beier. Görlitz wirbt seit gestern im Digitalradio DAB+. Dazu sagte Oberbürgermeister Octavian Ursu: "Wir wollen die Stadt Görlitz als Stadt der Wissenschaft, Forschung und der neuen Technologien ausbauen. Dafür brauchen wir insbesondere gut ausgebildete Fachkräfte und junge Familien, die sich hier in unserer Stadt niederlassen wollen. Mit Werbung über digitale Medien sprechen wir genau diese Zielgruppe, die jungen Menschen, an."

Abb.: Der Görlitzer Oberbürgermeister Octvian Ursu (li.) und Ronny Schulz, Programmchef von dpd – Driver's Pop Delivery Radio, kurz dpd DRIVER'S RADIO. dpd steht also nicht für einen bekannten Zustellservice – mit dem allerdings eine Sponsoring-Partnerschaft besteht –, sondern für Driver's Pop Delivery. Das Programm ist in großen Teilen Deutschlands per DAB+ und überall, wo es anliegt, via Internet empfangbar und wendet sich an alle, die beruflich bedingt viel mit Auto oder Lkw unterwegs sind

Bildquelle: Stadtverwaltung Görlitz

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Das theoretische Potential an Görlitz-Zuzüglern ist gewaltig

Ob das gelingt, wird sich zeigen. Ausgestrahlt wird über drei Radioprogramme des sogenannten zweiten DAB+ Bundesmux, nicht zu verwechseln mit "Mux der Insektentod", einem gebrauchsfertigen Vernebelungsmittel (sic!) mit Bakelitverschluss, das auf dem Etikett nachhaltige Wirksamkeit verspricht. Ob die Digitalrundfunkwerbung für Görlitz auch so nachhaltig wirkt?

Wie das Görlitzer Rathaus mitteilt, erreichen die drei für den Spot gebuchten Kanäle über 67 Millionen Menschen in Deutschland. Ei der Daus – und das bei 83 Millionen Einwohnern! Von denen ist allerdings, wie das Statistische Bundesamt weiß, jeder Zweite älter als 45 Jahre und dürfte damit nicht so recht in die ersehnte Görlitz-Zuwanderungs-Zielgruppe passen. Abziehen darf man außerdem – so ganz grob – jeden Fünften, vom Baby bis zum Twen, bleiben ungefähr 30 Prozent der Bundesbürger, die theoretisch aus Karrieregründen nach Görlitz umziehen könnten, vielleicht weil sie sich auf den Oberlausitzer Karrieretagen 2021 am 16. und 17. Oktober in der Löbauer Messehalle informiert haben. Nicht ohne Grund werben die Veranstalter im Görlitzer Anzeiger, der seine Leser in allen deutschen Landen und in vielen weltweit hat.

Wunsch und Wille

Aber bleiben wir beim Radiospot. Knappe 25 Millionen Deutschlandbewohner kommen also, wenn man nur aufs Alter achtet, dafür in Frage, nach Görlitz umzuziehen. Allerdings werden die allermeisten schlichtweg nicht wollen, was irgendwie logisch erscheint. Werbeleute sprechen in diesem Zusammenhang von Streuverlusten, die ein Werbekunde zwar zahlt, die ihm aber reinweg nichts bringen. Weil die Stadt Görlitz aber für die Spots nichts zahlt, hat sie keinen Nachteil.

Da ist es ja nur Nebensache, dass man über den zweiten DAB+ Bundesmux, der nur private Sender umfasst, so richtig bundesweit gar nicht werben kann. Der hat seinen vorläufigen Endausbau nämlich schon im Mai 2021 erreicht. Das ist ähnlich wie beim Breitbandausbau des Internets: Für die privaten Senderbetreiber lohnen sich Ausbau und Ausstrahlung nur dort, wo genügend Leute wohnen. In Görlitz beispielsweise ist das offenbar nicht der Fall, da sagt der Empfänger wie in anderen ländlichen Regionen des wiedervereinigten Deutschlands auf der Suche nach den Sendern des zweiten Bundesmux keinen Mucks.

Reichweite: technisch oder real?

So erklärt sich die Zahl der angeblich 67 Millionen Menschen, die in Deutschland erreicht werden: Das ist die technische Reichweite, aber keine Aussage darüber, wie viele dieser Leute tatsächlich einen Zweiter-Bundesmux-Sender hören. Interessanter ist die Zahl derer, die über ein eingeschaltetes, mit ausreichender Lautstärke auf die jeweiligen Sender eingestelltes Empfangsgerät verfügen und in der Lage sind, intellektuell wie überhaupt auditiv dem Programm zu folgen. Wird die technische Reichweite zugrunde gelegt, dann ist das ungefähr so, wie den Werbeerfolg einer gratis verteilten Zeitung an der Auflage messen zu wollen oder, noch deutlicher, an der Zahl gedruckter Flyer, wie die führende Partei der Sachsen in anderen Bundesländern feststellen musste, nachdem sie dem Zentrum für politische Schönheit auf den Leim gegangen war. Generell gilt, dass die Reichweiten der über Funk verbreiteten Hörfunkangebote nicht genau ermittelt werden können.

DAB+ ist technischer Fort- und klanglicher Rückschritt

Der Stadt Görlitz ist für ihre Werbeaktion, die einen Hauch ungewohnter Spontaneität an sich hat, viel Erfolg zu wünschen – und dem DAB+ System auch. Um sich durchzusetzen, brauchte und braucht es nämlich noch etwas Geburtshilfe, etwa durch die EU, die es seit Dezember 2020 für neue Autos vorschreibt. Dabei ist der mit einer UKW Radio erzielbare Klang dank analoger Frequenzmodulation deutlich besser! Das verhält sich ungefähr wie die gute alte Schallplatte zur CD: Digitale Systeme sind zwar frei von Knistern und Rauschen, basieren jedoch immer auf Datenreduktion. Während über UKW Frequenzen bis zu 15 Kilohertz übertragen werden können, hat das Digital Audio Broadcasting – kurz DAB – engere Grenzen. Streamte das inzwischen abgeschaltete DAB-System wenigstens noch mit 128 KBit pro Sekunde, sind es bei DAB+ nur noch 80, um noch ein paar mehr Sender unterzubringen; die dafür in Kauf genommenen klanglichen Mängel werden mit technischen Tricks überdeckt.

Noch warten? Worauf?

Dennoch ist der Fortschritt nicht aufzuhalten, auch für Görlitz. Wer von den Entwicklungen in Görlitz profitieren möchte, ist im ersten Schritt auf der Webseite www.goerlitzerwerden.de richtig angekommen. Jetzt einfach den nächsten Schritt machen, immer wieder, so lange, bis auf dem Görlitzer Einwohnermeldeamt alles erledigt ist!

Mehr:
Sie hören jetzt Rundfunkwerbung der Stadt Görlitz

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  • Quelle: red / Thomas Beier | Bildquelle: Stadtverwaltung Görlitz
  • Erstellt am 30.09.2021 - 21:49Uhr | Zuletzt geändert am 01.10.2021 - 13:04Uhr
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